Warum haben Polen und Deutsche – jeder für sich, aber gemeinsam – die Külzer Idee verspielt?

Diskussion - Erst durch Schaden wird der Pole klug (und der Deutsche leider auch)

Im „Kurier Szczeciński” erschien am 19. Dezember vorigen Jahres ein Artikel von Redakteur Bogdan Twardochleb mit dem Titel „Die Universität will Külz verkaufen“. Der Autor schreibt darin über Külz (Kulice) und die Pläne der Universität, das Gutshaus zu verkaufen. Nach Ansicht des Autors trägt die Stettiner Universität die Schuld an der Situation. Ich möchte mit dem Autor nicht als Rektor der Stettiner Universität polemisieren, obwohl ich in diesem Text auf eine seiner Behauptungen eingehen werde, sondern ich möchte meine Wahrnehmung von Külz als Edward Włodarczyk darlegen, als ein Mensch, der sich in gewissem Maße für die Neugestaltung der polnisch-deutschen Beziehungen einsetzt und früher einmal in Külz aktiv war.

Alle, die sich für die polnisch-deutsche Zusammenarbeit interessieren, waren von der Tätigkeit der Stiftung Europea Pomerania und der Europäischen Akademie in Külz in den ersten fünf Jahren ihrer Existenz beeindruckt. Dort wurden mehrere Konferenzen organisiert, die in Polen und Deutschland auf ein großes, positives Echo stießen. Ihr Erfolg beruhte unter anderem darauf, dass die Akademie in großem Maße das intellektuelle Potential der Stettiner Universität nutzte. Die fabelhafte und bis heute gern erinnerte Tagung im Jahr 1998 anlässlich des 100. Todestags Otto von Bismarcks war von großem wissenschaftlichen Wert, denn für ihre Organisation setzte sich Prof. Włodzimierz Stępiński ein, dem es gelang, hervorragende Kenner jener Epoche aus Deutschland und Polen einzuladen. Organisation und Finanzierung wurden von der Akademie besorgt. Bis zum Jahr 2001 könnte man noch viele derartige Beispiele guter Zusammenarbeit nennen, etwa die interdisziplinäre Tagung über die deutsch-polnische Grenzregion, an der deutsche, polnische und dänische Wissenschaftler teilnahmen und die vom Autor dieser Zeilen vorbereitet wurde.
Die gute Zusammenarbeit mit der Universität führte dazu, dass Philipp von Bismarck angesichts der finanziellen Schwierigkeiten der Stiftung Europea Pomerania, Külz zu unterhalten, die einzige Möglichkeit für die weitere Existenz in der Universität sah. Fügen wir hinzu, dass die Universität Külz im Jahr 2002 von der Agentur für das Landwirtschaftliche Vermögen des Staates übernahm und auf diese Weise Eigentümer der Immobilie wurde.
An dieser Stelle erhebt sich folgende Frage: Warum misslang die Symbiose zwischen der Universität und der Akademie? Die wichtigsten Gründe sind meiner Ansicht nach auf drei Ebenen zu suchen: der organisatorisch-administrativen, der wissenschaftlich popularisierenden und der finanziellen.
I. Auf der organisatorisch-administrativen Ebene veränderte sich die Situation von Külz nach der Übernahme durch die Universität. Damals zeigte sich, dass die in Külz seit fünf Jahren tätige Europäische Akademie Ansprüche hinsichtlich der Verwaltung der Tagungsstätte anmeldete. Die Universität hingegen setzte einen Leiter für die Schloss- und Parkanlage in Külz ein. Zusätzlich berief der Rektor noch einen eigenen Bevollmächtigten für Külz. Wo es sechs Köchinnen gibt… ist man versucht zu sagen. Das Problem bestand darin, dass leider alle Seiten von Anfang an nicht nur vom Text der Verträge abzuweichen begannen, sondern auch von dem Geist der Vereinbarung, die Dr. Philipp von Bismarck und der Rektor der Stettiner Universität, Prof. Zdzisław Chmielewski, unterzeichnet hatten. Lawinenartig nahmen die Auseinandersetzungen um Zimmer für die Sekretariate, Sekretärinnenstellen, Möbel, Besteck, Bettwäsche usw. zu. Sie wurden durch die Unterzeichnung einer weiteren Vereinbarung nicht beendet, sondern im Gegenteil nur von Neuem angeheizt. In die Sache hineingezogen wurden, natürlich außer den Journalisten, unter anderem Bundestagsabgeordnete und polnische Ministerien (das Außenministerium, das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulwesen und erst kürzlich das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe). Die Eskalation der Auseinandersetzungen führte die beiden Konfliktparteien, d.h. die Akademie und die Universität, vor Gericht. Die Tatsache, dass die Erste Instanz ein für die Stettiner Universität günstiges Urteil fällte, ist von zweitrangiger Bedeutung, bestürzend ist vielmehr die Verbohrtheit der Parteien. Heute geht die Titanic mit Namen Külz unter, aber die Berufung gegen das Urteil liegt beim Appellationsgericht. Sicherlich wird die Sache erst begutachtet werden, wenn die Stettiner Universität und die Akademie nicht mehr in Külz präsent sein werden, aber das Orchester der gegenseitigen Anschuldigungen muss schließlich bis zum Ende spielen. Am Rande merke ich an, dass alle, die heute über Külz diskutieren, die Urteilsbegründung lesen sollten. Vielleicht käme dann die ernüchternde Reflexion, dass man in Polen doch das Recht achten sollte.
II. Die Universität und die Europäische Akademie in Külz erzielten nach 2002 nicht den erwarteten Erfolg bei der Organisation von Tagungen oder Symposien auf der die Wissenschaften popularisierenden Ebene. Aus dem Rückblick auf die zehn Jahre lässt sich heute sagen, dass nicht mehr als drei bis fünf der in Külz organisierten Tagungen eine größere Reichweite hatten. Ein derartiger Erfolg war nach meiner Einschätzung nicht zu erringen, weil die Akademie (von wenigen Ausnahmen abgesehen) auf die Möglichkeit verzichtete, das intellektuelle Potential der wissenschaftlichen Mitarbeiter zu nutzen und die Universität auf die organisatorischen Möglichkeiten der Akademie.
In den ersten fünf Jahren ihrer Tätigkeit in Külz gehörten zwei Vertreter der Stettiner Universität dem Vorstand der Stiftung Europea Pomerania an. Nach 2002 fehlte im Rat der Europäischen Akademie Kulice-Külz ein Platz für Vertreter der Stettiner Universität. Beide Seiten wussten wenig über die Pläne des anderen. Die Akademie lud zu ihren Tagungen auch keine Personen der Universität mehr ein, die sich vorher dort aktiv an der Organisation von Symposien beteiligt hatten. Um hier nicht unbewiesene Behauptungen aufzustellen, verweise ich auf meine eigene Person. Nach 2002 war ich nur einmal auf einer Tagung in Külz. Eingeladen wurde ich allerdings nicht von der Akademie, sondern von Prof. Jan M. Piskorski, der dort als einer von wenigen Mitarbeitern der Stettiner Universität Tagungen organisierte. Von dem Festakt anlässlich des 15jährigen Jubiläums der Akademie im Jahr 2011 erfuhr ich – und nicht nur ich – erst aus der Presse. Die Distanz zwischen einigen Mitarbeitern der Universität und der Akademie vergrößerte sich auch noch aus einem anderen Grund. In einem der Zeszyty Kulickie (Külzer Hefte), die die Akademie herausgibt, wurden wohl im Jahr 2005 Vorträge einer von ihr organisierten Tagung veröffentlicht. Der Inhalt der Vorträge wurde von der Redaktion geändert (nachgerade zensiert), ohne die Autoren davon zu verständigen. Ist das die Art, um Vertrauen und Zusammenarbeit zu schaffen?
Noch ein weiteres Beispiel für die vergeudete Chance des Zusammenwirkens von Akademie und Universität. Im Jahr 2005 organisierten die Stettiner Universität und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Stettin die 31. Sitzung der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, die der Problematik der Zwangsumsiedlungen gewidmet war. Von der Rolle, die diese Kommission seit 1972 bei der Neugestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen spielte, muss ich niemanden überzeugen. Pikant wird es dadurch, dass sich der ganze zweite Konferenztag in Külz abspielte. Als die Tagungsteilnehmer Prof. J. Piskorski und mich in einer der Pausen nach Einzelheiten aus der Geschichte von Külz fragten, baten wir Frau Lisaweta von Zitzewitz um Hilfe. Sie war erstaunt, dass eine solche Tagung ohne Beteiligung der Akademie stattfand. Diese Tatsache zeigt, wie weit sich beide Seiten voneinander entfernt hatten. Die Beispiele für Tagungen, auch für zyklische Veranstaltungen, die gemeinsam hätten organisiert werden können, aber nicht wurden, ließen sich mehren. Ich erinnere hier nur an die alljährlichen Tagungen zur Geschichte des pommerschen Dorfes. Andererseits sind jedoch als gutes Beispiel drei Tagungen hervorzuheben, die die Akademie und Prof. Jan M. Piskorski organisierten.
III. Redakteur B. Twardochleb schreibt, dass Külz mit den Geldern des deutschen Steuerzahlers wiederaufgebaut worden sei. Die Kosten beliefen sich auf ca. sechs Millionen Złoty. Schade, dass er nicht konsequent war und auch schrieb, dass Külz in den letzten zehn Jahren mittels der Stettiner Universität vom polnischen Steuerzahler unterhalten wurde. Die Stettiner Universität zahlte nämlich als Institution des Staatshaushalts jährlich ca. 200.000 bis 300.000 Złoty für Külz zu. Im Lauf von zehn Jahren kamen so ungefähr 2,5 Millionen Złoty zusammen. Das Grundproblem von Külz waren – sowohl in der Zeit der Verwaltung durch die Stiftung Europea Pomerania als auch später durch die Universität – die Unterhaltungskosten. Meiner Meinung nach machten sowohl die Universität als auch die Akademie von Anfang an einen Fehler, indem sie nicht über die gemeinsame Schaffung eines nachhaltigen Funktionsmodells für Külz nachdachten, beispielsweise durch ein Forschungszentrum für die Grenzregion oder das kulturelle Erbe Pommerns oder wenigstens einen Ort für den Erfahrungsaustausch von polnischen und deutschen Selbstverwaltungsorganen. Jede solcher Initiativen und Institutionen hätte mit Erfolg verschiedenartige Zuschüsse beantragen können. Auf diese Weise hätte sie auch ihren Beitrag zu den hohen Unterhaltungskosten von Külz leisten können. Stattdessen dachte man nur an den Augenblick und suchte auf die einfachste Art an Geld zu kommen. Deshalb waren aus Külz an Stelle von gewichtigen Beiträgen zur deutsch-polnischen Debatte viel häufiger ein „Sto lat!“ (Hoch soll er leben!) oder Hochzeitsmusik zu vernehmen. Beide Seiten organisierten mit großem Eifer Hochzeiten und andere Festivitäten und entstellten bei dieser Gelegenheit die schöne Idee Philipp von Bismarcks.
Heute befinden sich beide Seiten – und dadurch auch Külz – nach fast elf Jahren in einer viel schwierigeren Situation als zu Beginn des Jahres 2002. Auf beide trifft das etwas abgewandelte polnische Sprichwort zu: Erst durch Schaden wird der Pole klug (und der Deutsche leider auch).

Ü:Zzz

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Veröffentlichung/ data publikacji: 09.01.2013