Die Idee von Külz ist nicht verspielt worden

Diskussion - In den deutsch-polnischen Angelegenheiten ist noch viel zu tun.
Vor einer Woche erschien im „Kurier Szczeciński” der Artikel „Warum haben Polen und Deutsche – jeder für sich, aber gemeinsam – die Idee von Külz verspielt?“ Der Autor, Prof. Edward Włodarczyk, ist Rektor der Stettiner Universität und von Hause aus ein Historiker, der anerkannte wissenschaftliche Leistungen vorzuweisen hat.

Mit Bedauern muss ich schreiben, dass der Autor, anstatt sich durch ein gründliches Aktenstudium eine eigene Meinung von der Sache zu bilden, leider Fakten verdreht und die seit Jahren bekannten Argumente gegen die Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice wiederholt, die ein kleines Grüppchen von Universitätsmitarbeitern einmal ersonnen hat. Am meisten aber betrübt die Tatsache, dass er, anstatt mit einer positiven Lösung aufzuwarten, Külz mit der untergehenden Titanic vergleicht. Das zwingt mich, zu seinen Thesen Stellung zu nehmen.
***
Der Konflikt zwischen der Stiftung und der Universität resultiert in großem Maße daraus, dass sich die Universitätsverwaltung weder für die Tätigkeit der Stiftung interessiert noch dafür, wie eine solche Nicht-Regierungs-Organisation funktioniert und über welche Möglichkeiten sie verfügt. Anstatt die Dinge mit ihr auf partnerschaftliche Weise abzustimmen, suchte sie sie als eine ihrer administrativen Einheiten zu behandeln. Als das bei der Stiftung auf Widerstand stieß, begannen sich die Mitarbeiter der Universitätsverwaltung wie die Verteidiger einer belagerten Festung zu benehmen und ihre eigenen Mythen zu entwickeln.
Einer dieser Mythen besagt, die Stiftung habe sich im Jahr 2002 finanziell in einer derart hoffnungslosen Situation befunden, dass sie die einzige Rettung in der Universität gesehen habe. So war es nicht. Die Stiftung war sich darüber im Klaren, dass sie als kleine Einrichtung Külz nicht allein würde stemmen können, und das nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern vor allem im Hinblick auf ihr großes Ziel – den Aussöhnungsprozess zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk zu unterstützen, was die Zusammenarbeit verschiedenster Kreise erfordert. Deshalb nahmen die Stiftungsorgane schon vor der offiziellen Eröffnung der Tagungsstätte in Külz (Kulice) im September 1995 Gespräche mit potentiellen Partnern auf, u.a. mit der Bosch-Stiftung. Im März 2002 begann die Zusammenarbeit mit der Stettiner Universität. Fügen wir hinzu, dass die Hochschule damals daran äußerst interessiert war – unter der Bedingung, dass ihr die Tagungsstätte unentgeltlich übereignet würde.
***
Die Stiftung setzte große Hoffnungen in die Universität. Sie erschien ihr als ein vertrauter und naher Partner, der über eine stabile finanzielle Basis, wissenschaftliches Personal und interessierte Studenten verfügt. Sie rechnete nicht damit, dass die Universitätsverwaltung nach der Übereignung der Immobilie versuchen würde, nahezu alles, dem sie zugestimmt und das sie versprochen und unterschrieben hatte, auf den Kopf zu stellen.
Gleich zu Beginn beispielsweise berief der damalige Rektor, Prof. Zdzisław Chmielewski, einen Bevollmächtigten, der nicht nur Chef der in Külz beschäftigten Mitarbeiter der Stettiner Universität, sondern auch der dort tätigen Stiftung sein sollte. Pikanterweise handelte es sich dabei um einen Professor der Stettiner Universität, der damals noch dem Stiftungsvorstand angehörte, obwohl doch in demokratischen Staaten ein und dieselbe Person nicht beide Seiten repräsentieren sollte. Die Sache entwickelte sich auf die schlimmste Weise. Die erste Maßnahme des Bevollmächtigten des Rektors – ein Versuch, mich aus meinem Büro in Külz hinauszuwerfen – erregte in der ganzen Wojewodschaft Aufsehen. Außerdem suchte der Bevollmächtigte der Stiftung sogenannte Bestimmungen für ihren Betrieb aufzuzwingen, was in der Praxis das Ende ihrer Tätigkeit bedeutet hätte. Trotz des Verbots des Stiftungsratsvorsitzenden Philipp von Bismarcks agierte er weiter als Mitglied des Stiftungsvorstands und übertrug der Universität eigenmächtig das, was die Stiftung noch besaß, wonach er schnell von seinem Vorstandsamt zurücktrat. Das ist auch der Grund dafür, dass es in den Stiftungsorganen nach dem Jahr 2002 „keinen Platz für Vertreter der Stettiner Universität gab”, worüber Rektor Włodarczyk sich so sehr wundert.
Mehr als die verhängnisvollen Taten eines Einzelnen, die schließlich überall geschehen, gibt die Tatsache zu denken, dass die Universität niemals Anstrengungen unternahm, um die Ursache des Konflikts aufzuklären. Die Hochschulverwaltung glaubte „ihrem Mann“, und damit war der Fall für sie erledigt. Obwohl der Bevollmächtigte sein Amt nur fast zwei Jahre lang ausübte, hat er doch den Boden für die Zusammenarbeit so wirkungsvoll ruiniert, dass darauf bis heute nichts Nachhaltiges gewachsen ist.
Die Stiftung gab ihren Glauben an die Zusammenarbeit nicht auf. Sie fand Wissenschaftler der Stettiner Universität, die ihr zu helfen suchten, indem sie bei Gesprächen mit der Hochschule vermittelten. In diesem Kreis fehlte der gegenwärtige Rektor.
***
Ihre Haltung als „Verteidiger einer belagerten Festung” ließ die Universitätsverwaltung unter anderem die Chance verspielen, auf dem Gelände der Tagungsstätte ein Bettenhaus zu bauen, das die Rentabilität des Objekts erhöhen sollte. Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit hatte unserer Stiftung im Jahr 2001 für diesen Zweck einen Zuschuss in Höhe von 1,4 Millionen Złoty bewilligt. Nach der Übernahme von Külz bemühte sich die Universität um die Übertragung eben dieses Zuschusses. Die SdpZ machte die Sache vom Abschluss einer von beiden Seiten unterzeichneten Vereinbarung über die Prinzipien abhängig, nach denen die Stiftung die Tagungsstätte nutzen kann. Leider gelang es nicht, sich mit der Universität darüber zu einigen, und so verfiel der Zuschuss, von dem man damals ein entsprechendes Haus hätte bauen können.
Ein anderer Mythos, den die Universitätsverwaltung gern wiederholt, bezieht sich auf die Tätigkeit der Stiftung. Als „ein Mensch, der sich in gewissem Maße für die Neugestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen einsetzt“, wie sich der Herr Rektor selbst beschreibt, sollte er wissen, wie viel sich in dieser Hinsicht in den letzten zwanzig Jahren geändert hat, auch im Bereich der Tagungsthematik. Für alle Fälle möchte ich hier in Erinnerung bringen: Alljährlich organisiert die Stiftung im Rahmen ihrer Satzungstätigkeit etwa ein Dutzend Begegnungen – und das sind beileibe nicht nur wissenschaftliche Tagungen, sondern auch Jugendtreffen, Studienreisen und verschiedenartige deutsch-polnische Seminare, die unter anderem Fragen der Selbstverwaltung und der Erziehung, dem Schutz des kulturellen Erbes und gesellschaftlichen Problemen gewidmet sind. Da die Stiftung über einen winzigen Mitarbeiterstab verfügt, bot und bietet sie vielen Wissenschaftlern eine Zusammenarbeit an, auch solchen aus Stettin und von der Stettiner Universität, unter anderem ebenfalls dem jetzigen Rektor, der die Einladung jedoch nur ein einziges Mal annahm. Außerdem gab die Stiftung bis zum Jahr 2012 insgesamt zehn Bände der wissenschaftlichen Serie „Zeszyty Kulickie/Külzer Hefte“ heraus, allerdings niemals die vom Herrn Rektor genannte Position, in der die Artikel von der Redaktion zensiert worden sein sollen. Davon kann man sich in jeder größeren Bibliothek in Polen und Deutschland überzeugen, auch in der Stettiner Universitätsbibliothek.
Und wie macht sich in Külz das intellektuelle Potential der Universität bemerkbar? Einerseits in der Beteiligung von Wissenschaftlern und Studenten der Stettiner Universität an Tagungen, die von der Stiftung organisiert werden (ihre Referate finden sich u.a. in den „Külzer Heften“), andererseits in den Fremdveranstaltungen, welche die Hochschule dort fast ausschließlich organisiert: Hochzeiten, Kommunionsfeiern, Taufen, Aufenthalte ausländischer Jagdgäste, Firmenschulungen usw. Die Stiftung organisiert auch derartige Veranstaltungen, aber sie dominieren nicht ihre Tätigkeit.
***
Bei jedem Treffen klagte die Universitätsverwaltung über die Unterhaltungskosten von Külz. Sind sie tatsächlich so hoch, wie behauptet? Das müsste man prüfen und die Gründe analysieren. Mehrfach schlug die Stiftung der Universität vor, Külz aufzugeben. Um die Kosten zu verringern, kündigte im Jahr 2008 der Rektor, Prof. Waldemar Tarczyński, die Verpflichtung der Universität zur Finanzierung der Stiftungssekretärin. Nach ergebnislosen Verhandlungen übergab die Stiftung die Sache im Jahr 2010 dem Gericht. Das Urteil der Ersten Instanz fiel für die Universität keineswegs so günstig aus, wie Rektor Włodarczyk suggeriert. Das Gericht befand nämlich, dass die Klage der Stiftung der Grundlage entbehre, weil die Universität als eine Institution des Staatshaushalts eine Verpflichtung, die Arbeitskraft einer dritten Institution zu finanzieren, nicht hätte unterzeichnen dürfen. Was zugleich bedeutet, dass die Universität in den Jahren 2002-2007 Staatsmittel falsch verwendete…
In seinem Artikel sucht der Herr Rektor die Position eines objektiven Beobachters einzunehmen, der mit der in Külz entstandenen Situation nichts zu tun hat, da er das Amt des Rektors erst seit September 2012 ausübt. Vorher aber bekleidete er einflussreiche Posten in der Stettiner Universität, u.a. war er Prorektor für Bildungsfragen und hätte in den Lauf der Ereignisse eingreifen können. Nach der Amtsübernahme vermied der Rektor das direkte Gespräch, das die Stiftung anstrebte. Er zog es vor, ihr ein Kündigungsschreiben und andere Briefe per Kurierpost nach Külz zu schicken.
***
Die Beispiele für die Unbeholfenheit der Stettiner Universitätsverwaltung, das für den symbolischen Złoty erworbene Külz zu betreiben, ließen sich mehren – sowohl im inhaltlichen und finanziellen Bereich wie auch auf der zwischenmenschlichen Ebene.
Aber ist die Bestimmung der Schuldigen jetzt das Wichtigste? Irgendwann wird sich gewiss ein Historiker finden, der die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice und der Stettiner Universität redlich aufarbeitet.
Sehr viel angebrachter wären zu diesem Zeitpunkt sachliche Gespräche über Külz. Ist die Idee, um derentwillen diese Stätte gegründet wurde, tatsächlich verspielt worden, wie der Herr Rektor fatalistisch behauptet? Meiner Meinung nach ist noch viel zu tun, um in den deutsch-polnischen Beziehungen das wechselseitige Vertrauen, das Verständnis und die Zusammenarbeit zu vertiefen – dem kann Külz weiterhin dienlich sein. Unerlässlich ist jedoch ein anderes Betreibermodell. Ich bin der Ansicht, dass sich in die Gespräche über Külz die Ministerien beider Länder, der Wojewode, die Kommission für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Intellektuelle von beiden Seiten usw. einschalten sollten. Im Interesse guter deutsch-polnischer Beziehungen ist zu hoffen, dass sich auch Mitarbeiter und Studenten der Stettiner Universität einbringen werden. Mögen sie am Beispiel von Külz lernen, wie man schädliche Mythen zerschlägt, wie man überkommene Denkkategorien und Trennlinien vom Typus „hier der Pole, dort der Deutsche“ überwindet, wie man die Zivilgesellschaft und die europäische Gesellschaft weiter aufbaut.
Dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Der Kanzler der Stettiner Universität, der eine gewaltige Rolle in dem Prozess der Verdrängung der Stiftung aus Külz spielt, wies die Objektleiterin an, die Schlösser an den Türen zu den bislang von der Stiftung genutzten Räumlichkeiten auszutauschen, sollte diese sie der Hochschule nicht „frei von Personen und Gegenständen“ spätestens am 31. Januar dieses Jahres übergeben.

Lisaweta von Zitzewitz, Vorsitzende des Vorstands der Stiftung „Europäische Akademie Külz-Kulice”

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 16.01.2013