Ein Stück Heimat

Eigentlich wollte Ferdinand Pfeiffer aus Lebus an der Oder schon im November nach Polen fahren und über seine Kindheit in Schlesien reden, die 1945 zu Ende gegangen war, und über das, was danach kam. Doch dann sagte er ab und holt die Fahrt jetzt nach. Jedenfalls im kleinen, nur nach Witnica – „Vietz, wie wir immer noch sagen" (...), jenseits der Oder in der Neumark, dem östlichen Teil von Brandenburg, 30 Kilometer von Lebus entfernt.

Dort wird er Zbigniew Czarnuch treffen. Als der siebenjährige Pfeiffer aus seinem Dorf vertrieben wurde, hat der fünfzehnjährige Czarnuch das polnisch gewordene Witnica von deutschen Inschriften gereinigt, wie man Fassaden von Geschmiere befreit. Jetzt fahndet Czarnuch nach diesem Geschmiere: Zettel, Emailleschilder, Fotos - alles Deutsche, was er findet, trägt er ins Heimatmuseum. (...)

Ferdinand Pfeiffer, Jahrgang 38, ist ein junger Spund unter den Vertriebenen, gerade noch eingeschult in Lindenkranz bei Neusalz an der Oder in Niederschlesien. Dann war Schluss. Im Mai 45 haben sie Kartoffeln gesteckt, geerntet haben schon andere. „Mein Dorf heißt eigentlich Bielawe", korrigiert Pfeiffer sich selbst. Weil Bielawe slawisch klingt, wurde es mit patriotischem Eifer nach 1933 in Lindenkranz umbenannt. Geholfen hat es nicht, im Sommer 45 wurde aus Lindenkranz wieder Bielawy. In Küstrin geht's auf dem Pflaster der alten Reichsstraße 1 über die Oder, vorbei an den Artilleriekasernen auf der Insel im Strom, wo sich die Russen einquartiert hatten, vor zwölf Jahren sind sie fort.

1958 hat Ferdinand Pfeiffer erstmals wieder sein Dorf besucht. Pfeiffer hat damals als junger Reichsbahner auf dem Küstriner Bahnhof gearbeitet und sein polnischer Kollege Wiktor verschaffte die Einladungen, die damals nötig waren. Auf Motorrädern fuhren Vater und Sohn über Frankfurt und Grünberg nach Bielawe. Der Sohn stand vor dem elterlichen Haus, der Vater sagte: „Ich fahr' amal aufs Land" und brauste weiter. Als er einen Polen seinen Acker hat pflügen sehen, stand er da und schwieg. Keiner weiß, was in ihm vor sich ging. Jedenfalls sind sie von da an öfter gefahren, schickten dem Polen, der mit seiner Familie Haus und Feld bestellte, Sachen, Waschpulver und solche Dinge. Gut zu wissen, dass es in ihrem Haus ordentlich zuging, und der Vater träumte vielleicht vom Pflügen, wenn's „amal" andersrum geht. Es ging aber nicht andersrum. Lindenkranz/Bielawe heißt Bielawy und Vietz heißt Witnica. Witnica hat ein Rathaus, ein Amtsgericht und eine Brauerei. Und seitdem Zbigniew Czarnuch wieder hier wohnt, ein Heimatmuseum. (...)

Czarnuch erzählt, wie er als fünfzehn Jahre alter Pfadfinder deutsche Inschriften ausgelöscht hat, wie sie die Blechbuchstaben der Molkerei herausgerissen haben. Weil noch die Schatten an der Wand zu sehen waren, klopften sie den Putz ab, und weil die Umrisse immer noch zu sehen waren, schlugen sie den ganzen Plunder raus: Es blieb ein Loch. Das war Patriotismus.

„Ein deutscher Zaun", sagt Ferdinand Pfeiffer behaglich. Der vom Rost bröselige Eisenzaun schützt das Haus, in dem Czarnuch zwei Zimmerchen bewohnt, seitdem er als Pensionär wieder in Witnica lebt. Der Zaun ist ein Stück Heimat – ermüdet, aber noch vorhanden. (...) Czarnuch hat mitten in der Stadt, wo früher die Wassermühle stand, eine Gedenklandschaft pflanzen lassen. Vor acht Jahren haben sie begonnen. Bitterkalt fegt der Wind die Straßen, zerrt an Hosen, zwackt an Nasen, schnurstracks läuft Czarnuch auf einen bronzenen Baumstumpf zu, Pfeiffer wie ein Bursche hinterher. Am Stumpf sagt Czarnuch: „Das ist der Wegweiserpark. In Grenzländern waren die Bäume oft zerschossene Stämme, an die nagelte man dann die Wegweiser." Drei Wege führen zum Stamm hin oder weg – je nachdem. Auf dem einen stehen Namen im Pflaster wie Alfeld, Erftstadt, Lauenburg, Herford. „Das sind Orte, wohin Vietzer vertrieben wurden." Auf dem anderen Weg stehen Nieswież, Złoczów, Oszmiana, Kozaki – Orte aus Zentralpolen und dem ehemaligen Ostpolen, aus denen die jetzigen Witnicer teils vertrieben wurden, teils hergezogen sind. Auf dem dritten Weg stehen Ländernamen: USA, Kanada – dorthin sind Polen aus Witnica ausgewandert. „Das ist das erste Denkmal gegen Vertreibung", sagt Czarnuch mit leicht singender Stimme. „Ich kenne kein anderes." Czarnuch wirkt zufrieden. Erika Steinbach vom Bund der Vertriebenen dürfte solch ausgleichende Symbolik wohl nicht genügen.

Über der Straße ist der Park mit allerlei Exponaten aus Eisen, Holz und Beton gefüllt. „Das sind Elemente der Kulturen des Weges." Vietz lag an der sogenannten Ostbahn, die Reichsstraße 1 führte hindurch, und die Warthe fließt vorbei – alles Wege. Czarnuch ließ einen Themenpark anlegen: Erinnerungen an die erste Eisenbahn, das erste Dampfschiff, das erste Flugzeug – alles deutsch. Zwei alte Männer laufen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen wie Detektive zwischen Gusseisen und Steinen herum und können nicht genug sehen. Der eine präsentiert die Funde, der andere würdigt sie. Plötzlich legt sich Pfeiffer trotz Schlips, Bügelfalte und lädiertem Rücken auf einen Anker. „Der ist aus Neusalz", strahlt er, „gleich hinter Bielawe." „1847: Der Anker steht für das erste Dampfschiff auf der Warthe", doziert Czarnuch dazu. Czarnuch könnte nicht abstreiten, gleichermaßen Historiker und Pädagoge zu sein. Mädchen kommen vorbei. „Dzień dobry!" Immerhin, die Kinder grüßen. „Ich bin jetzt hier in diesem Gebiet, man kann sagen, ein Radikaler." Manche hier halten ihn schon für einen Deutschen, dabei stammt Czarnuch aus Wieluń, einem Städtchen zwischen Oppeln und Lodz. Görings Luftwaffe hatte Wieluń 1939 gleich am ersten Kriegstag fast völlig ausradiert.

Im Heimatmuseum werden die Exponate kleiner: ein Bierkasten von Stern-Bräu, wo die Polen anfangs Limonade abfüllten, Fotos vom Brauereibesitzer Handke, ein Koffer von Vertriebenen, Kleiderbügel. Mit jenem Brauereibesitzer begann Czarnuchs Wandlung. Der alte Handke gab 1982 einen Bildband über seine Heimat heraus, Titel „Wege zueinander" – auf deutsch und polnisch. „Das Buch war ein Skandal, weil polnische Autoren beteiligt waren. Man warf ihnen Verrat an der Heimat vor", erinnert sich Czarnuch. Das war Kollaboration mit Revanchisten. „Dann habe ich im Buch geblättert – und keine revanchistischen Texte gefunden." Danach bröckelte das eherne Standbild vom Feind, und Czarnuch fing an, Deutsch zu lernen. (...)

Czarnuch sucht in Papieren. „Das Zentrum gegen Vertreibungen ist für die Psyche der Deutschen unbedingt wichtig", sagt er und (...) legt eine Mappe auf den Tisch: „Bewerbung zur Ansiedlung der europäischen Gemeinschaftseinrichtung Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen auf der Oderinsel Küstrin", eine Idee des deutschen Amtes Golzow und der polnischen Stadt Kostrzyn/Küstrin. Das Zentrum gegen Vertreibungen in den Artilleriekasernen, wo zuletzt die Russen waren? „Mit der Artillerie fing doch alles an", sagt Czarnuch. (...) Pfeiffer horcht auf, Küstrin gefällt ihm.

Erika Steinbach hat sich auch schon geäußert, bei Czarnuch liegt ein Brief. Das Zentrum könne nur in Berlin entstehen, beschied sie abschlägig zum Vorschlag Küstrin. Sie hat ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN in Majuskeln geschrieben, als wären alle schwach auf den Augen. Zbigniew Czarnuch öffnet eine Flasche Boss-Bier aus Witnica, Gründungsjahr der Brauerei 1848. Damals hieß es Stern-Bräu.

Warum nicht Küstrin? Eine neue Idee, nicht abwegiger als Görlitz, Breslau und Berlin. In Czarnuchs Stube schwingt Lokalpatriotismus, im Keller rattert die Pumpe. Solcher Patriotismus hat bisher doch selten geschadet.

 

Dieser Text ist zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 21. Dezember 2003 erschienen. Mit Genehmigung des Autors drucken wir eine gekürzte Fassung ab. (Die Redaktion)

SŁOWO / DAS WORT, Nr. 63, Frühling 2004