Wo bleibt ARTE Ost?

Der Fernsehsender ARTE klärt seit 18 Jahren Deutsche und Franzosen übereinander auf. Zum anderen großen Nachbarland Deutschlands – Polen – gibt es keine ähnlich fest verankerte mediale Institution. Von Mängeln, Hoffnungen und Visionen einer grenzüberschreitenden Medienlandschaft an Oder und Neiße.

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind so gut wie nie zuvor. Das vernimmt man häufig aus dem Mund von Experten beider Länder. Entlang von Oder und Neiße, der einst neuralgischen Linie zwischen Polen und Deutschen, konnte man in den letzten knapp zwanzig Jahren beobachten, wie die Grenze zunächst durchlässig wurde und schließlich im Zuge des EU-Beitritts Polens und der Erweiterung des Schengenraums beinah verschwand. Geteilte Städte, die sich voneinander abgewandt hatten und entfremdet an den Grenzflüssen gegenüber lagen, wenden sich einander zu und kultivieren in kleinen Schritten einen grenzüberschreitenden öffentlichen Stadtraum. In Görlitz wurde das alte Stadtzentrum wieder mit einer Brücke über die Neiße mit der Zwillingsstadt Zgorzelec verbunden. Zwischen Guben und Gubin wird die seit 1945 brachliegende Theaterinsel als gemeinsamer Park gestaltet und Frankfurt (Oder) und Słubice haben ihre verwaisten Flussufer zu Promenaden verschönert. Die Oderregion – zu Zeiten des Kalten Krieges eine hochmilitarisierte Zone mit Sprengstoffarsenalen – ist ein Ausflugsziel für Rad- und Wassersporttouristen geworden. Trotz mancher Schwierigkeiten schreitet die Zusammenarbeit spürbar voran. Beobachter sprechen vom „Wunder an der Oder“: Beispielhaft habe sich seit dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs an der deutsch-polnischen Grenze eine europäische Nachbarschaft entwickelt.

„Die Veränderungen sind riesig“, sagt Oliver Tettenborn, Referent für Öffentlichkeitsarbeit am Internationalen Hochschulinstitut Zittau. „Polen und Tschechien sind von hier nur einen Steinwurf entfernt. Früher musste ich auf dem Weg ins Riesengebirge drei Grenzkontrollen passieren, jetzt kann ich mit dem Fahrrad im Dreiländereck herumfahren.“ An Tettenborns trinational gegründeten Institut, das sich „Werkstatt europäischen Denkens“ nennt, kommt der größte Teil der Studierenden aus Polen und Tschechien – allein deshalb treibt es die Verflechtung des Lebens über die Grenzen hinweg unaufhaltsam voran.

Grenzüberschreitende Initiativen, seien es zweisprachige Schulen, deutsch-polnische Begegnungsstätten oder gemeinsame Stadtfeste erhalten im Alltag immer größeren Zuspruch, auch wenn sie oft nur von einer Hand voll Aktiven getragen werden. „Ich wollte meinen Sohn für den deutsch-polnischen Kindergarten in Görlitz anmelden, aber die Warteliste war zu lang, weil es soviel Interessenten gibt“ , so Tettenborn.

Keine Spur von einer mitteleuropäischen Grenzregion

Beruflich ist Tettenborn häufig in den Nachbarländern unterwegs, um Kontakt mit Partnerhochschulen zu halten. Er wohnt in Görlitz und fährt täglich nach Zittau. Dabei hört er eigentlich gern MDR Figaro. Klassik, Chansoniers, Singer-Songwriter, Liedermacher, Canzonieri... In manchen Senken geht der Sender dann weg, mit dem Sendersuchlauf landet man abwechselnd in der polnischen und tschechischen Musikwelt. Das ist ja klasse: RazDwaTrzy! Dann ist da wieder „Figaro“: Immer noch Singer-Songwriter, Chansoniers, Liedermacher,… „Ein Programm, das auch beim saarländischen Rundfunk als landestypisch durchgehen könnte“, stellt der Pendler enttäuscht fest. „Keine Spur davon, dass es der Sender einer spannenden mitteleuropäischen Grenzregion ist.“

Tettenborn ist Grenzgänger von Geburt an, er stammt aus der Pfalz, aus dem Dreiländereck Belgien-Frankreich-Deutschland. Nach dem Slawistikstudium verschlug es ihn nach Ostsachsen. „Dort, wo ich herkomme, das ist Provinz, so wie hier. Aber dort gibt es diese grenzübergreifende Perspektive darauf.“ Mit der Berichterstattung von der anderen Seite der Neiße sehe es auch bei den lokalen Printmedien dürftig aus. „Wenn ich die Tageszeitung in Görlitz lese, weiß ich nicht, was im 30 Kilometer entfernten Bogatynia los ist.“

Für die kürzlich von einer Hochwasserkatastrophe heimgesuchte polnische Nachbarstadt hat Öffentlichkeitsarbeiter Tettenborn zusammen mit Kollegen des Instituts eine spontane Hilfsaktion gestartet. Die Resonanz auf den Aufruf per E-mail war überwältigend. Hilfssendungen hätten sich auf dem Gelände der Hochschule getürmt, berichtet er. „Die örtlichen Medien hingen selbst bei dem Hochwasser mit der Berichterstattung anfangs hinterher. Es gibt hier einfach kein Programm, das wirklich eine Perspektive auf das Dreiländereck als eine Region wagt.“

Sechs Jahre nach der EU-Osterweiterung scheint ein lokales grenzüberschreitendes Medium, das sich die Nähe zweier oder gar dreier – zählt man in Ostsachsen die Sorben hinzu – slawischer Kulturen wirklich zunutze macht, nicht in Sicht. Eine öffentliche Sphäre bildet sich häufig über informelle Kanäle zwischen kleinen Gruppen von deutsch-polnischen Aktivisten, die sich wie Tettenborn auf beiden Seiten der Grenze bewegen und die Nachbarsprache verstehen. Erst danach bilden lokale Medien dies ab. Sonst wird häufig auf Meldungen der Polizei zurückgegriffen, die natürlich immer einen Fundus an Grenzthemen, meist in Bezug auf Kriminalität, zu bieten hat.

„Ein „ARTE Ost“ - gibt es so was?“

Oliver Tettenborn hat diese Frage auf Transodra Online gestellt, einem zweisprachigen Internetportal, das täglich eine Presseschau aus der deutsch-polnischen Grenzregion veröffentlicht. Die Resonanz war dünn. Ein Lichtblick ist „Kowalski trifft Schmidt“, ein vierzehntägig ausgestrahltes deutsch-polnisches Fernsehjournal, produziert vom rbb in Potsdam zusammen mit dem Polnischen Fernsehen TVP – in dieser Form ist das sicher einzigartig.

Tettenborn wünscht sich ein Programm, das „das deutsch-polnisch-tschechische Dreiländereck in seiner Mehrsprachigkeit fühlbar macht“ und genau hier ein „mitteleuropäisches Lebensgefühl“ transportiert, das Mitteldeutschland als Schalterfunktion begreift. Das muss kein Fernsehsender sein, sondern könne auch ein Radio- oder Online-Medium sein. Seine Anregungen hat er bereits zweimal der MDR Figaro-Redaktion gemailt. Er bekam keine Antwort.

Die Sächsische Zeitung hat kürzlich slawische Sonderzeichen wie ł und ę eingeführt. Damit hat sie den brandenburgischen Regionalzeitungen in den Einzugsbereichen neiße- und oderaufwärts immerhin etwas voraus. Über Tschechien oder Polen berichtet die Sächsische Zeitung hauptsächlich auf der einmal pro Woche erscheinenden Seite „Nachbarland“, die im wesentlichen Ausflugstipps enthält. Eine ähnliche Serie erscheint in der Märkischen Oderzeitung. Im Lokalteil von Frankfurt (Oder) beispielsweise bleibt die 300 Meter entfernte Nachbarstadt ein Randthema, ganz zu schweigen von regelmäßigen Nachrichten aus Politik und Gesellschaft jenseits der Oder. Auf der Internetseite der Lausitzer Rundschau findet man unter den Meldungen der letzten Tage einen Text über die Anwerbung polnischer Lehrlinge für Azubi-Stellen in Brandenburg sowie den unverzichtbaren Beitrag „Mit geklautem Traktor nach Polen“. Der Link zur Rubrik „Blick nach Polen“ funktioniert schon seit einer Weile nicht. Symptomatisch bei allen: Was am anderen Flussufer liegt, ist Ausland. Die Nachbarregion wird durch das nationalstaatliche Prisma gesehen, nicht etwa als lokales Einzugsgebiet.

Die polnische Medienlandschaft unterscheidet sich in diesem Teil der Grenzregion kaum von der deutschen. Das ist insofern erstaunlich, als dass das Interesse am Nachbarn in Polen im allgemeinen viel stärker ausgeprägt ist als umgekehrt. Grenzüberschreitendem Lokaljournalismus wird dennoch auch hier wenig Raum geboten. Die liberale in ganz Polen mit zahlreichen Regionalbeilagen erscheinende Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ steht zwar für eine deutschfreundliche Berichterstattung, hat aber lediglich in den Wojewodschaftshauptstädten Gorzów, Zielona Góra oder Breslau Büros – wirklich grenznah sind ihre Korrespondenten jedoch selten unterwegs. Die Leser der hier erscheinenden Zeitungen bzw. die User ihrer Internetportale scheinen deutlich jünger zu sein als die zeitunglesende 50plus-Generation in den alternden Regionen Ostdeutschlands, schaut man sich bespielsweise die „Gazeta Lubuska“ an. Die größte Lokalzeitung in der Wojewodschaft Lebuser Land setzt auf Bürgerjournalismus und präsentiert sich mit einem sehr interaktiven und ziemlich boulevardesken Auftritt im Netz. Als „Bürgerjournalist“ oder als registrierte User bestimmter Städteportale kann man auf der Website der Gazeta Lubuska Beiträge und kommentierte Fotos veröffentlichen. Das bedeutet nicht, dass deswegen mehr grenzüberschreitende Themen bedient werden. Doch wenn sich die Redaktion Überschriften leistet wie „Betrunkener Deutscher rast mit 100 km/h durch Fünfzigzone“ hagelt es über die Kommentarfunktion prompt vernichtende Kritik von den Usern wegen der stigmatisierenden Nationalitätszuschreibung. Das zeugt von einer gewissen Sensibilität der Leser im täglichen Umgang mit den Nachbarn und Stereotypen.

Im Norden ist man weiter

Im Norden sieht es etwas besser aus in der deutsch-polnischen medialen Sphäre. Monika Stefanek, Print- und Radiojournalistin aus Stettin (Szczecin) findet, dass sich die grenzüberschreitende Berichterstattung in den letzten Jahren gut entwickelt hat.
„Ich begann vor neun Jahren meine Arbeit bei einer Stettiner Tageszeitung. Anfangs war es schwierig, Themen von der anderen Seite der Grenze unterzubringen. Wenn doch, dann waren das eher Negativschlagzeilen. Ich erinnere mich, als jemand nahe des Grenzbasars auf deutscher Seite einen Billigsupermarkt errichtet hatte. Da wurde getitelt 'Deutscher zerschlägt Handel'“, erzählt sie, die inzwischen für Radio Szczecin aus Berlin berichtet.
„Mit dem EU-Beitritt 2004 hat das Interesse stark zugenommen. Vorher gab es immer die Angst, dass die Deutschen kommen und das Land aufkaufen werden. Doch das Gegenteil ist passiert. Viele Polen haben sich jetzt auf der deutschen Seite angesiedelt und damit kam ein völlig neues Thema. Verhältnismäßig wenig wird noch immer über Politik berichtet, wahrscheinlich weil lokale Politik letztlich wenig Einfluss hat auf die Region jenseits der Grenze“, sagt Stefanek.

Über die ersten Polen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern zu Kommunalwahlen aufstellen ließen und sich mit Neonazis auseinandersetzen müssen, hat die Journalistin eine preisgekrönte Reportage geschrieben. Zeitweise veröffentlichte die 32-jährige eine wöchentliche Kolumne aus ihrer Heimatstadt für den in Neubrandenburg ansässigen Nordkurier. Dort habe sie nette Leserbriefe bekommen, wie sie sie aus Polen nie erhalten hatte, lacht sie. Von deutschen Alt-Stettinern.

Die Stadt am Haff hat sich gerade um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ beworben. In dem Konzept präsentiert sich Stettin als „Hauptstadt der Grenzregion“. Tatsächlich ist die 406.000-Einwohner-Metropole nicht nur das Zentrum im Nordwesten Polens, sondern auch für die ländlich geprägten vorpommerschen und uckermärkischen Landkreise die nächstgelegene Großstadt. Aus Pasewalk, Prenzlau und anderen Städten, so Stefanek, habe Stettins Bewerbung von den Kommunen, aber auch von den Medien breite Unterstützung erfahren.
Monika Stefaneks jetziger Sender Radio Szczecin, ein Kanal des Polnischen Rundfunks, ist ein Vorreiter in der deutsch-polnischen Medienlandschaft. Er ist beteiligt am 2008 gegründeten Rundfunknetzwerk „Euranet“, einem Medien-Konsortium internationaler, nationaler, regionaler und lokaler europäischer Rundfunksender, das durch Austausch und gemeinsame Produktion mehrsprachiger Audioangebote eine europäische Öffentlichkeit stärken will. Der eigens dafür geschaffene Sender Szczecin.fm sendet regelmäßig Euranet-Produktionen, darunter Nachrichten und Dossiers mit den Schwerpunktthemen Europa und Grenzregion, die auf polnisch, englisch und deutsch zur Verfügung steht. Unter den namhaften beteiligten Rundfunkanstalten ist auch die Deutsche Welle. Ein ostdeutscher Regionalsender gehört bislang nicht zum Netzwerk.

Weitaus länger, bereits seit 1998, produziert Radio Szczecin zusammen mit dem NDR das monatlich ausgestrahlte zweisprachige Programm „Radio Pomerania“, benannt nach der gleichnamigen Euroregion. Durch das 45-minütige Magazin mittwochs um 20.15 Uhr führt ein deutsch-polnisches Moderatorenduo. Reportagen, Porträts und Interviews aus Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung oder Tourismus sollen Polen und Deutsche einander näher bringen. Radio Pomerania ist überall in Mecklenburg-Vorpommern sowie auf dem Gebiet der polnischen Wojewodschaft Westpommern zu hören.

Im „Berlin-Warszawa-Express“ durch die Stereotypen

Słubice. Die Redaktion des erst vor wenigen Monaten gegründeten Lokalfernsehsenders Horyzont TV Słubice in Sichtweite der Oderbrücke in der 17.000 Einwohner zählenden Zwillingsstadt von Frankfurt (Oder) sieht noch etwas chaotisch aus. Mit einem Zischgeräusch öffnet Michał Kuleba eine Flasche Cola. Er ist müde, doch seine Augen beginnen zu leuchten, wenn man den 25-jährigen nach seiner Arbeit fragt. Gerade bastelt er an einem polnisch-deutsches Fernsehprogramm. Um ein Magazin auf kleinster lokaler Ebene für die Doppelstadt Frankfurt (Oder) Słubice geht es. „Ich wollte sowas schon lange machen. Seit fünf Jahren lebe ich hier an der Oder, aber vom deutsch-polnischen Zusammenleben in den beiden Städten war ich immer enttäuscht“, sagt der aus Niederschlesien stammende Student der Europa-Universität Viadrina. „Die Leute in Frankfurt und Słubice wissen wenig voneinander, ich glaube dadurch versäumen sie viel.“
Eine Sendung über gegenseitige Stereotypen und Ähnlichkeiten schwebt ihm vor, Reportagen darüber „wie die Polen und wie die Deutschen sind“. Noch streitet der gelernte Kamera- und Schnitttechniker mit seinen Kollegen über das genaue Format. Der Arbeitstitel lautet: Berlin-Warszawa-Express. „Weil der Zug die beiden Hauptstädte und Länder miteinander verbindet. Mit ihm bin ich oft nach Hause gefahren, er erinnert mich immer gleich an Frankfurt.“ Der Schwerpunkt im Programm, das ein Mal im Monat laufen soll, werde auf der Region liegen. Frankfurt-Słubice soll der Ausgangspunkt für die deutsch-polnischen Themen sein, betont Kuleba. Michał – der einzige, der in der 13-köpfigen Redaktion deutsch spricht – hat schon eine Kooperation mit dem deutschen Lokalfernsehen WMZ auf der anderen Seite der Oder in die Wege geleitet. Noch in diesem Jahr will er in beiden Städten auf Sendung gehen.

„Es hängt sehr von einzelnen Personen ab wieviel grenzüberschreitende Themen im Programm vorkommen“, glaubt die Journalistin Monika Stefanek. „Viele Redaktionen haben ihren Spezialisten, der sich besonders für das Nachbarland interessiert und im besten Fall die Sprache spricht.“ Leider kämen wenige neue nach, bei den jährlich stattfindenden Deutsch-Polnischen Medientagen träfen sich immer die gleichen. Die zwischen Berlin und Stettin pendelnde Reporterin wünscht sich mehr deutsch-polnische Projekte, die über die Berichterstattung aus dem Nachbarland oder den Austausch von Inhalten hinausgehen. Etwas Gemeinsames solle entstehen. Zum Beispiel etwas wie ARTE Ost.

Text erschienen in: "Kunststoff - das Kulturmagazin aus Mitteldeutschland", Heft 21 Okt/Nov/Dez 2010
http://www.kunststoff-kulturmagazin.de

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 30.10.2010