Jüdische Spuren im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Jüdische Geschichte im heutigen deutsch-polnischen Grenzgebiet ist eine geteilte Geschichte und vielleicht deswegen nicht genug erforscht, auf beiden Seiten der Grenze. Dennoch gibt es sowohl in Polen als auch in Deutschland eine nicht geringe Zahl von Initiativen, die sich dem schwierigen Thema widmen: akademische Forschungsprojekte, Schülergruppen, Lokalhistoriker. Einige von ihnen kamen Mitte Juni nach Groß Neuendorf an der Oder, um an einem Workshop teilzunehmen, der von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Brandenburg im Rahmen des Projektes „Spurensuche“ organisiert wurde.

Das Antlitz des kleinen Ortes im Oderbruch trägt bis heute Spuren seiner jüdischen Vergangenheit. Mitte des 19. Jahrhunderts gründete der jüdische Getreidegroßhändler Michael Sperling aus Berlin hier eine Filiale seines Betriebes. Das Unternehmen muss erfolgreich gewesen sein, davon zeugen zwei Verladetürme des nicht mehr existenten Hafens am Oderufer, die vor einigen Jahren renoviert wurden und heute als Hotel und Café genutzt werden. Michael Sperling war es zu verdanken, dass in dem Ort eine jüdische Gemeinde entstand. Ein Grundstück für einen Friedhof wurde erworben und eine bescheidene Synagoge erbaut. Sowohl der kleine Friedhof als auch das Gebäude der ehemaligen Synagoge sind erhalten geblieben. Die Synagoge, in der bis 1910 Gottesdienste abgehalten worden sind, wurde zur DDR-Zeit zu einem Wohnhaus umgebaut, nur die charakteristischen Bögen an den Fenstern lassen seine frühere Bestimmung erkennen. Der alte Friedhof am Rande des Ortes überdauerte vergessen und vernachlässigt den Krieg und die Nachkriegszeit und wurde Anfang der 1990er Jahre pietätvoll restauriert. Heute kann man die 29 übriggebliebenen Grabsteine besichtigen, darunter auch den von Michael Sperling. Die Gemeinde Groß Neuendorf bemüht sich, die Geschichte ihrer jüdischen Bewohner anhand dieser wenigen Spuren zu pflegen und weiter zu vermitteln. Es gibt eine Broschüre mit den wichtigsten Informationen, eine Tafel informiert auf Deutsch und Polnisch über die Vergangenheit der jüdischen Gemeinde. Über das Schicksal ihrer letzten Mitglieder weiß man allerdings kaum etwas.

Groß Neuendorf ist ein gutes Beispiel, wie man mit der vergessenen Geschichte umgehen kann, daher war der Ort besonders geeignet für den Workshop zu jüdischen Spuren. Reinhard Schmook aus Bad Freienwalde nannte einige andere Orte im Oderbruch, in denen man sich mit der Geschichte der Juden befasst, so Oderberg, Seelow, Küstrin und nicht zuletzt Wriezen, in dem sich der wahrscheinlich besterhaltene jüdische Friedhof ganz Brandenburgs befindet. Über diesen Friedhof berichtete Brigitte Heidenhain, die an einer detaillierten Dokumentation über 150 aus drei Jahrhunderten stammende Grabsteine arbeitet. Beide Referenten lieferten auch allgemeine Informationen zur Geschichte der Juden in Brandenburg, die allerdings noch lange nicht in die Geschichte der Region integriert zu sein scheint. Das Interesse der deutschen Forscher endet übrigens an der deutsch-polnischen Grenze. In den Blättern der deutschen Vertriebenen erscheint das Thema sporadisch und nicht ohne Widerstände, worüber Wilfried Reinicke am Beispiel seiner Veröffentlichungen in den Crossener Heimatgrüßen berichtete.

Die jüdischen Spuren auf dem heute polnischen Gebiet der ehemaligen Neumark und im polnischen Pommern haben sich in zwei Schichten abgelagert. Die tiefere umfasst die Geschichte der deutschen Juden bis 1945, die zweite, jüngere Schicht betrifft die polnisch-jüdischen Überlebenden, die nach 1945 in bestimmten Orten dieser Gebiete angesiedelt wurden. Anscheinend gibt es hier keine Berührungspunkte. Robert Piotrowski aus Gorzów Wielkopolski (ehemals Landsberg an der Warthe), der sich mit der Geschichte der (überwiegend deutschen) Juden in der Stadt und in der Neumark befasst, sagte zutreffend: „Es ist eine Niemandsgeschichte ohne Erben.“ Das scheint jedenfalls die Internetseite der polnischen Stiftung zur Bewahrung des jüdischen Erbes zu bestätigen, die u.a. schulische Projekte unter der Parole „Bringen wir die Erinnerung zurück“ in ganz Polen initiiert, fördert und für sie eine Kommunikationsplattform schafft. Auf der Karte Polens sind unzählige Projekte markiert, aber kaum welche im polnischen Westen.

Es gibt aber auch gegenteilige Tendenzen. Andrzej Kirmiel aus Zielona Góra (Grünberg) und Tomasz Watros aus Skwierzyna (Schwerin an der Warthe), beide ausgesprochene Experten in jüdischen Themen, berichteten eindrucksvoll von ihren Aktivitäten im Rahmen von schulischen und außerschulischen Projekten. Jugendliche, die von ihnen inspiriert und angeleitet werden, begeben sich nicht nur gemeinsam auf eine intensive Spurensuche, sondern schaffen auch einen Raum, in dem sie eigenständig den Bezug zu ihrem Lebensort und damit ihre eigene Identität sowie politisch-geschichtliche Kompetenzen und Handlungsweisen erarbeiten und entwickeln können. Sie haben etliche Erfolge zu verzeichnen: Sie gewinnen ein fundiertes historisches Wissen über ihre Orte und deren Umgebung, lernen mit den Behörden zu verhandeln (wenn es beispielsweise um die Aufstellung von Gedenktafeln geht), wissen sich mit den tradierten antisemitischen (und antideutschen) Vorurteilen auseinander zu setzen und entwickeln nicht zuletzt Neugier auf das Fremde oder nur Unbekannte. So werden sie stellvertretend zu Erben der jüdischen und der deutschen Geschichte ihrer Region.

Trotzdem bleibt die Geschichte der deutschen Juden auf der polnischen Seite des Grenzgebietes eher ein Betätigungsfeld von wenigen Außenseitern wie Kirmiel oder Watros. Die wichtigste zentrale Einrichtung zur Erforschung des polnischen Judentums, das Jüdische Historische Institut in Warschau, interessiert sich nur am Rande oder überhaupt nicht für die Entdeckungen und Funde der Forscher im Grenzgebiet. Berechtigt scheint also die Frage: Wem gehört diese Geschichte? Es war der polnische Staat, der nach 1945 die jüdischen (und auch die deutschen) Spuren in diesen Gebieten endgültig auszulöschen bestrebt war. Erst heute werden einige Rudimente wieder entdeckt und, wenn es möglich ist, rekonstruiert, dokumentiert und bewahrt. Mirosław Opęchowski aus Stargard Szczeciński (Stargard) berichtete von 68 jüdischen Friedhöfen, die allein in der Wojewodschaft Westpommern geortet wurden. Doch nur auf wenigen, etwa dem von Cedynia (Zedden), findet man noch ein paar Grabsteine.

Was mit diesen Ruhestätten passiert ist, schilderte Andrzej Kirmiel am Beispiel der Stadt Międzyrzecz (früher Meseritz). Seit Ende der 1940er Jahre wurde ungehindert individueller und organisierter Raub der jüdischen (und deutschen) Grabsteine betrieben, die später als Baumaterial dienten. In Stettin ist in diesen Tagen eine beeindruckende Ausstellung zu sehen: Fotos, die eine junge Künstlerin an verschiedenen Stellen der Stadt aufgenommen hat, wo sie in kleinen Mauern um die Parkanlagen oder an Sandkästen sonderbare Bausteine entdeckt hat: alte Grabsteine mit hebräischen und deutschen Inschriften. Solcherart Raub war eine allgemeine, vom Staat geduldete Praxis. Bis heute könnte man gewiss auf nicht nur einem Bauernhof einen mit alten Grabsteinen gepflasterten Weg finden. In den 1970er Jahren kam die staatliche Verordnung, die nicht mehr genutzten (jüdischen und deutschen) Friedhöfe (865 allein in der Wojewodschaft Zielona Góra) endgültig „in Ordnung“ zu bringen. Das bedeutete, sie zu beseitigen. Viele Spuren sind also unwiederbringlich verloren, andere warten darauf, freigelegt zu werden. Es sind nicht nur Gebüsch und Erde, die sie verdecken, sondern auch eine dicke Schicht von Desinteresse und Gleichgültigkeit. Eine deutsch-polnische Zusammenarbeit scheint hier geradezu unentbehrlich.

Eines der Themen des Workshops war das jüdische Leben in der Region heute. Mit der Nachkriegsgeschichte der Juden in Stettin befasste sich Janusz Mieczkowski, der die einzelnen Entwicklungsphasen der jüdischen Ansiedlung darstellte. Nach dem Ende des Krieges kamen etwa 30.000 jüdische Überlebende in das polnische Stettin, die meisten aus der Sowjetunion. Rund 86 Prozent von ihnen verließen aber früher oder später das Land. In den Jahren 1945-1946 wurde Stettin zu einer regelrechten Drehscheibe für jüdische Flüchtlinge. Hier war die zionistische Organisation Brichah tätig, die versuchte, den Ausreisewilligen zu helfen und schleuste sie u.a. in die Transporte der deutschen (nichtjüdischen) Vertriebenen ein. Diese paradoxe Flucht ins Land der Täter hatte viele Gründe. Nicht zuletzt war auch der nach dem Krieg in Polen nach wie vor vorhandene Antisemitismus daran schuld. Dennoch etablierte sich in Stettin eine jüdische Gemeinde, die ihre eigenen Einrichtungen, Genossenschaften, Verlage und eine Schule mit Jiddisch hatte. Dieses dynamische Leben fand 1968 ein Ende. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Stettin 62 Mitglieder, hauptsächlich alte Menschen, wie ihr Vorsitzender Mikołaj Rozen berichtete. Trotzdem kann die Gemeinde Restitutionsansprüche stellen, um jüdische Friedhöfe, ehemalige Synagogen und andere Bauten zurück zu erhalten. Schon wieder ein Paradox: Es geht doch um die Überreste des deutschen Judentums, wie zum Beispiel den Friedhof in Słubice. Dass eine so schwache Gemeinde diese Objekte weder erhalten noch pflegen kann, ist offensichtlich. Man müsste andere Lösungen finden wie Patenschaften von interessierten Vereinen oder eine Unterstützung durch den Staat.

Die jüdische Gemeinde in Frankfurt an der Oder ist verhältnismäßig groß und zählt mehr als 200 Mitglieder, überwiegend russische Juden, die in den 1990er Jahren eingewandert sind. Obwohl die Geschichte der Stadt für sie fremd ist, versuchen sie sich in ihr einzuleben. Sie unterhalten übrigens gute Kontakte zu der polnischen Gruppe um Andrzej Kirmiel, deren Mitgliedern es aus sprachlichen Gründen leichter fällt, sich mit den russischsprachigen Ankömmlingen zu verständigen. Noch ein Paradox.

Gehört der Unterricht des Jiddischen zum heutigen jüdischen Leben oder dient er eher einer Art Spurensuche? Die Sprachlehrerin Ingedore Rüdlin meint, dass das Interesse, an der Europauniversität Viadrina Jiddisch zu lernen, relativ groß ist. Sie vermittelt ihren Studenten dabei ein Stück der untergegangenen Geschichte des östlichen Judentums und ermöglicht eigene Forschungen. Das unwiederruflich Verschwundene lässt sich allerdings nicht heraufbeschwören. Nichtsdestotrotz muss man immer wieder daran denken, was Walter Benjamin einmal zum Ausdruck brachte: „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Das bestimmt den Ton, die Haltung echter Erinnerung. Sie dürfen sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen, ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen wie man Erdreich umwühlt.“

SŁOWO / DAS WORT, Nr. 75, 2007