Die Universität will Külz verkaufen

Das Schlösschen der Bismarcks in Külz (Kulice) bei Naugard (Nowogard) war im Jahr 1992 im Verfall begriffen. Heute gäbe es das Gebäude sicherlich nicht mehr, wäre Philipp von Bismarck, der letzte deutsche Gutsherr, nicht gekommen und hätte seinen Wiederaufbau beschlossen. Zehn Jahre später entschied er, das Schlösschen der Stettiner Universität zu übergeben. Heute will die Hochschule es verkaufen.

Zusammen mit seinen Brüdern, die wie er Nachkommen des „Eisernen Kanzlers“ sind, sprach sich Philipp von Bismarck schon in den 1960er Jahren für gute Beziehungen zu Polen aus. Mit den westdeutschen Christdemokraten verbunden, unterstützte er dennoch den sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt in diesen Bestrebungen, und als einer der ersten prominenten Vertreter von Aussiedlerorganisationen war er für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.

Universität kluger Leute
Im Jahr 1995 wurde das Schlösschen in Anwesenheit führender polnischer, deutscher und französischer Politiker und Geistlicher eröffnet, darunter Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Minister Andrzej Milczanowski und Erzbischof Marian Przykucki. Zur Eröffnungsfeier reisten auch Vertreter alter pommerscher Geschlechter an: von Osten, von Kleist-Retzow, von Maltzahn.

Im Jahr 2002 übereignete die Agentur für das landwirtschaftliche Eigentum des Staatsschatzes, der juristische Eigentümer der ganzen Immobilie, der Stettiner Universität für den symbolischen Złoty das (für 7 Millionen Złoty wiederaufgebaute) Schlösschen mit der Parkanlage und den Wirtschaftsgebäuden. Zu dieser Festlichkeit reisten prominente Gäste dieses Mal nach Stettin (Szczecin). So erfüllte sich der Traum Philipp von Bismarcks. Er hatte sich gewünscht, die Universität möge Külz als Ort für deutsch-polnische Begegnungen und Ausbildung übernehmen. Ungemein schätzte er auch die Idee von der Universität als einer Gemeinschaft kluger Leute. Er war überzeugt, dass die Hochschule Külz zu einer blühenden Einrichtung machen werde, denn schon vorher hatte er Wissenschaftler kennengelernt, die dort arbeiteten, hauptsächlich Historiker und Ökonomen. Mit einigen von ihnen arbeitete er eng zusammen.

Das Grab der Mutter
Mit der Übernahme von Külz akzeptierte die Hochschule die Bedingung, die Immobilie zehn Jahre lang nicht zu verkaufen. Diese Frist ist mittlerweile abgelaufen, und im Herbst dieses Jahres fasste der Senat der Stettiner Universität den Beschluss, Külz zu verkaufen. Offiziell wird das mit Verlusten begründet, die Universität müsse jährlich 300.000 Złoty für Külz zuzahlen, was sie sich nicht leisten könne. Die finanzielle Situation sei sehr schwierig. Professor Edward Włodarczyk, der Rektor der Stettiner Universität, sagt, er werde nicht den Studenten die Gebühren erhöhen, um den Unterhalt von Külz zu finanzieren.

Wird die Universität Külz jedoch tatsächlich verkaufen können? Der Senatsbeschluss reicht dafür nicht aus, erforderlich ist auch noch das Einverständnis des Schatzministeriums. Anfragen wegen des Schicksals von Külz werden sicherlich aus Deutschland kommen, wurde das Haus doch aus deutschen Mitteln für den Schutz des Kulturgutes restauriert, also mit dem Geld des deutschen Steuerzahlers. Philipp von Bismarck legte auch noch selbst dazu. Er freute sich über den Wiederaufbau seines einstigen Hauses und die Übereignung insbesondere an die Universität auch deshalb, weil im Park nahe dem Schloss seine Mutter begraben liegt. Er sagte sogar, dass er sich zum Wiederaufbau entschlossen habe, um dieses Grab zu pflegen.

Als das Schlösschen 1995 feierlich eröffnet wurde, waren nicht alle damit zufrieden. Unter anderem kritisierte die Landsmannschaft der Ostpreußen Philipp von Bismarck heftig wegen seiner freundschaftlichen Haltung gegenüber Polen, und die Polen, die mit ihm zusammenarbeiteten, wurden von den Kreisen um den Verlag Maryja aus Thorn (Toruń) attackiert. Hier und da war von nationalem Verrat die Rede.

Notwendiges Külz
Nach 1990 entstanden in Polen drei Zentren, die die neue Ära in den deutsch-polnischen Beziehungen symbolisierten: Kreisau (Krzyżowa), Krockow (Krokowa) und Külz (Kulice). An alle knüpften sich große Hoffnungen. Heute werden sie nur von Kreisau erfüllt.

Doch auch in Külz war es so (und könnte es immer noch sein). Das Schlösschen ist nicht groß: zwei Tagungsräume, dreißig Betten, ein Speisesaal, Hausmeisterwohnung, Park, Reste von Wirtschaftsgebäuden und Platz für den Bau eines Bettenhauses. In den ersten Jahren pulsierte hier das Leben. In Külz fanden wichtige Begegnungen von Wissenschaftlern, Jugendlichen, Politikern, Vertretern der Selbstverwaltung und der Region statt. Glatt liefen diese Begegnungen selten ab. Tief hat sich eine deutsch-polnische Historiker-Tagung anlässlich des 100. Todestages Otto von Bismarcks ins Gedächtnis eingegraben, ebenso ein Seminar über die Soziale Marktwirtschaft, dessen Ergebnisse in beiden Ländern auf Interesse stießen.

Der Metropolit der Diözese Stettin-Kammin, Erzbischof Marian Przykucki, war ebenfalls gern in Külz. Die Bismarcks halfen bei der Renovierung von Kirchen in der Umgebung, unterstützten Schulen und organisierten karitative Aktionen.

Die wichtigste Debatte
Philipp von Bismarck war vom Geiste her Landwirt. Nach dem Krieg hatte er keinen eigenen Hof und wurde Jurist und Ökonom. Er gehörte dem Bundestag und dem Europäischen Parlament als Abgeordneter an und war Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft. Seine Tätigkeit für die deutsch-polnische Verständigung wird mit der Leistung von Marion Gräfin Dönhoff verglichen.

Er und seine Frau Ebba waren stolz und bescheiden. Kamen sie nach Stettin, dann lernten sie, fragten und suchten nach den besten Lösungen für Külz. Öffentliche Debatten scheute Philipp von Bismarck nicht. Im Jahr 1997 kam es im Klub der 13 Musen zu einer Diskussion zwischen ihm, dem Urgroßneffen des „Eisernen Kanzlers“ und Wehrmachtsoffizier (einige Zeit war er in Warschau stationiert, danach in Russland), und Professor Zbigniew Kruszewski aus den USA, der am Warschauer Aufstand teilgenommen und in deutschen Gefangenenlagern eingesessen hatte und damals stellvertretender Vorsitzender des Kongresses der Polen in Amerika war. Es war eines der wichtigsten Gespräche über Polen, Deutschland, die Vergangenheit und die Zukunft, das jemals in Stettin stattfand.

Gentlemen’s Agreement
Nach 1990 konnte Philipp von Bismarck Külz nicht als Eigentum erwerben. Die von ihm in Warschau eingetragene Stiftung „Fundatia Europea Pomerania“ pachtete die Immobilie von der Agentur für das landwirtschaftliche Eigentum des Staatsschatzes.

Als das restaurierte Külz der Universität übereignet wurde, vertraute Philipp von Bismarck weniger der Kraft formaljuristischer Verträge als der Haltbarkeit von Gentlemen’s Agreements. Wer aber weiß noch, was das heute bedeutet…? Philipp von Bismarck war ein Mann alter Schule. Er starb im Jahr 2006, seine kluge und zarte Ehefrau Ebba etwas früher.

Seit 1995 ist in Külz die Europäische Akademie Külz-Kulice tätig, die von der „Fundatia Europea Pomerania“ gegründet wurde und von Lisaweta von Zitzewitz aus Hamburg geleitet wird, einer Pommerin mit Wurzeln in der Gegend von Stolp (Słupsk), Polonistin und Autorin des sehr propolnischen Buches „Fünfmal Polen“. Sie war Philipp von Bismarcks rechte Hand.

Als die Universität Külz übernahm, kam es schnell zu Missverständnissen mit der Akademie. Hauptgrund war die Tatsache, dass die Universität zwar die Gebäude übernahm, aber nicht das Inventar erhielt, das als Eigentum der „Fundatia Europea Pomerania“ in der Verfügungsgewalt der Akademie Külz-Kulice blieb. Wenn also die Universität etwas in Külz organisierte, musste sie dafür das Inventar der Stiftung in Anspruch nehmen, während die Akademie für ihre Veranstaltungen die Gebäude der Universität nutzte. Leider hatte das zur Folge, dass man eine Fernsehserie drehen könnte über Missverständnisse, Verhandlungen, Vergleiche und Menschen – mit einem Wort: über das Leben. Die Serie würde Aufsehen erregen, zumal wenn man einige Briefe zitieren würde, die Lisaweta von Zitzewitz von der Universität erhielt.

Aber auch über sie heißt es in der Universität, dass mit ihr schwer zu reden sei.

Aneignung von Hab und Gut
Heute sagt Lisaweta von Zitzewitz: „Die zehn Jahre sind abgelaufen, und die Universität kann versuchen, Külz zu verkaufen. Schwer, dagegen etwas zu machen.“

Sie würde in dem Schlösschen gern einige Konferenzen organisieren, die bis zur Mitte des Jahres 2013 geplant sind und deren Programm, Referenten und Finanzierung schon lange, bevor die Absichten über den Verkauf von Külz kund wurden, feststanden.

Das gefällt der Universitätsverwaltung nicht. Vor kurzem erhielt Lisaweta von Zitzewitz einen vom Rektor, Professor Edward Włodarczyk, unterschriebenen Brief. Darin heißt es: „Die Universität hat keinerlei Reservierungen von Terminen für Tagungen und Begegnungen angenommen, die von der Stiftung im Jahr 2013 organisiert werden. Wir können stattdessen die jeweiligen Meldungen der Stiftung prüfen und jeweils Mietverträge für unsere Räumlichkeiten abschließen.“ Liest man diesen Brief, könnte man annehmen, dass die Universität keine Ahnung hat, wie und mit was für einem Vorlauf internationale Tagungen organisiert werden.

Die Hochschule möchte, dass Lisaweta von Zitzewitz und die Europäische Akademie Külz-Kulice den Ort Külz verlassen. Lisaweta von Zitzewitz würde gern das Inventar mitnehmen. Ihrer Ansicht nach ist es Eigentum der Stiftung, was eine Erklärung bestätigt, die der damalige Rektor der Universität, Professor Waldemar Tarczyński, im Mai 2007 unterschrieb. Darin heißt es: „Das bewegliche Inventar ist Eigentum der Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice.“

Die gegenwärtige Hochschulverwaltung meint jedoch, das Inventar sei Eigentum der Universität und droht in demselben Brief: „Die Entfernung irgendwelcher Gegenstände, die in unserer Evidenz stehen, werden wir als Aneignung unseres Hab und Guts behandeln und diesen Tatbestand unverzüglich den Verfolgungsorganen melden.“

Nicht wahr – das wäre eine aufsehenerregende Fernsehserie?

Külz überflüssig?
Der Rektor der Stettiner Universität, Professor Edward Włodarczyk, der sein Amt am 1. September dieses Jahres antrat und an der Übernahme von Külz sowie den späteren Peripetien keinen Anteil hat, obgleich er Külz gut kennt, da er dort als Historiker Vorträge hielt und mit Lisaweta von Zitzewitz zusammenarbeitete, meint, es gebe keinen Ausweg. Es existiere der Beschluss des Senats der Stettiner Universität, den er ausführen müsse. Die Universität könne es sich nicht leisten, für Külz zuzuzahlen und die Unterhaltungskosten für das Objekt zu tragen. Im Übrigen meint er, dass dort seit Jahren weder die Stiftung noch die Hochschule so viele wissenschaftliche Begegnungen und deutsch-polnische Veranstaltungen organisiert habe, um sagen zu können, dass dieses Objekt unbedingt notwendig sei. Um Geld zu verdienen, hätten beide Seiten das Haus unter anderem auch für Hochzeiten vermietet.

Löcher stopfen und…
Lässt sich Külz tatsächlich nicht retten, ein Ort mit einer derart wichtigen, symbolischen Geschichte? Wie viele ähnlich wichtige Gebäude besitzt die Universität?

In Deutschland gibt es Dutzende von Stiftungen und anderen Einrichtungen, die sich selbst finanzieren und mit deutsch-polnischen Angelegenheiten beschäftigen. In Polen gibt es beschämend wenig derartiger Einrichtungen.

Kann Külz nicht weiterhin ein solches Zentrum sein? Das ist kein Ort wie jeder andere, sondern ein Gebäude mit zusätzlichen Bedeutungen. Vielleicht muss man nur einmal wohlwollender, zeitgenössischer und vernünftiger darüber nachdenken – über einen Ort für pommersche Germanisten, Historiker, Kulturwissenschaftler…

Sicherlich würde die Universität durch den Verkauf von Külz kurzzeitig ein paar schmerzhafte Löcher in ihrem Budget stopfen können. Doch sie würde dadurch mehr verlieren, nämlich eine der wichtigsten Chancen, eine eigene, unwiederholbare und nicht zu erschütternde Tradition, ein eigenes Profil zu schaffen. Auch würde das Vertrauen geschwächt, das die Universität immer noch in den Zentren für deutsch-polnische Zusammenarbeit besitzt und Beifall bei jenen ernten, die ihr nicht wohlgesonnen sind. Es könnte ebenfalls bissige Kommentare geben. Kaum ist die Zehnjahresfrist abgelaufen, verkauft die Universität auch schon Külz. Wie soll man das kommentieren? Wozu hat die Hochschule Külz übernommen?

Nicht alle Brücken
Man muss daran glauben, dass sich schnell gute Lösungen für die Fragen finden, die zwischen der Stettiner Universität und der Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice umstritten sind. Sollten sie nicht gefunden werden und die Hochschule ihre Drohung wahr machen, wird alles in die Welt hinausposaunt werden.

Am besten wäre es, wenn die Universität Külz nicht verkaufen würde. Bei allem Respekt für die Senatoren ist festzustellen, dass sie keinen guten Beschluss gefasst haben. Zum Trost kann man sagen, dass nicht nur sie allein solche Beschlüsse fassen, was sich nachprüfen lässt, wenn man die Stenogramme verschiedener Senatssitzungen durchliest. Gewinnen wird jedoch derjenige, der es rechtzeitig schafft, sich zurückzuziehen.

Noch sind nicht alle Brücken abgebrochen. Und es taugt nichts, bei den deutsch-polnischen Beziehungen irgendwelche Brücken abzubrechen.

Übersetzung: Zzz

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 21.12.2012