Weitere Diskussionsbeiträge zum Verkauf des Külzer Gutshauses

Mit Verwunderung und Bestürzung habe ich die Nachricht aufgenommen, dass die Stettiner Universität das Gutshaus in Kulice/Külz zu verkaufen beabsichtigt. Seit 2003 nehme ich an den Seminaren, Begegnungen und Tagungen der dortigen Europäischen Akademie Külz-Kulice teil. Ich fahre immer gern nach Külz, obwohl die Anreise von meinem Wohnort im Ruhrgebiet aus recht beschwerlich ist.
Sehr interessant sind die von der Akademie organisierten Veranstaltungen, die breit gefächert die Geschichte Polens, Preußens und Deutschlands erhellen, gesellschaftliche und soziale Belange des heutigen Polens aufgreifen und spezielle Fragen aus der deutschen und polnischen Literatur und dem kulturellen Bereich dieser Länder thematisieren. Sie vermitteln mir wertvolle Einsichten und neues Wissen über Polens Vergangenheit und Gegenwart, was mein Interesse für dieses Land immer mehr wachsen ließ. Bei den themenbezogenen Exkursionen, die im Rahmen der Seminare angeboten werden, lernte ich in Westpommern auch Örtlichkeiten abseits der bekannten Touristenstraßen kennen, die kaum von Reiseunternehmen angefahren werden, die aber für die Geschichte dieses Landes wertvolles Kulturgut bewahren und stets einen Besuch wert sind. So konnte ich mir als Deutsche an Ort und Stelle ein eigenes Bild von unserem östlichen Nachbarland machen.
Über die Qualität der von der Europäischen Akademie angebotenen Veranstaltungen zu schreiben, erübrigt sich eigentlich, denn das große Interesse an ihnen spricht für sich. Von dem wissenschaftlichen Gewicht der Seminare kann man sich übrigens auch anhand der Schriftenreihe „Zeszyty Kulickie/ Külzer Hefte“ überzeugen, in der ein Großteil der Veranstaltungen dokumentiert ist. Exemplarisch für alle Veranstaltungen, an denen ich im Lauf der letzten Jahre teilnahm, möchte ich dennoch kurz auf eine Tagung verweisen, die die Europäische Akademie Külz-Kulice Ende 2011 unter dem Titel „Ostpommern zur Zeit der Greifen“ organisierte.
Die deutsch-polnische Tagung beschäftigte sich mit einem geschichtlichen Zeitabschnitt, der weitgehend im Dunklen liegt, aber sowohl von deutschen als auch von polnischen Forschern zunehmend hinterfragt wird. In Külz hatten sie Gelegenheit, die Ergebnisse ihrer Arbeit und ihre Ansichten über die Geschichte Ostpommerns im Zeitraum vom 12. bis 16. Jahrhundert auszutauschen. Die unterschiedlichen Erkenntnisse und Ergebnisse der Geschichtsschreibung in Polen und Deutschland zu dieser Zeit konnten ebenso diskutiert werden wie die Rezeption dieser Frühzeit Ostpommerns in der deutschen und polnischen Literatur der letzten Jahrzehnte. Die Referenten, deutsche und polnische Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universitäten Augsburg, Greifswald, Stettin, Thorn, Posen, Heidelberg sowie der Pommerschen Akademie in Stolp, plädierten übereinstimmend für weitere gemeinsame wissenschaftliche Forschungsvorhaben über die Geschichte Pommerns, um von nationalem Gedankengut wegzukommen. Sie alle nahmen wertvolle Anregungen für ihre weitere Forschungsarbeit mit.
Ich habe die Europäische Akademie Külz-Kulice und Lisaweta von Zitzewitz kennen und schätzen gelernt; unter ihrer professionellen Leitung können Deutsche und Polen sich hier näher kommen, übereinander und voneinander lernen. Viel bedeuten mir die persönlichen Freundschaften vor allem mit jüngeren Polen, die ich in Külz schließen konnte, ebenso der ständige Gedankenaustausch mit polnischen Museumsfachleuten und Archivaren aus Stettin und Stolp, zu denen ich dank der Külzer Akademie Kontakte knüpfen konnte. Und das alles soll nun vorbei sein?
Der Beschluss der Stettiner Universitätsverwaltung, die Begegnungsstätte in Külz, die ihr unentgeltlich übereignet wurde, zu verkaufen, ist schwer zu akzeptieren. Sollte es um die Unterhaltungskosten gehen, mit denen der Rektor diese Entscheidung in erster Linie begründet, müsste sich dafür doch eine Lösung finden lassen, gegebenenfalls unter Mitwirkung anderer Stellen, denen die deutsch-polnischen Beziehungen am Herzen liegen. Sollte das nicht gelingen, würde Westpommern eine renommierte deutsch-polnische Begegnungsstätte verlieren und um eine übernationale Einrichtung ärmer werden.

Die Autorin wurde in der Nähe von Stolp geboren und lebt in Dorsten (Nordrhein-Westfalen). Sie arbeitete im Studieninstitut für kommunale Verwaltung Nordrhein-Westfalen und hat diese Einrichtung lange Zeit geleitet. Unter anderem ist sie Mitglied des Vereins zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e.V., Bonn, hat zahlreiche Artikel zur Geschichte Pommerns und der deutsch-polnischen Zusammenarbeit veröffentlicht, darunter eine Monografie über das Bild Pommerns im Werk Theodor Fontanes. Ihr umfangreicher Essay „Theodor Fontanes Gefallen an ‚hexenhaften‘ Wesen und sein Fragment Sidonie von Borcke“, der in den „Zeszyty Kulickie/ Külzer Hefte“ abgedruckt ist, wurde auch vom Verein zum Schutz des Erbes von Marianowo/Marienfließ veröffentlicht (Übersetzung: Dr. Przemysław Jackowski).

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 01.02.2013