Waldfrieden (Zacisze)

Zur Eröffnung einer Gedenkstätte der europäischen Verständigung in der Wojewodschaft Großpolen

Hans Paasche darf stolz und glücklich sein, hier zu ruhen: zwar noch immer einsam im Wald, aber dennoch mitten unter Menschen, die ihn achten und für die Völkerhass nur noch ein Wort aus längst vergangener Zeit ist.

Es ist nicht viel geblieben vom Gut Waldfrieden in der ehemaligen Grenzmark und späteren Provinz Posen-Westpreußen: die Ruine der Wassermühle, die hohe Treppe, die einst zum Gutshaus hinaufführte, Reste der Grundmauern. Überdies ein Grabkreuz, aufgestellt erst in den Achtzigerjahren, auf dem in polnischer Sprache geschrieben steht: „Hans Paasche. Hier ruht ein Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung, ermordet im Jahre 1920 als Opfer seiner Gesinnung.” Darunter stehen die deutschen Worte „Ich habe mehr gesät als geschnitten ...”

Wer war dieser Mann, dessen Epitaph verheißt, er habe eine Saat, ein Vermächtnis hinterlassen? Paasche wurde 1881 in Rostock geboren und wuchs in Marburg, Berlin und in Waldfrieden auf. Seine Eltern - der Vater war namhafter Wirtschaftswissenschaftler, Kolonialökonom, Großaktionär und Politiker, die Mutter bezeichnete sich als Schriftstellerin und verfasste sowohl emanzipatorische als auch militaristische und antisemitische Schriften - wünschten, der Sohn solle Wissenschaftler werden. Doch er verfing sich in dem, was er später „das Gestrüpp deutscher Erziehung” nannte, brach den Schulbesuch ab, wurde Seekadett, hernach Offizier und gelangte 1904 in die Kolonie Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania. Als im folgenden Jahr der Maji-Maji-Aufstand den Süden der Kolonie entflammte, wurde Hans Paasche als Militärischer Befehlshaber im Bezirk Rufidschi (Rufiji) eingesetzt, für ein entscheidendes Gefecht hoch dekoriert und dennoch abberufen, weil er eigenmächtige Friedensverhandlungen aufnahm. Zum Missfallen der Vorgesetzten dürfte beigetragen haben, dass er in seinem Hauptquartier nahezu tausend Friedfertige und Flüchtlinge aufnahm und sie verpflegen und medizinisch versorgen ließ.(1)

1909, inzwischen auf seinen Wunsch hin aus dem Militärdienst entlassen und mit der Tochter des Bankiers und ehemaligen Posener Oberbürgermeisters Richard Witting verheiratet, kehrte Paasche mit seiner Frau in die Kolonie zurück. Diesmal als Forschungsreisender mit dem Anliegen, den Afrikanern, insbesondere Opfern des Krieges, Gesichter und Würde zurück zu geben. Eines dieser Gesichter erschien bald in der - von Hans Paasche vorgeblich nur herausgegebenen - Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland, eine kulturkritische Satire auf grenzenlosen Fortschrittsglauben und Überlegenheitsanspruch, die noch heute verlegt wird.(2) Da gehörte Paasche bereits zu den aktiven Mitgliedern der deutschen Friedensbewegung, bekannte sich öffentlich zu pazifistischem Gedankengut. Seine Überzeugung, eine naturferne Lebensweise, die alltägliche Betäubung durch Stress, so genannte Genussgifte und eine lärmende Vergnügungsindustrie würden die Menschen unempfänglich für das Leid anderer machen, trieb ihn dazu, ein führender Vertreter der Lebensreform- und Jugendbewegungen zu werden.

Im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zur Marine zurückgekehrt - wie nahezu alle seiner Landsleute glaubte er damals, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg -, erkannte Paasche bald die wahren Ursachen und wurde wegen Befehlsverweigerung entlassen. Er nahm seine Untergrundaktivitäten auf, verbreitete und vervielfältigte mit Hilfe seiner Frau, seines Sekretärs und einigen der auf dem Gut Waldfrieden tätigen französischen Kriegsgefangenen pazifistische Schriften sowie eigene Flugblätter. Das endete 1917 mit einer Anklage wegen Aufforderung zum Hochverrat und versuchtem Landesverrat, die schließlich zur Schutzhafteinweisung in ein Berliner Sanatorium führte: Ein Mann von Paasches Herkunft konnte nur geisteskrank sein, wenn er den Mächtigen derartigen Widerstand leistete. Nach dreizehn Monaten Haft von aufständischen Matrosen befreit, wurde er in die höchste Machtinstanz der Revolution, den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte, gewählt. Aber seine Vorhaben, zu denen die Bildung eines Volksgerichts über jene gehörte, die den Krieg verschuldet hatten, scheiterten am Widerstand rechter Sozialdemokraten.

Als die Revolution niedergeschlagen war, kehrte Hans Paasche - dazu auch vom frühen Tod seiner Frau und der Sorge um vier Kinder bewogen - nach Waldfrieden zurück, das überdies eine Zufluchtstätte für Verfolgte geworden war. Er wurde einer der bedeutendsten politischen Publizisten Deutschlands, bewundert und geachtet von Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky, geschätzt von Mitstreitern wie Albert Einstein, Hermann Hesse, Käthe Kollwitz and Heinrich Mann. Themen seiner damals bekanntesten Veröffentlichungen waren die Abkehr von Gewalt, Kritik an Militarismus und Nationalismus, die Aufklärung der Kriegsverbrechen und die Idee der Einrichtung eines Völkerbundes, der nicht auf Europa beschränkt sein sollte und selbstverständlich den Verzicht auf Kolonien einschloss.(3) Und er warnte: „Mache dir das ganz klar, Deutscher: Du bist ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Völker, wenn du nicht endlich Erbitterung zeigst gegen das System, das dich zum Henker deiner Nachbarn machte und dich schließlich selbst zerschunden hat. Du hast dich anstiften lassen, friedliche, glückliche Länder zu überfallen und in eine hoffnungslose Wüste zu verwandeln. Dein feldgrauer, animalischer Gehorsam hat das Elend, die Trauer und Kraftlosigkeit dieser Zeit herbeigebracht. Und du sprichst nur von deutschen Interessen, bevor du einmal die Tränen der Verzweiflung mitgeweint hast, die die ganze Menschheit weinen muss beim Anblick der Landstriche, in denen wir Siegfried- oder Hindenburgstellung spielten. Die Welt steht dir nicht offen, bevor du Mensch wirst. Es war deine historische Bestimmung, die Begriffe Vaterland, Nation bis zur Verrücktheit zu übertreiben; jetzt erkenne deine Verführer (...)“(4)

Am 21. Mai 1920 umzingelten fünf Dutzend Angehörige des Reichswehr- Schutzregiments 4 aus Deutsch-Krone (Walz) das Gut Waldfrieden. Der Hausherr, so lautete die widersprüchliche Begründung, sei ein bekannter Pazifist und verberge wahrscheinlich Waffen für einen Aufstand. Ein Haftbefehl lag nicht vor. Hans Paasche wurde dennoch aus dem Hinterhalt und ohne Anruf „auf der Flucht“ erschossen.

Man beerdigte ihn unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf seinem Gut, Kurt Tucholsky hielt ihm eine Grabrede, die linksgerichtete Presse forderte, den Mord an dem einsamen Mahner - Paasche hatte niemals einer Partei angehört - zu bestrafen, aber der zuständige Staatsanwalt ersann nur Ausflüchte. Es kam die schwärzeste Zeit deutscher Geschichte, und Paasche wurde nahezu vergessen. Lediglich in dem von seiner Tochter Helga zusammengetragenen Privatarchiv und vereinzelten Publikationen wurde sein Vermächtnis bewahrt, nur an zwei Örtlichkeiten in Deutschland wurde an ihn erinnert: auf einem den Opfern der so genannten Fememorde gewidmeten Gedenkstein in Berlin-Friedrichsfelde und in einer Dauerausstellung im Zentrum der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein. Mehrere Versuche, Straßen nach Hans Paasche zu benennen, wurden von den Behörden zurückgewiesen. Vermutlich war sein Name in der Schublade mit der Aufschrift „Amtlich anerkannte deutsche Patrioten“ nicht zu finden.

Weshalb wird hier davon berichtet? Nun, die Geschichte ist zum Glück noch nicht zu Ende. Der Autor bemühte sich viele Jahre, in Polen Partner für eine Patenschaft über das Grab zu finden und scheiterte am Misstrauen, das Deutsche und Polen bisweilen noch trennt, wenn von der Vergangenheit die Rede ist. Bis Dr. Jerzy Giergielewicz (Szczecin) 2003 eine Studie über Hans Paasche veröffentlichte und darin schrieb, Paasche verdiene es, in Polen besonders geehrt zu werden, weil er „sein Leben für die allumfassende Idee des Humanismus und der Völkerfreundschaft geopfert“ habe. Er empfahl, Paasches Grab zur Gedenkstätte der europäischen Verständigung zu erheben und das ehemalige Gutsgelände der Aufsicht des für die Wojewodschaft Wielkopolska zuständigen Konservators zu unterstellen.(5) In Polen vertraut man seinem Urteil: Giergielewicz gehörte als Jugendlicher der Heimatarmee an, wurde 1942 in Warschau von der Gestapo verhaftet und war Häftling in den Konzentrationslagern Majdanek, Flossenbürg, Groß-Rosen und Neuengamme. Eben deshalb, sagt er heute, interessiere er sich besonders für Deutsche, die vor Nationalismus, Militarismus und Krieg warnten.

Im Oktober 2004 fand in Krzyż, der Kreisstadt, in deren Verwaltungsbereich das ehemalige Gut Waldfrieden liegt, eine von Giergielewicz angeregte und vom Bürgermeister Zygmunt Jasiewicz geleitete Zusammenkunft statt. Lokalpolitiker, Vertreter der Forstverwaltung, Lehrer und interessierte Bürger der Stadt diskutierten das Vorhaben und gaben uns Gelegenheit, Dokumente vorzulegen und von Hans Paasche zu erzählen. Als dann auch die bange Frage, ob Paasche ein gläubiger Mensch gewesen sei, zufriedenstellend beantwortet war, wurde beschlossen, sein Grab zur Gedenkstätte zu erklären.

Am 21. Mai 2005, Paasches 85. Todestag, luden die polnischen Gastgeber erneut ein. Waldfrieden (Zacisze) hatte sich verändert: am Mühlbach standen zwei große, überdachte Schautafeln, die Hans Paasches Leben und die Geschichte des Gutes schildern, die Gutshaustreppe war von Mitgliedern des Sportclubs „Dynamo“ und der Vereinigung „Naturschutz“ von Moos und Überwuchs befreit, der Zugang zum Grab ausgelichtet worden. Mehr als dreißig Menschen aus Polen, Deutschland und Kanada gingen nun mit Blumengebinden für den ermordeten Pazifisten gemeinsam die Treppe zur Grabstelle hinauf.

Während der Reden, die dort gehalten wurden, ehrten die Gastgeber Hans Paasche als Fürsprecher der europäischen Idee, als Humanisten und Bewahrer der Natur. Gern nähmen sie, so hieß es, die Geschichte ihrer Heimat an und schätzten sie als kulturelles Erbe. Der aus Toronto angereiste Gottlieb Paasche, ein Enkel Hans Paasches, bekundete seine Dankbarkeit und seine Freude darüber, dass das Vermächtnis seines Großvaters mit dieser großartigen und mutigen Geste entgegengenommen werde und sagte auch, er könne sich nicht vorstellen, dass dergleichen in Deutschland möglich sei. Ein deutscher Teilnehmer sagte: „Von allen Wegen, die uns offen stehen, wählte Hans Paasche den ärgsten, den einsamsten: nicht nur dass er immerfort Veränderung der Welt, der Gesellschaft, der Anderen forderte, sondern vor allem sich selbst veränderte er. Er war dabei oft allein mit seiner Gesinnung, seinen Hoffnungen und Zweifeln und mit seinem Glauben an Christus, den Christus der Bergpredigt. Hans Paasche darf stolz und glücklich sein, hier zu ruhen: zwar noch immer einsam im Wald, aber dennoch mitten unter Menschen, die ihn achten und für die Völkerhass nur noch ein Wort aus längst vergangener Zeit ist.“

 

(1) Vgl. Werner Lange, Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland. Eine Biographie, Bremen 1995 (auch: Hans Paasche. Militant Pacifist in Imperial Germany, Victoria BC 2005).

(2) Hans Paasche, Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland. Zuerst erschienen in sechs Briefen 1912-1913 (Jg. 1-2), in: Der Vortrupp, Halbmonatsschrift für das Deutschtum unserer Zeit.

(3) Vgl. z. B. Hans Paasche, Meine Mitschuld am Weltkriege, in: Flugschriften des Bundes Neues Vaterland, Nr. 6, Berlin 1919, sowie Hans Paasche, Das verlorene Afrika, In: Flugschriften des Bundes Neues Vaterland, Nr. 16, Berlin 1919.

(4) Hans Paasche, Das verlorene Afrika, S. 7

(5) Jerzy Giergielewicz, Hans Paasche: fascynująca postać Niemca, w Polsce prawie nie znana, in: Wędrowiec Zachodniopomorski 2(10), Szczecin 2003, S. 18ff.

Siehe auch: http://hanspaaschede.wordpress.com/chronologie-verfasst-durch-werner-lange/


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