Weitere Diskussionsbeiträge zum Verkauf des Külzer Gutshauses

Auch wenn ich seit Jahren nicht mehr in Szczecin/Stettin lebe, möchte ich mich zu Wort melden, denn die Angelegenheiten der Polen und der Deutschen, ihre Zusammenarbeit und ihre Aussöhnung waren und sind mir nah. Umso mehr jetzt, da sich die deutsch-polnischen Beziehungen normalisiert haben, wir gemeinsam der Europäischen Union angehören und wechselseitig so viel Nutzen aus der intensiv betriebenen Zusammenarbeit ziehen, insbesondere im Bereich des Handels und der Wirtschaft.
Angesichts der Vergangenheit (die man nicht vergessen darf) ist es jedoch unsere Pflicht, alles zu tun, um die wechselseitigen Kontakte ständig zu vertiefen und weiterzuentwickeln. Und das umso mehr, als bestimmte Bereiche „noch nicht vollständig bewirtschaftet“ sind wie etwa die kulturelle, wissenschaftliche und didaktische Zusammenarbeit. Auf beiden Seiten der Grenze gibt es immer noch wechselseitige stereotype Vorstellungen.
Nachdem in Külz ein solches Zentrum für Zusammenarbeit entstand, war der Ort ein Symbol für den Wandel im deutsch-polnischen Verhältnis, und er sollte es bleiben, umso mehr, als es sich dabei nicht um ein „Museum“ handelte (in dem Ausstellungsstücke angesammelt werden – ohne die Rolle und die Bedeutung von Museen negieren zu wollen), sondern um ein „lebendiges“ Zentrum, in dem Wissenschaftler, aber hauptsächlich junge Leute und alle, die an der Vertiefung der künftigen deutsch-polnischen Beziehungen interessiert sind, einen „Ausfluss“ für ihre Passionen fanden. Man muss auch weiterhin diskutieren und sich treffen, um die Meinungen einander anzunähern. Um Kompromisse in Fragen zu suchen, die – vielleicht – für immer strittig bleiben werden. Das ist so wie mit der Gesundheit – man muss auf sie achtgeben, selbst wenn einem nichts Ernstliches fehlt. Und das gilt insbesondere dann, wenn es – wie im deutsch-polnischen Verhältnis – eine tiefe Wunde gibt, die sich gerade erst geschlossen hat und die man nicht verletzen darf. Jeder weiß, woran ich jetzt gerade denke…
Deshalb wundere ich mich darüber, dass die Konfliktparteien zu keiner Einigung gelangen! Dass sie einander (wie ein Ehepaar bei der Scheidung) verschiedene Dinge vorwerfen, worüber die Konfliktparteien im „Kurier“ schrieben (bei dieser Gelegenheit möchte ich der Zeitung dazu gratulieren, dass sie diese Diskussion aus Sorge um den Erhalt eines wertvollen Zentrums der ZUSAMMENARBEIT führt). Dabei geht es – meiner Ansicht nach – insgesamt um kleinliche Dinge, die sich auf die Frage „Wer ist in Külz wichtiger?“ reduzieren lassen. Dabei geht es doch um den Gehalt der Sache – um die Fortsetzung des deutsch-polnischen Dialogs unter einem möglichst breiten Aspekt. So vieles ist (trotz des schon vor mehr als zwanzig Jahren geschlossenen Vertrags über gutnachbarschaftliche Zusammenarbeit) noch zu diskutieren, verifizieren, an wechselseitiger Toleranz zu vertiefen, aufzuklären und zu verstehen.
Es gibt schließlich Dinge, die nur deutsch bzw. nur polnisch waren und bleiben werden; und es gibt die gemeinsamen Dinge, über die wir nicht reden müssen, da sie offensichtlich scheinen; aber es gibt und wird Probleme geben, bei denen wir ständig nach Kompromissen und Verständigung suchen müssen. Sowohl in Bezug auf die Vergangenheit als auch auf die gemeinsame Existenz in der Europäischen Union oder die wechselseitigen bilateralen Beziehungen: Aber wo soll man darüber reden, wenn nicht in Külz?! Wo man in der Abgeschiedenheit dieses reizvollen Ortes, in der Atmosphäre einer gewissen Stille und Konzentration so viel Gutes für die gemeinsame Zukunft tun kann! Nichts und niemand kann diesen Ort ersetzen – als Zentrum für Gedankenaustausch, gelegentliche wissenschaftliche Begegnungen (und nicht nur wissenschaftliche), als Ort für Diskussionen im Bemühen um Normalität in allen wechselseitigen Beziehungen!
Deshalb appelliere ich an die Wojewodschaftsbehörden, sich gegenüber dem entstandenen Konflikt nicht gleichgültig zu verhalten. Dass sie die Rolle eines Mediators übernehmen, um höhere Werte zu bewahren, nicht aber kurzzeitige Vorteile für eine der beiden Seiten. Und das umso mehr, als Polen (und auch Deutschland) darauf schaut. Sofern es um Polen geht, liegt Stettin (obgleich viele das glauben) nicht am Ende des Landes; im Gegenteil: IN STETTIN BEGINNT POLEN. Meiner Meinung nach sollten die Beziehungen zu Deutschland (das – überdies – unser größter westlicher Handelspartner ist) Teil der Staatsräson Polens sein und sind es wohl auch. Deshalb verteidige ich – wie ich es im Titel ausgedrückt habe – Külz ebenfalls!

Der Autor war früher u.a. Sekretär der Stettiner Gesellschaft für Kultur und ist Professor an der Humanistischen Aleksandr-Gieysztor-Akademie, Übersetzer von Literatur, u.a. von Hans Hellmut Kirst (in den Buchhandlungen finden sich seine Übersetzungen folgender Werke eben dieses Autors: „Wojna z Polską” [Krieg gegen Polen, dt. Originaltitel „Menetekel ‘39“] und „08/15 w partii“ [08/15 in der Partei]); Verfasser u.a. der Bücher „Polska między Niemcami i Rosją“ [Polen zwischen Deutschland und Russland] (das unlängst erschien) und „Nazizm, wojna i III Rzesza w powieściach Hansa Hellmuta Kirsta“ [Nazismus, Krieg und Drittes Reich in den Romanen Hans Hellmuth Kirsts].

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 01.02.2013