Herrenhäuser und Gärten – gemeinsamer Reichtum

Sechs gemeinverständliche Büchlein sind bereits in der neuen deutsch-polnischen Reihe „Zamki i ogrody w województwie zachodniopomorskim – Schlösser und Gärten in der Wojewodschaft Westpommern“ erschienen. Gewidmet sind sie den ländlichen Schlössern und Herrenhäusern in Kulice/Külz, Maciejewo/Matzdorf, Rybokarty/Ribbekardt, Pęzino/Pansin, Przelewice/Prillwitz und Starogard Łobeski/Stargordt. Eine Fortsetzung der Reihe wird erwartet.

DIE REIHE erscheint auf Initiative und unter der Gesamtleitung der Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice in Absprache mit dem Freundeskreis Schlösser und Gärten in Brandenburg, der bereits seit 1991 ähnliche Hefte über Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt herausgibt. Seit sieben Jahren veröffentlicht er eine ähnliche Reihe in deutscher und polnischer Sprache mit dem Titel „Pałace i ogrody Nowej Marchii – Schlösser und Gärten der Neumark“, in der bereits Hefte über Brody/Pförten, Dąbroszyn/Tamsel, Dolsk/Dölzig, Glisna/Gleissen, Krzymów/Hanseberg, Łagów/Lagow, Mierzęcin/Mehrentin, Sosny/Charlottenhof und Swobnica/Wildenbruch erschienen sind.
In der Einleitung zu der Westpommern-Reihe schreiben Lisaweta von Zitzewitz (Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice) und Ewa Stanecka (Westpommersche Wojewodschaftsdenkmalpflegerin), dass sich auf dem Gebiet der Region 650 Burgen, Herrenhäuser und Schlösser erhalten hätten (davon 288 im Denkmalsregister eingetragene Objekte) sowie fast tausend Parkanlagen (davon 712 registrierte). „Sie prägen die Landschaft auf unverwechselbare Weise“, bemerken die Autorinnen, „und es ist zu bedauern, dass viele von ihnen durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen verloren gingen.“ Ein Teil der Objekte befinde sich in gutem Zustand, etliche seien jedoch vernachlässigt oder durch Umbauten entstellt.
Vor dem Jahr 1990 wurden einige Herrenhäuser (Schlösser) auf dem Land restauriert, viele andere indes für öffentliche Zwecke hergerichtet. In ihnen befanden sich die Direktion und die Büros von Staatlichen Landwirtschaftsbetrieben, Schulen, Pflegeheime, Wohnungen und dörfliche Kulturräume. Nach 1990 kauften Privatpersonen einige Objekte und setzten sie instand. Andere jedoch verfielen nach der Auflösung der Staatsgüter (Pflegeheime) oder gerieten in einen ruinösen Zustand.
Alle Hefte der Reihe sind ähnlich gestaltet und haben das gleiche Format sowie den gleichen Umfang (polnischer Text 28 Seiten, eingehefteter deutscher Text 12 Seiten). Sie enthalten Archivaufnahmen und zeitgenössische Fotos in Schwarz-Weiß, Musterpläne der Objekte und Karten. Vier Hefte haben Kunsthistoriker aus Szczecin/Stettin verfasst: Anna Walkiewicz (Ribbekardt), Kazimiera Kalita-Skwirzyńska und Mirosław Opęchowski (Pansin), Radosław Walkiewicz (Matzdorf) und Maciej Słomiński (Prillwitz). Külz wird von Lisaweta von Zitzewitz dargestellt, die seit Jahren mit jenem Ort verbunden ist, und Stargordt von Wulf-Dietrich von Borcke, der aus einer Familie stammt, die seit dem 12. Jahrhundert in Pommern bekannt ist, insbesondere im heutigen Labeser Land (zu ihrem Eigentum gehörten unter anderem: Resko/Regenwalde, Łobez/Labes, Strzmiele/Stramehl, Wysiedle/Woitzel, Węgorzyno/Wangerin usw.). Schloss Stargordt befand sich seit seiner Erbauung (1717-21) bis zu seiner Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz der Borckes.
In jedem Heft wird die Geschichte des Dorfes, in dem sich das dargestellte Herrenhaus (Schloss) befindet, kurz beschrieben, ebenso die Geschichte der Familie (oder der Familien), die hier herrschten, ferner das Schicksal nach 1945, architektonische Charakteristika, die Ausstattung, der Schlossgarten (Park) sowie die in der Regel von der jeweiligen Familie erbaute Kirche. Ein unbestreitbarer Vorzug aller Hefte ist die klare Sprache, die synthetisch dargereichten Informationen, die interessant ausgewählten Abbildungen (die in einigen Heften tatsächlich sensationell sind), die sorgfältige Bibliografie, die gute Übersetzung der deutschen Texte ins Polnische (Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz), aber auch die Fähigkeit, in den Text interessante Einzelheiten und Anekdoten aus dem Leben der früheren Eigentümer einzuflechten, was bei dem vergleichsweise geringen Umfang ebenfalls hervorzuheben ist.
Eigentümer der Herrenhäuser (Schlösser) waren oft sehr bekannte Menschen. Ein paar Beispiele: Das Schloss in Stargordt wurde von einem Soldaten und Diplomaten errichtet, dem preußischen Feldmarschall Adrian Bernhard Graf von Borcke (1668-1741), Geheimer Staats-, Kriegs- und Kabinettsminister im Departement für auswärtige Angelegenheiten, der zu den engsten Mitarbeitern des Königs Friedrich Wilhelm I. zählte. Das Kriegshandwerk erlernte er u.a. bei Feldmarschall Heino Heinrich von Flemming, einem Pommern aus dem heutigen Mierzęcin/Martenthin, in dessen Lebenslauf sich (neben vielen anderen) auch eine wichtige polnische Episode findet, nämlich die Teilnahme am Krieg mit der Türkei unter Führung von König Michał Korybut Wiśniowiecki, der von Henryk Sienkiewicz in seinem Werk „Herr Wołodyjowski” beschrieben wird. Adrian Bernhard von Borckes Sohn, General Heinrich Adrian Graf von Borcke (geboren in Stettin), war Gouverneur des Sohnes von König Friedrich II., des späteren Königs Friedrich Wilhelm II., aber nachdem er sich bei einer Gesellschaft gegen den Krieg ausgesprochen hatte, fiel er in Ungnade und musste sich aufs Land begeben, wo er sich als hervorragender Verwalter der Stargordter Güter erwies. Im dortigen Schloss waren zahlreiche Kunstgegenstände angesammelt, u.a. Gobelins und Gemälde, darunter auch Werke des bekannten französischen Malers des Klassizismus, Antoine Pesne. Bei Ende des Krieges ging alles verloren.
Geblieben sind jedoch Aufnahmen von den Innenräumen des Schlosses, die die bekannte Fotografin Alice O’Swald-Ruperti im Jahr 1944 anfertigte. Einige von ihnen sind in dem Heft abgebildet.
Überraschende Geschichten über das Herrenhaus und den berühmten Garten in Prillwitz erzählt Maciej Słomiński. Zu den Eigentümern gehörte u.a. Prinz August von Preußen, ein Neffe Friedrichs des Großen, Chef der preußischen Artillerie während Napoleons „Herrschaft der Hundert Tage“ und – wie Słomiński schreibt – ein großer Verführer. Das Prillwitzer Schloss kaufte er für seine Geliebte, die schöne Jüdin Auguste Arendt, mit der er sieben Kinder hatte und die den Namen von Prillwitz annahm. 1945 erschossen sowjetische Soldaten den letzten Eigentümer von Prillwitz, Conrad von Borsig, der das Arboretum anlegen ließ. Nach 1945 wurde das Mausoleum zerstört, in dem Auguste von Prillwitz und zwei ihrer Kinder, die gleich nach der Geburt gestorben waren, ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte. In den Jahren 2004-2006 wurde das Prillwitzer Schloss wunderschön restauriert.
Viel könnte man über jedes der beschriebenen Objekte erzählen, u.a. über Schloss Pansin, dessen Geschichte in die Zeit der Ordenskriege zurückreicht. Jedes Büchlein verdiente eine eigene Besprechung. Sie sind geschmackvoll gestaltet, sorgfältig redigiert und enthalten eine Vielzahl von Informationen. Die Verfasser nutzten die unterschiedlichsten Quellen, auch solche, die einmalig sind und bislang kaum jemandem bekannt waren. Lisaweta von Zitzewitz beruft sich im Fall von Külz u.a. auf die unveröffentlichten Erinnerungen Anna von Oertzens, einer Tochter Bernhard von Bismarcks, der das dortige Herrenhaus erbaute. Ebenso wie die Autoren der übrigen Hefte erinnert auch sie an das Nachkriegsschicksal des Herrenhauses, das zunächst vom Militär, dann vom örtlichen Staatsgut genutzt wurde und nach dessen Auflösung der Verwüstung anheimfiel. Nach 1990 rettete Philipp von Bismarck das Haus und bestimmte es zu einem deutsch-polnischen Bildungs- und Begegnungszentrum. Es ist hier nicht der Ort, um die Kette von unglückseligen Ereignissen des vergangenen Jahres in Erinnerung zu rufen, die dazu führten, dass der einzige Nutzer des Schlösschens der gegenwärtige Eigentümer, die Stettiner Universität, ist. Möglicherweise hat die Hochschule bereits eine sinnvolle Nutzungsform gefunden, auch wenn darüber nichts Näheres bekannt ist.
Die ansprechende Form der hier beschriebenen Mini-Monografien macht Lust darauf, das Wissen über die präsentierten Objekte zu vertiefen und sie zu besichtigen. Allerdings ist nur das Herrenhaus in Prillwitz täglich geöffnet und öffentlich zugänglich. So konnte man sich dafür einsetzen, dass die übrigen wenigstens von Zeit zu Zeit für andere Personen geöffnet werden, zum Beispiel anlässlich der Tage des offenen Denkmals.
Die Monografien regen auch dazu an, für die Herrenhäuser und Parks Sorge zu tragen, für alle Denkmäler, die unseren gemeinsamen Reichtum darstellen.
Ü:Zzz

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 07.01.2014