Das älteste und nachhaltigste deutsch-polnische Bildungsprojekt in Brandenburg feiert heute Geburtstag

66 polnische Schüler legen derzeit am Frankfurter Karl-Liebknecht-Gymnasium ihr Abitur ab. Auch umgekehrt sind Dutzende deutsche Schüler dort mit der Sprache des Nachbarlandes beschäftigt. Das binationale Projekt feiert heute sein 20-jähriges Bestehen.
"Wszycscy ludzie beda bracmi - alle Menschen werden Brüder". Es ist kein Zufall, dass Schillers "Ode an die Freude" diese Woche im Musikunterricht geübt wurde. Denn bei der heutigen Feier, zu der sich die Bildungsministerin aus Potsdam, der Wojewode aus Gorzów und viele weitere Gäste angesagt haben, soll natürlich auch das Europalied auf Polnisch und Deutsch erklingen.
"Natürlich sind wir als binationale Schule an der Grenze eine symbolträchtige Einrichtung. Doch wichtig ist, dass sich unsere täglichen Anstrengungen wirklich lohnen", sagt Schulleiter Torsten Kleefeld.
307 Mädchen und Jungen aus dem Nachbarland haben hier das Abitur abgelegt, seit vor genau 20 Jahren die ersten Polen in die elfte Jahrgangsstufe aufgenommen wurden. Und mindestens genauso viele Deutsche haben zwar nicht das polnische Abitur erworben, sind aber mit Sprache und Kultur der Nachbarn in ähnlich engen Kontakt gekommen.
Zwei der aktuell Beteiligten sind Julia Papenfuß und Bartosz Kowalewski. Die Deutsche kommt aus Jakobsdorf in der Nähe von Frankfurt und hat schon in der Grundschulzeit in dem Projekt "Spotkanie - Begegnung" die ersten Brocken Polnisch gelernt. "Das war noch eher spielerisch", beschreibt sie. Doch sei daraus auch ihr Wunsch entstanden, unbedingt in eine Polnisch-Klasse des Gymnasiums aufgenommen zu werden.
Diese wiederum hat in der 8. und 9. Klasse an jedem Mittwoch mit einer Klasse aus dem benachbarten Slubice die Schulen und Lehrer gewechselt. "Die Fächer Mathe, Kunst, Sport und WAT werden in diesem Projekt in der jeweils anderen Sprache erteilt", erläutert Schulleiter Kleefeld. "Da lernt man das andere Land automatisch besser kennen", beschreibt Julia und auch, "dass es im Winter manchmal ganz schön kalt war, als wir über die Oder gelaufen sind."
Die zehnte Klasse hat sie dann schon gemeinsam mit Bartosz Kowalewski und anderen Polen in Frankfurt absolviert. "Leider ist nach der Verkürzung der Abiturzeit nur noch dieses eine Jahr verblieben, um die polnischen Schüler auf die hiesigen Anforderungen vorzubereiten", bedauert Torsten Kleefeld. Die Sprachprüfung, die alle Polen als Bedingung für ihre Aufnahme absolvieren müssen, werde auch nicht von allen Kandidaten bestanden. In diesem Jahr konnten 27 der 46 Bewerber aufgenommen werden.
Bartosz, der aus Rzepin stammt, wohnt seit der 11. Klasse mit seinem Kumpel Filip in einer Ein-Raum-Wohnung in Frankfurt. "Dadurch haben wir es nicht mehr so weit zur Schule. Außerdem gehe ich zweimal in der Woche bei den Frankfurter Red Cocks zum Basketball-Training" berichtet der Pole. Auch Julia Papenfuß erzählt, dass sie demnächst nach Posen (Poznan) fahren wird. Dort will sie eine Freundin aus dem "Spotkanie"-Projekt besuchen, die die gesamte elfte Klasse in einer polnischen Schule verbringt.
Ähnliche Geschichten vom Zusammenleben im Alltag hört man von vielen Schülern. Eva Herzog und Hanna Melcher zum Beispiel sind über ihre Musiklehrerin Barbara Weiser zu Mitsängern im Slubicer Chor "Adoramus" geworden. An diesem Sonntag werden sie an der Aufführung von Mozarts "Requiem" in einer Kirche in Swiebodzin beteiligt sein. Die Lobreden, die bei der heutigen Feier ganz gewiss auf die Integrationswirkung der Schule gehalten werden, können also gar nicht übertrieben sein. "Auffällig ist zudem, dass immer mehr Schüler aus deutsch-polnischen Familien kommen", so Torsten Kleefeld.
Das Frankfurter Projekt hat freilich einen Standort- und historischen Vorteil. Denn das heutige Gymnasium erhielt wegen seiner Kontakte nach Polen bereits 1973 den Titel einer UNESCO-Schule und will dieses Jubiläum auch noch in diesem Schuljahr feiern. Weitere Brandenburger Schulen, an denen regelmäßig Polen das Abitur ablegen, gibt es in Schwedt (Uckermark), Guben (Spree-Neiße) und Neuzelle (Oder-Spree).

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Veröffentlichung/ data publikacji: 21.09.2012

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