„Die jüdischen Belange“ erhitzen wieder die Gemüter

Diese Worte schrieb der polnische Literaturwissenschaftler Kazimierz Wyka im Juli 1946. Sie werden hier im Titel angeführt, da sie wieder – oder immer noch – lapidar und zutreffend die Atmosphäre im Polen des Jahres 2008, nach dem Erscheinen des Buches „Die Angst“ von Jan Tomasz Gross, erkennen und wiedergeben. Dabei geht es mitnichten um eine angeblich jüdische Angelegenheit, sondern um die Gemüter. Damals wie heute. Das Gross’sche Buch wirkte wie ein Katalysator und rief Reaktionen hervor, die zwar nicht unerwartet, doch von überraschender Heftigkeit waren. Der von Gross zitierte Wyka gelangte zu seiner Erkenntnis unmittelbar nach dem Pogrom von Kielce, der – ausgelöst von einem Gerücht über jüdischen Ritualmord – die verbrecherische Aggression und ungeahnte Feindseligkeit der polnischen Gesellschaft gegen die Überlebenden des Holocaust zutage förderte. Dass die Erinnerung an die Ereignisse, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen, auch heute so starke Emotionen hervorruft, sollte als eine Art Hinweis betrachtet werden: Offensichtlich existiert im polnischen Unterbewusstsein ein verschüttetes und unverarbeitetes Tabuthema, das man verkürzt als „jüdische Angelegenheit“ bezeichnen könnte, das aber in Wirklichkeit eine ganz und gar polnische Angelegenheit ist. Sie umfasst nicht nur das Verhältnis der Polen zu den Juden und zum Holocaust, nicht nur die Abwesenheit der Erinnerung, sie berührt viel mehr das polnische Denkmodell, das bei der Betrachtung der eigenen Geschichte, der polnischen Identität und polnischer Mythen angewendet wird.

Das Buch
Jan Tomasz Gross, Professor an der Universität Princeton, ist Autor von mehreren Arbeiten zur Zeitgeschichte, u.a. zur deutschen Besatzung in Polen 1939 bis 1945 sowie zu den Verfolgungen der Polen während der sowjetischen Besatzung 1939 bis 1941. Im Jahre 2000 ist seine wohl berühmteste Abhandlung erschienen, das relativ schmale Buch „Die Nachbarn“, das von dem antijüdischen Pogrom im Juli 1941 im Städtchen Jedwabne im heutigen Osten Polens erzählt. Damals hat das Buch für großes Aufsehen gesorgt und eine lange Debatte ausgelöst. Gross’ neueste Arbeit „Die Angst. Antisemitismus in Polen unmittelbar nach dem Krieg. Geschichte eines moralischen Niedergangs“ ordnet sich in denselben thematischen Raum ein und bietet zugleich eine Vertiefung des Themas. Der Autor stellt eine sonderbare Kontinuität in der Haltung der Polen gegenüber den Juden auch nach dem Krieg fest, die am spektakulärsten durch das Pogrom in Kielce im Juli 1946 zum Vorschein kam. 42 Menschen wurden damals getötet, Männer, Frauen, Kinder.
Um dieses Ereignis herum baut Gross seine historische Erzählung darüber auf, was den geretteten Juden im Nachkriegspolen widerfuhr. Laut Schätzungen verschiedener Historiker liegt die Zahl der Juden, die in den ersten zwei Nachkriegsjahren in Polen von Polen getötet wurden, zwischen 500 und 3.000. Die jüdischen Heimkehrer wurden meistens mit Verwunderung, Ablehnung und Aggression begrüßt, nicht selten auch mit Worten, wie sie Janina Bauman in den Ruinen von Warschau zu hören bekam: „Unglaublich! Es gibt immer noch welche! Die deutschen Stümper haben doch nicht alle vergast!“ Besonders gefährlich war es für die Überlebenden, mit der Eisenbahn zu fahren, dort wurden sie oft von bewaffneten Gruppen angegriffen, hinausgeworfen und getötet. Man sprach von einer „Zugaktion“. Es kam zu bewaffneten Angriffen auf Kinderheime für gerettete Waisen. In den polnischen Schulen gab es für jüdische Kinder keinen Platz: „Keine der Schulen in Otwock wollte (…) jüdische Kinder aufnehmen, denn man befürchtete Exzesse vonseiten anderer Schüler“, lesen wir in einer Fußnote der „Tagebücher“ von Zofia Nałkowska, die Gross zitiert. Ein Überlebender schrieb an das Jüdische Komitee in Lublin: „Es ist völlig unmöglich, Kinder auf eine polnische Schule zu schicken.“ Lebensbedrohung gehörte zum Alltag.
Gross schildert die verzweifelte Lage der jüdischen Überlebenden: Einige kehrten aus den Lagern zurück, andere hatten mit einer falschen Identität auf der „arischen“ Seite überlebt oder waren von hilfsbereiten Polen versteckt worden, die dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten; noch andere kamen aus der Sowjetunion, wo sie vorläufig Zuflucht gefunden hatten. Dabei widmet der Autor kurz seine Aufmerksamkeit der Kriegszeit zu, um zu zeigen, welche Mechanismen sich damals in den Verhaltensweisen der bedrohten Gruppe (der Polen) gegenüber der Gruppe der bereits Verurteilten (der Juden) entwickelten und festigten. Zwei Faktoren waren dabei im Spiel: das unbedingte deutsche Todesurteil gegen die Juden sowie die im Vorkriegspolen verbreitete, tiefe Überzeugung vom Vorhandensein einer „Judenfrage“. Sowohl die gnadenlose Vollstreckung des Urteils als auch der ausgeprägte polnische Antisemitismus trugen dazu bei, dass die Juden während der deutschen Besatzung lediglich ein provisorisches und bestenfalls von der Gnade der Mitmenschen abhängiges Dasein fristen konnten. Denunziationen, Judenfängerei (szmalcownictwo), die Auslieferung von Versteckten (nicht selten gegen einen Sack Zucker), die weit verbreitete Praxis, sich den Besitz der Verurteilten anzueignen oder ihn geradezu zu rauben, schließlich auch Morde an den Wehrlosen – all dies fügte sich zu einer Palette von Verhaltensweisen zusammen, die durch gesellschaftliches Einvernehmen gerechtfertigt wurden. Hinzu kam die Gleichgültigkeit, die aus jüdischer Sicht nicht unbedingt das Schlimmste war. Dass sich nur verhältnismäßig wenige Polen zu heroischen Verhaltensweisen aufrafften und Juden versteckten oder ihnen auf andere Art halfen (wobei sie sich nicht immer von edlen menschlichen Beweggründen, sondern auch von Hoffnungen auf Profite leiten ließen), oder dass sie gleichgültig und passiv der Vernichtung zusahen, war nicht so verhängnisvoll wie die Tatsache, dass viele andere aktiv handelten und die verfolgten Juden denunzierten, erpressten und nicht selten ermordeten. In diesem Zusammenhang ist weder die gesellschaftliche Ablehnung verwunderlich, der die Rettenden ausgesetzt waren, noch ihre Angst während des Krieges und auch danach. Denn ihr Verhalten sprengte den gültigen Referenzrahmen.
Gross baut seine Geschichte aus verschiedenen Elementen zusammen: Es sind Erinnerungen und Berichte, wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den letzten Jahren, Archivfunde anderer Forscher, die sich mit dem polnischen Untergrundstaat befassten, Akten von Gerichtsverfahren nach dem Krieg, historische Beiträge aus der jüngsten Zeit. In diesem vielschichtigen Mosaik sucht er nach Fährten, die zu einer Erklärung von Haltungen, Verhaltensweisen und Mentalitäten führen können. Zitieren wir nach Gross aus einem Bericht des letzten Vertreters der polnischen Exilregierung in London, Jerzy Braun, der im Juli 1945 schrieb: „In den letzten vergangenen sechs Jahren bildete sich in Polen (endlich!) der früher nicht vorhandene dritte Stand heraus und er übernahm vollständig den Handel, die Vermittlung und Lieferung, das lokale Gewerbe (…) und das gesamte Handwerk. (…) Diese Massen werden diese Gebiete nicht aufgeben.“ Nicht nur Braun wurde auf das gesellschaftliche Phänomen aufmerksam: Der Platz der Juden war nun von Polen besetzt worden, und einen anderen gab es für sie nicht mehr. Die Angst davor, den übernommenen, geraubten oder lediglich aufbewahrten jüdischen Besitz zurückgeben zu müssen, ist in Gross’ Augen eine der möglichen Erklärungen für die vorherrschende Haltung, jedoch keine ausreichende. Die Angst, die auch dem Buch den Titel gegeben hat, hat für den Autor noch eine andere, beinahe metaphysische Dimension: Es ist die Angst vor dem latenten, inneren Bösen, das jederzeit auszubrechen vermag. Die Juden, die von den Nazis entmenschlicht worden waren, verkörperten für die Polen nach dem Krieg die Erinnerung an ihre eigene Teilnahme an diesen Entmenschlichungsprozess, also die Erinnerung an das eigene immanente Böse.
Ein wesentlicher Faktor der Nachkriegslage war, dass sich allmählich die neue kommunistische Macht etablierte, was mit der Wiederbelebung des alten Klischees vom Judeokommunismus (żydokomuna) einherging; dieser Begriff war (oder ist noch immer) Ausdruck der Überzeugung, die Juden hätten eine beinahe genetisch (oder verschwörerisch) begründete Veranlagung zum Kommunismus. Gross versucht, dieses Klischee zu widerlegen, indem er anführt, wie viele Kommunisten jüdischer Abstammung tatsächlich am Machtapparat teilhatten. Doch dieses Vorhaben scheint verfehlt zu sein; unweigerlich assoziiert man die vergeblichen Bemühungen, sich rational mit der Absurdität der „Protokolle der Weisen von Zion“ auseinander zu setzten. Das gilt auch für die folgende, scheinbar unanfechtbare Argumentation, der sich Gross bedient: Während in den 1940er Jahren der jüdische Exodus aus Polen ununterbrochen anhielt (allein 1946, unmittelbar nach dem Pogrom, reisten mehr als 60.000 Juden aus), „nahmen die Reihen der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) sprunghaft zu: von 20.000 Mitgliedern im Juli 1944 bis 235.000 im Dezember 1945 und bis auf eine halbe Million am Anfang des Jahres 1947.“
Das Stereotyp vom Judeokommunismus kann auch durch andere Tatsachen nicht überwunden werden, etwa durch Belege dafür, dass die neuen Machthaber keinesfalls die jüdischen Überlebenden bevorzugten oder ihnen besondere Hilfe zukommen ließen, sondern sie oft schikanierten und ihnen den Neuanfang erschwerten. Das stand übrigens im Widerspruch zur propagandistischen Instrumentalisierung sowohl der „jüdischen Frage“ als auch des Antisemitismus, den die Kommunisten dem antikommunistischen Untergrund und der Londoner Exilregierung zur Last legten. Andererseits stammte aber ein Großteil der neuen Machthaber aus dem Volk und vertrat in diesem Sinne tatsächlich die wohlbekannten und verbreiteten Einstellungen.
Nicht zuletzt befasst sich Gross mit einem weiteren, gewichtigen Bestandteil des Nachkriegsmosaiks: mit dem Verhältnis der katholischen Kirche zu den Gewaltakten gegen die Juden. Nur ein einziger Würdenträger der polnischen Kirche wagte es, ausdrücklich zu sagen, dass „jegliche Behauptungen von einem Ritualmord Lügen sind”, wofür er sich eine heftige Rüge seiner Vorgesetzten zuzog. Der polnische Klerus verurteilte zwar das Töten als solches, bezog sich dabei entweder überhaupt nicht auf die jüdischen Opfer oder suggerierte sogar, sie seien für den Hass ihrer Mitbürger selbst verantwortlich. Dass die Kirche nicht ohne Grund eine politische Manipulation ihrer Äußerungen befürchtete, erklärt dabei nichts und rechtfertigt nichts.
Das Buch zeichnet ein erschütterndes Bild. Die durch den Krieg grausam verkrüppelte polnische Gesellschaft, die gerade von der moralisch verderbenden und vernichtenden Macht der deutschen Besatzer befreit worden war, entwickelte eine Art Stammesmentalität und richtete ihre Aggression gegen Fremde (Juden, aber auch Ukrainer und selbstverständlich Deutsche). Die Verteidigung des eigenen Besitzes war der Grund für die spontane ethnische Säuberung.

Die Reaktionen
Offensichtlich ist die Angst nicht metaphorisch zu verstehen. Es gibt sie immer noch, auch wenn sie heute anderen Ursprungs ist. Davon zeugen die Abwehrreaktionen, die in der Debatte über Gross’ Buch so deutlich zur Sprache kamen. Die Polen scheinen sich panisch davor zu fürchten, dass ihr eigenes Selbstbild zerfallen könnte, ein Selbstbild, das auf Heroismus und Märtyrertum gründet. Es ist auch die Furcht vor dem Verlust eines beinahe transzendenten Wertes, der aus dem Gefühl resultiert, einer außerordentlichen Nation anzugehören. Dagegen muss man sich wehren. „Gross benutzt den historischen Raum lediglich als ein Instrument, mit dem er einen Eingriff im polnischen Bewusstsein durchführen will. (…) Von den Polen verlangt er bedingungslosen Heroismus (…). Seine Unterstellungen gegenüber der Kirche sind schändlich. (…) Es ist Ausdruck einer tiefen Phobie.“ So Jan Żaryn vom Institut für das nationale Gedenken in der Tageszeitung Rzeczpospolita. Im selben Blatt pflichtete ihm Paweł Lisicki bei: „Man kann schwerlich ein anderes Beispiel für derart ausgeprägten Hass und Verachtung finden.“ „Ich fühle mich von Gross persönlich beleidigt, denn er wies nirgendwo darauf hin, dass dieser Antisemitismus relativ war“, erklärte Ryszard Bugaj und fügte hinzu, dass das Buch „ernsthaft dazu beitragen wird, ein schwarzes Bild von Polen zu festigen“. Teresa Bogucka brachte es auf den Punkt: „Jan Tomasz Gross, ein Professor an amerikanischen Universitäten, schmäht uns vor der Welt. Und wir denken nicht mehr über unsere Vergangenheit nach, die ganze Energie wird für die Verteidigung des Bildes von Polen aufgebraucht.“
Dieser Abwehrreflex taucht übrigens nicht nur bei jenen Gegnern von Gross auf, die ihn auf verschiedenste Weisen bloßzustellen versuchen, indem sie ihm Pseudowissenschaftlichkeit, Geschichtsklitterung, Schaffung einer „Atmosphäre von Konfrontation und Hass”, jüdische Herkunft, fremde Auftraggeber usw. vorwerfen (die schieren Beschimpfungen lassen wir beiseite). Auch ernsthaftere Kritiker behaupteten, der Autor versuche, die Verbrechen einiger Polen allen anzulasten, er gehe tendenziös mit den Quellen um, er erlaube sich plumpe Verallgemeinerungen, extreme Urteile, verfehlte Interpretationen, lasse sich von negativen Emotionen leiten, vertrete extreme Meinungen, gebe zu hohe Zahlen an, habe keine „Achtung vor Empfindlichkeiten anderer“, unterschlage den geschichtlichen Kontext, ziehe provokative Schlussfolgerungen, die „die Gesamtheit der Polen beleidigen“, benutze eine inakzeptable Sprache und unangemessene Vergleiche.
Andrzej Friszke fasste in der Gazeta Wyborcza mit einem Federstrich zusammen, warum die Kritik so heftig ausfiel: „Die Hinweise auf Mängel des Buches, die darauf zielen, die gesamte Ausführung von Gross in Frage zu stellen, verraten eine Abwehrhaltung, d.h. die Weigerung, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, die das schwarz-weiße Bild der Wirklichkeit von damals zerstören. Diese Diskussion bezieht sich auf das mythologisierte Bild von polnischen Haltungen und Spaltungen der 1940er und der darauffolgenden Jahre.” Auch der früheren Jahre, fügen wir hinzu. Denn der Kern des Problems liegt in der polnischen Identität und im polnischen Selbstbewusstsein, die wiederum im Verhältnis der Polen zu ihrer Geschichte begründet sind. Noch einmal Teresa Bogucka: „In dieser Debatte geht es eigentlich nicht um die Geschichte, sondern viel mehr um die Frage, wer wir heute sind. Was ist mit der Grundlage unserer Identität? Was mit dem Gründungsmythos, in dem sich Heldentum, unverschuldetes Leiden und der Status eines Opfers der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zusammenfügen und die Schuld der freien Welt uns gegenüber versinnbildlichen?”
Das sonderbare Verhältnis der Polen zur nationalen Vergangenheit ist in einer einzigartigen „Privatisierung” der Geschichte begründet. Die so genannte große Geschichte wird von der Familiengeschichte angeeignet und vereinnahmt und prägt sie von Grund auf. Die privaten schwarzen Kleider, die als Ausdruck der Nationaltrauer getragenen wurden, sind nur ein sichtbares Zeichen davon. Die Heroisierung des Vergangenen dient der Kompensation von Niederlagen und Katastrophen, die Opfer und die Helden werden gleichermaßen verehrt und das Ganze spielt sich im Privaten ab, das dadurch veredelt, ja geradezu geheiligt wird. Es gibt keinen Platz mehr, sich mit dem dramatischen Erbe auseinander zu setzten, da jedes Denken und jedes Urteilen, wie Hannah Arendt zu Recht betont, in der Sphäre des Privaten geschieht. Dies geht mit der Flucht vor dem Alltag sowie mit der Einwilligung einher, im Hier und Jetzt ein Doppelleben zu führen, da die Moral eine schizophrene Spaltung erfährt. Dass im Alltag die elementare Aufrichtigkeit fehlt, betrifft die großen und heiligen Belange nicht. Im Gegenteil: Gerade sie können immer als Rechtfertigung, mildernde Umstände und im Extremfall als Instrument zur Verdrängung einer offensichtlichen Schuld dienen. Die Niederlagen werden heilig gesprochen (Gloria victis!) und diese Maßnahme befreit von der Notwendigkeit, die Ereignisse und die eigene Beteiligung daran rational zu analysieren. Der Mythos, der dadurch geschaffen wurde, ist beständig und lebendig (weil privatisiert) und bietet jedem Einzelnen eine unerschöpfliche Quelle der Aufwertung. Allein die Feststellung „Ich bin Pole“ ist Ausdruck eines besonderen Wertes und ersetzt sämtliche andere Bewertungskriterien. Dies thematisiert Gross im Schlussteil seines Buches: „Im semantischen Feld des Begriffs ‚Pole’, besonders wenn er im Zusammenhang mit der deutschen Besatzung angewendet wird, sind Opfersein oder Heldsein inbegriffen (…).“ Er führt weiter aus: „Im polnischen historischen Wortschatz stellen ‚die Polen’ einen komplexen Begriff dar, der a priori Güte und Opferbreitschaft voraussetzt (…).“ Damit trifft er den Kern des Problems, denn gerade diese Art und Weise der kollektiven und individuellen Selbstwahrnehmung ist für die emotionsbeladenen Reaktionen auf sein Buch entscheidend.

Eine „bekannte Erscheinung“
Teresa Bogucka beschreibt das Muster, nach dem fast alle Treffen polnischer Leser mit Gross ablaufen: „Die einen bringen ihre Empörung zum Ausdruck, während die anderen von Ereignissen erzählen, die sie aus der Kindheit oder aus den Familiengeschichten kennen. Es sind Erzählungen von Raub, Verrat, Mord, die sie in ihrer Erinnerung in die Kategorie schrecklicher, aber einmaliger Geschichten eingeordnet haben. Das Buch von Gross zwingt sie einzugestehen, dass dies Symptome einer früher allgemein bekannten Erscheinung sind, die aus dem Bewusstsein verdrängt wurde.“
Dass die heraufbeschworenen Erinnerungen sich hauptsächlich auf Ereignisse während der Besatzungszeit beziehen, kann als ein wichtiger Hinweis gesehen werden: Vielleicht liegt gerade dort der Schwerpunkt des polnischen Vergessens und der polnischen Schuld. Was war aber jene „bekannte Erscheinung“? Joanna Nalewajko-Kulikov illustriert sie in ihrem Buch „Strategien des Überlebens“, indem sie jene Verhaltensmuster auflistet und kategorisiert, die sich die polnischen Juden für das Leben außerhalb des Ghettos aneignen mussten. So lernten sie beispielsweise polnische Gebete auswendig. Wen sollte das Vaterunser auf Polnisch überzeugen und wovon? Zu der „bekannten Erscheinung“ gehört auch die Angst derer, die Juden versteckten. Es gibt bisher keine Untersuchungen, aus welchen Gründen versteckte Juden und ihre Retter entdeckt wurden. Feliks Tych, der ehemalige Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, meint allerdings, in 90 Prozent der Fälle habe eine Denunziation polnischer Nachbarn dazu beigetragen.
Gross berührt Themen, die mehr oder weniger bekannt sind, aber im gesellschaftlichen Unbewussten, unterhalb der Schwelle der Erinnerung aufgehoben werden. Selten tauchen sie auf der Ebene der Sprache auf, fast nie öffentlich, obwohl man nicht behaupten kann, sie seien nie ausgedrückt worden. Sie erscheinen in unzähligen Erinnerungen von jüdischen Überlebenden, aber auch in Berichten von Polen (hier allerdings in einer verschleierten Form: „Er wurde auf der Straße erkannt“, „jemand hat sie denunziert“, „er flog zufällig auf“). Diese Themen werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit kleinen Auflagen behandelt, in Zeitschriften und Jahrbüchern, die kaum gelesen werden. Ins gesellschaftliche Bewusstsein finden sie immer noch keinen Eingang.
Die Arbeit von Gross scheint übrigens nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges zu beleuchten, auch wenn die Tatsachen, die er anführt, ausgesprochen grausam sind. So weist Friszke darauf hin, dass der Autor darauf verzichtet, „in seine Schilderungen die in den zwanzig Jahren der Zwischenkriegszeit anwachsende Antisemitismuswelle einzubeziehen, die sich aus der rechten Presse der Nationaldemokraten (Endecja) und den kirchlichen Blättern ergoss“. Zudem schneidet Gross die Haltung der Polen gegenüber den Juden während der Besatzung nur am Rande an, er schreibt nicht darüber, dass gerade die Polen die größte Gefahr für diejenigen waren, die sich entschlossen, das Ghetto zu verlassen oder es gar nicht erst zu betreten. Auch über die Nachkriegsgewalt gegen Juden in den neuen polnischen Westgebieten schreibt er nichts, wo die Angst um den ehemals jüdischen Besitz keine Rolle spielte, wo alle Neuankömmlinge waren. Man muss also vermuten, dass es in Wirklichkeit noch schlimmer war.
Gross beansprucht nicht, die komplexe, dramatische und von schwierigen Entscheidungen geprägte polnische Nachkriegswirklichkeit umfassend zu schildern, sondern beleuchtet nur die Orte, an denen Polen Juden begegneten. Diese thematische Auswahl rief zahlreiche Proteste hervor: Das Bild sei unvollständig, es fehle eine Vertiefung der Zusammenhänge, die historischen Verwicklungen dieser Zeit seien ignoriert worden. Marcin Zaremba bringt es auf den Punkt: „Das Hauptproblem mit der ‘Angst’ liegt nicht darin, was im Buch steht, sondern darin, was nicht darin steht.” Dem hält Stanisław Obirek entgegen: „Heute fehlt es an Stimmen (...), die daran erinnern würden, dass (...) ein Verbrechen schlicht und einfach ein Verbrechen ist, und nichts, nicht einmal der minuziös rekonstruierte historische Kontext, dieses Verbrechen rechtfertigen kann.”

Die Mythen
Das Buch von Gross bedroht die heiligsten Mythen, die als unveräußerlicher Wert des polnischen nationalen Daseins angesehen werden. Als erstes zwingt es dazu, die Helden-Opfer-Rolle abzulegen: Auch die Polen waren Täter, und dies nicht nur durch Unterlassung. „Es ist völlig verfehlt, wenn man an die heroischen Gesten von Polen erinnert, die Juden gerettet haben, um damit ein Gegengewicht zu dem Buch ‘Angst’ zu schaffen. Dies kann weder die heroische Geste aufwerten noch das Verbrechen weniger abstoßend erscheinen lassen”, so Stanisław Obirek. Er erinnert an den verstorbenen Pfarrer Stanisław Musiał, der einmal betonte, dass es „den rassistischen und verbrecherischen Antisemitismus nicht ohne die christliche Lehre der Verachtung gegeben hätte.” Der im katholischen Polen so verbreitete Mythos von der Unschuld des Christentums ist also ebenfalls nicht haltbar.
Ein weiterer Mythos hängt mit der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zusammen. Die nationalsozialistische Besatzung wurde in Polen von einer unerwünschten, auf sowjetisches Geheiß eingeführten Macht abgelöst, die bald zu Terror griff und die politischen Gegner brutal verfolgte. Das Kollektivgedächtnis liefert auch für diese Zeit ein Schwarz-Weiß-Bild: Auf der einen Seite stand das kommunistische Regime, auf der anderen die Gesellschaft, die ungebrochen Widerstand leistete. Diese Spaltung ist einfach und bedarf keiner Hinterfragung. In Wirklichkeit war die Lage komplizierter, das skizziert Zygmunt Bauman in seiner Rezension: „Im Frühling und Sommer 1946 hatten die Einwohner von Kielce und den umliegenden Dörfern allerlei Gründe für Frustration, Beunruhigung und Angst. Polen war gerade erst im Begriff, sich nach den Kriegszerstörungen zu erheben, und vom damaligen Alltag konnte man sicherlich nicht behaupten, dass er geordnet war. Die nationalsozialistische Besatzung hatte die bekannten und gewohnten Abläufe zerstört, es war noch zu wenig Zeit verstrichen, um neue zu etablieren. Die Zukunft war eine Mischung von atemberaubenden Hoffnungen und lähmenden Ängsten. Für viele Polen war das, was die anderen für Befreiung hielten, eher der Anfang einer neuen, fremden Besatzung. (...) Die neue Regierung, die sich nur mit dem Schutzschild der sowjetischen Armee durchsetzte, wurde von vielen genauso wahrgenommen wie sie hieß, also provisorisch. Die Frage, ob es ein patriotischer Akt oder Kollaboration mit dem Feind war, diese Regierung anzuerkennen, war offen und wurde zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.”
Eine andere Komplikation, die ebenfalls nicht in den Mythos passt, spricht Gross an: Die „Volksmacht” stammte zu einem weitaus größeren Teil aus dem Volk, als wir es wahrhaben wollten. Die Reihen der Miliz, der Sicherheitsdienst oder die Lokalverwaltung bestanden nicht etwa aus sowjetischen Kommunisten, sondern im Gegenteil zu 90 Prozent aus Söhnen des Volkes. Und die Gesellschaft fand sich nolens volens mit der neuen Macht, dem neuen System, den neuen Lebensbedingungen ab. Zudem gab es die Intelligenz, die durch den „Hegel’schen Biss” infiziert wurde und der „Verführung des Denkens“ ausgesetzt war. Die von Gross zitierten Intellektuellen (Wyka, Kula, Ossowski, Jastrun), die sich nach dem Pogrom in Kielce zu Wort meldeten, publizierten hauptsächlich in den Zeitschriften Kuźnica und Odrodzenie. Diese Periodika, die zu dieser Zeit offensichtlich noch relativ große Freiheit genossen, waren aber vom kommunistischen Regime gegründet worden und wurden von ihm getragen. Doch ist an den Kommentaren dieser Intellektuellen nichts auszusetzen, im Gegenteil: Sie sind aufrichtig, bedienen sich einer klaren und eindeutigen Sprache. Es sind Stimmen der wenigen Gerechten, die das Verbrechen verurteilten. Der Mythos verteilte die Rollen freilich anders, wie Friszke bemerkt: „Es war das Volk, das gegen den Kommunismus kämpfte, und sogar die absurden Behauptungen eines Ritualmords waren als Widerstand gegen das System zu deuten.”
Nicht zuletzt wird der bedeutendste polnische Mythos von Gross hinterfragt: der Mythos der Nation. Die polnische Nation verstand sich bekanntlich lange als ausschließlich adelig, was auch die legendäre 3.-Mai-Verfassung bestätigt hatte. Der Rest gehörte nicht dazu. Auch im Polen der Zwischenkriegszeit war noch eine postfeudale Denkweise wirksam, so dass der postadeligen Intelligenz die Rolle der alleinigen Verwalterin und Wächterin der nationalen Traditionen, Tugenden und Pflichten zufiel; die anderen (70 Prozent der Gesellschaft waren Bauern) benutzten die „Küchentreppe”, so Gross. Teresa Bogucka vertieft diese Erkenntnis: „Die Bezeichnung ‘die Polen’ hatte keine eindeutige Konnotation. Polens Teilungen bewirkten, dass es eine Frage der Wahl war, Pole zu sein. Und diese Wahl bedeutete keinesfalls einen Weg zu Ruhe und Wohlstand. Derartige Entscheidungen blieben ein Privileg der Menschen aus den höheren Schichten und waren lange kein Angebot an die Leibeigenen. Nicht die Polen, sondern die Kaiser waren es, die die Bauern von der Leibeigenschaft befreiten. So standen sie auf der Seite der Kaiser, wo sie weiterhin stehen wollten, und nicht auf der Seite der polnischen Herren. Der Kampf um die polnischen Bauern, um ihre Teilhabe an der nationalen Gemeinschaft und die Übernahme der dazu gehörigen Pflichten dauerte noch im 20. Jahrhundert an und war eine gemeinsame Anstrengung der postadeligen Eliten und der ersten Aktivisten der Bauernparteien. Die Zweite Polnische Republik musste die Gebiete dreier Teilungen zusammenbringen, aber mit Hilfe von Schulen, des Militärs und der staatstragenden Politik brachte sie auch die Bauern näher an Polen. Dieses Polen wurde allerdings durch die Geschichte der Adelsnation, durch Erhebungen (…) definiert. Dazu zu gehören bedeutete, die Normen der postadeligen Intelligenz zu akzeptieren. (...) Diejenigen, die das nicht taten, waren die Nation in potentia, ein Arbeitsfeld, eine Aufgabe. Ihre Andersartigkeit war so grundlegend, dass sie von der Scham für das Verbrechen unberührt blieben.” Wahrscheinlich blieben sie auch von der nationalen Verantwortung für das Verbrechen unberührt.
Und die Juden? Sie gehörten ohnehin nicht zur Nation und konnten wenig zur Bildung des Mythos beitragen. Der Mord an ihnen ließ sich unmöglich in die durch das Märtyrertum geheiligte Geschichte von Krieg und Besatzung einordnen. „Die polnischen Juden wurden nie als ein integrer Bestandteil der Gesellschaft betrachtet”, bemerkt Dariusz Libionka, der die Dokumente des Untergrundstaates analysierte. Die kraft nazistischer Gesetze und Erlasse aus der Gemeinschaft der Menschen Ausgeschlossenen wurden auch aus dem „Universum allgemeiner Verbindlichkeiten” (so die amerikanische Soziologin und Holocaustforscherin Helen Fein) verwiesen, also aus dem Raum, in dem moralische Prinzipien herrschen.

Die Sprache
Viele Kritiker werfen Gross eine dem Thema nicht angemessene Sprache vor: Sie sei allzu emotional, zuweilen auch brutal, in einer wissenschaftlichen Arbeit unangebracht. Zu Gross’ Verteidigung wurde auf den anderen Schreibstil hingewiesen, der in den USA für geschichtliche Abhandlungen gang und gäbe ist. Dort gilt nicht der in Polen übliche rigide Rahmen für wissenschaftliche Arbeiten, die hier unbedingt in einer objektiven Sprache verfasst werden sollen, frei von Wertungen (manchmal auch von Schlüssen) und insbesondere von Emotionen. Indes verbirgt sich hinter der instinktiven Beunruhigung durch Gross’ Sprache etwas anderes. Jeder Mythos wird in einer Sprache abgefasst und von ihr mitgetragen. Diese Sprache bestimmt eine Norm, daher bedeutet jede Abweichung das Betreten eines Tabugebietes. Die Sprache des polnischen Kriegsmythos ist von festen Regeln geprägt. Gross schreibt: „Der Satz: ‚Die Polen mordeten’ ruft eine tiefe Beunruhigung hervor (…), da er mit der festgelegten Praxis der Anwendung von Begriffen bricht, und die Kenntnisnahme seines Sinns müsste eine Überprüfung der gesamten Erzählstruktur zum Thema deutsche Besatzung nach sich ziehen.“ Ähnliches bemerkt Michał Głowiński in seinen Überlegungen zu den Reaktionen auf Jan Błońskis Beitrag „Der arme Pole schaut auf das Ghetto“. Dieser Essay wurde vor 20 Jahren veröffentlicht und war der erste, weitaus vorsichtigere Versuch, sich dem Thema polnisch-jüdische Beziehungen während der deutschen Besatzung anzunähern. Głowiński schreibt: „Zur unverhältnismäßig starken negativen Reaktion auf diese Veröffentlichung trug unter anderem die Gewöhnung an eine bestimmte Sprache bei, in der man über die Beziehung der Polen zu den Juden sprach und die als kanonisch galt, eine Sprache, die (…) übrigens keine Originalschöpfung der kommunistischen Propaganda war, denn man übernahm lediglich das, was früher hervorgebracht und benutzt worden war. Man könnte diese Sprach gewissermaßen als eine epigonale Fortsetzung betrachten. (…) Die Kommunisten übernahmen von einem gewissen Zeitpunkt an die Regeln des rechten Diskurses und damit auch die dort gültigen Denkmuster. (…) Aus heutiger Sicht kann man eine unglaubliche Kontinuität des rechten Diskurses feststellen (…): von den frühen Formen über die Radikalismen der 1930er Jahre, die kommunistische Mutation bis zum heutigen Tag.“ Zweifellos überdauerte der rechte Diskurs, er wurde in der letzten Zeit von den Anhängern einer nationalen Geschichtspolitik bedeutend gefestigt und prägt auch heute die Sprache des nationalen Mythos.

Die Abwesenheit der Erinnerung
Jan Tomasz Gross verfasste sein Buch über die Polen und Juden im Nachkriegspolen als Pole. Manche Gegner wollten die Schärfe seiner Urteile mit seiner jüdischen Herkunft begründen (sein Vater stammte aus einer seit mehreren Generationen assimilierten jüdischen Familie) oder mit seiner jüdischen Erfahrung (Gross verließ Polen 1968, nach der von der Partei geschürten antisemitischen Hetzte). Doch im Buch tauchen nirgends Beschuldigungen in Ihr-Form auf, dafür gibt es ein tiefes Nachdenken über das polnische Wir. In einem der unzähligen Interviews für die polnischen Medien sprach Gross über seinen Weg zu dem so genannten jüdischen Thema. Er erinnerte daran, dass die jüdische Problematik in der europäischen Geschichtsschreibung viele Jahre lang als ein Spezialisten vorbehaltenes Sonderthema galt. Das war eine ungeschriebene und allgemein akzeptierte Norm. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt auch Zygmunt Bauman in seinem Buch „Die Moderne und der Holocaust”: „Im kollektiven Bewusstsein gilt der Holocaust als Tragödie der Juden und der Juden allein.” Die Folgen dieser Auffassung sind bis heute sichtbar. Obwohl der Holocaust als historisches Ereignis außerordentlich gut erforscht, analysiert und dargestellt ist, fand er keinen Niederschlag in den neuen geisteswissenschaftlichen Theorien, etwa in der Soziologie oder Philosophie. Die gesamte bisherige Ordnung war zusammengebrochen und die Welt schien so zu tun, als sei nichts geschehen. Noch einmal Bauman: „Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.”
Gewiss, es ist ein Problem von allgemeiner Bedeutung, während Polen einiges nachzuholen hat. Das Wichtigste ist, die abwesende Erinnerung wieder herzustellen. Joanna Tokarska-Bakir behauptet radikal: „Die polnische Erinnerung ist ein Raum, in dem die Juden nicht existieren. Die Juden existieren nicht und ihre Vernichtung auch nicht. Es gibt keine Opfer, keine Helden, keine Zeugen und keine Täter.” Die Juden befanden sich außerhalb des „Universums der polnischen Verbindlichkeiten”, und dieser Ausschluss wurde bis heute nicht aufgehoben.
Indes kann gerade der Holocaust eine Chance für das polnische Bewusstsein sein, nicht nur auf der Ebene der Befreiung von Mythen. Diese besondere Aufgabe resultiert aus der historischen Geografie. Maria Czapska schrieb bereits in den 1950er Jahren: „Der in der Geschichte der Menschheit schrecklichste Völkermord, das Massaker an mehreren Millionen Juden in Polen, das Hitler zum Hinrichtungsort bestimmte, sowie das Blut und die Asche der Opfer, die sich mit dem polnischen Boden vermischt haben – all dies macht eine Bindung aus, die Polen und das jüdische Volk derart zusammenhält, dass wir uns nicht aus eigener Kraft von dieser Bindung zu lösen vermögen. Auf Polen lastet wenn nicht die Verantwortung für das Verbrechen, so doch die Verantwortung, dieses Verbrechen zu kompensieren.“ Heute wissen wir, dass die Verantwortung schwerer lastet als angenommen. Maria Janion formulierte vor ein paar Jahren die polnische Aufgabe anders: „Auschwitz liegt bei uns und in Europa. Es kann zum Kern einer empathischen neuzeitlichen Tragödie gemacht werden, die allerdings nicht vermag, eine endgültige Bereinigung zu vollziehen. Eine Katharsis gibt es nicht, es gibt nur ein Übermaß von Schmerz und das Gefühl des Verlustes. (...) Diese Trauer kann nie ein Ende haben. Als ethische Haltung bestimmt sie das universale europäische Bewusstsein. Polen (...) kann sich dieser Trauer nicht entziehen.“
Dies sind Postulate moralischer Natur. Es bedarf einiger Anstrengung, um sie umzusetzen. Mit Hilfe von Kunst? Bildung? Erziehung? Initiativen für Lokalforschung? Denn es geht um eine neue Sensibilität, neue Denkart, neue Erinnerung. Vor fünf Jahren wurde in Polen das Zentrum zur Erforschung der Vernichtung der Juden gegründet, das inzwischen gewisse Erfolge zu verbuchen hat: sieben Bücher, drei Bände des Jahrbuches Die Vernichtung der Juden, zahlreiche Seminare und Konferenzen. Barbara Engelking, Leiterin der Zentrums, sagt: „Es sollte unser großes polnisches Thema sein: Was bedeutete es damals und was bedeutet es jetzt, Zeuge der Judenvernichtung zu sein? Damals im historischen und psychologischen und heute im moralischen und metaphysischen Sinn. Es ist für mich fraglos, dass es unsere Aufgabe ist, die Aufgabe der Polen, die Zeugen der Vernichtung waren, die Geschichte im Namen der Opfer zu erzählen.“ Man sollte sich allerdings nichts vormachen: Der Kreis der Interessierten ist klein und die Veröffentlichungen (auch anderer Verlage) werden nur selten auf der Ebene einer Besprechung in der Tagespresse wahrgenommen, so dass ihnen keine nationale Debatte entspringen kann. Auch deshalb ist das Buch von Gross so wichtig.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.transodra-online.net/de/debatte_angst
Veröffentlichung/ data publikacji: 30.03.2008

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