Antijudaismus oder Antisemitismus. Einige Fragen

Die Frage nach der Rolle der Kirche bei der Entstehung des modernen Antisemitismus ist nach wie vor brisant. Sławomir Buryła, Mitarbeiter an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Masuren- und Ermland-Universität in Olsztyn untersucht, inwiefern sich religiöser und rassistischer Antisemitismus voneinander unterscheiden und ob die antisemitische Tradition des Christentums zur Shoah geführt hat. Mit freundlicher Genehmigung des Autors drucken wir seinen leicht gekürzten Beitrag ab, der zuerst in der Halbjahreszeitschrift Studia Judaica (2004, Nr. 1) erschienen ist. (Die Redaktion)

Man kann nicht umhin, im Kontext der Shoah die Bedeutung von Antijudaismus und Antisemitismus aufzugreifen und zusammenzufassen. Nichts ist hier selbstverständlich, und das Thema wird bis heute in Forscherkreisen ernsthaft diskutiert. Im Zentrum der Debatte steht das Problem des nationalsozialistischen Antisemitismus im Vergleich zu anderen geschichtlich bekannten Symptomen des Judenhasses. Insbesondere geht es dabei um das wesentliche Element europäischer Tradition, das Christentum, sowie um die Frage, ob es mit der Vernichtung der Juden in Verbindung gebracht werden kann.
Grundsätzlich kann man zwei Ansichten zu diesem Thema unterscheiden, deren Vertreter weit davon entfernt sind, ihre Überzeugungen auch nur im Mindesten zu korrigieren. Die erste Auffassung, die eine größere Zahl von Anhängern hat, betont den extremen Unterschied zwischen der christlichen Abneigung gegen Juden und der Haltung, die unmittelbar für die mörderische antijüdische Obsession im Hitler-Deutschland verantwortlich gemacht werden kann. Die Anhänger dieser Einstellung rekurrieren auf jenen qualitativen Umbruch, der mit der Laizisierung der ursprünglich religiösen Idiosynkrasie im 19. Jahrhundert zusammenhängt. In Folge der Erosion der religiösen Weltanschauung, die die feindselige Haltung gegenüber den Juden legitimiert hatte, wurde nach Begründungen gesucht, die nicht auf dieser Ebene angesiedelt waren. Wilhelm Marr, Karl Eugen Duehring, Theodor Fritsch und andere zeitgenössische Politiker, die für ihre paranoide Abneigung gegen Juden bekannt waren, brachten eine neue Qualität ins Spiel: die Rasse. Der christliche Antisemitismus ließ es zumindest theoretisch zu, sich des Judeseins durch die Taufe zu entledigen, was viele genutzt haben (lassen wir hier vorerst die schwierige Frage der Proselyten bei Seite, die manchmal noch in der dritten Generation misstrauisch von ihren Glaubensgenossen betrachtet wurden). Die spätere Fassung des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts hingegen bot keine derartige Chance mehr. Die Theorie des Blutes, der zufolge das Judesein allein von bestimmten biologischen Vorfahren abhing, machte alles zunichte. „Ein Jude wird als Jude geboren und stirbt als Jude”, wie Aleksander Hertz in einem anderen Zusammenhang bemerkte. Der Judenhass wurde zum Bestandteil der Politik, und diejenigen, die ihn förderten, konnten auf die Unterstützung der Wähler zählen.
Zu den Forschern, die dieser Auffassung anhängen, gehören nicht nur Geistliche und Vertreter kirchennaher Intellektuellenkreise, sondern auch andere, etwa Daniel Goldhagen . Seinen Ausführungen zufolge gründete der neue Antisemitismus darin, dass die jüdische Frage in einen kausalen Zusammenhang eingebettet wurde, der die Juden als Ursache für jegliches Chaos und alles Unglück der Völker erscheinen ließ. Eine Lösung dieses Problems sollte wie durch ein Wunder Ordnung und Glückseligkeit wiederherstellen. Der Jude war die zeitgenössische Verkörperung des mittelalterlichen Teufels, und das einzige Mittel, sich seiner hinterhältigen Natur zu erwehren, war seine Vernichtung. Im Gegensatz zum Mittelalter war dies keine ausschließlich religiöse Frage mehr, sondern auch eine gesellschaftliche, entsprechende Mittel waren daher einzusetzen.
„Erst in ihrer ‘wissenschaftlichen’ rassistischen Form manifestierte sich die uralte Aversion gegen die Juden als eine Aufgabe der Hygiene; erst in der modernen Inkarnation des Judenhasses wurde den Juden ein untilgbares Laster vorgeworfen, ein immanenter Makel, unauflöslich mit dessen Träger verbunden“, so der Soziologe Baumann. Das moderne Zeitalter „erbte ein Bild ‘des Juden’ schlechthin, das sich grundsätzlich von den jüdischen Männern und Frauen in der Nachbarschaft unterschied.” War dieses Bild früher das alter ego des Christentums, so übernahm es jetzt diese Funktion gegenüber der Gesellschaft. Diese Erweiterung war umso gefährlicher, als sie von Autoritäten auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, also von Befürwortern der Rassentrennung, und zugleich von mystischen und theosophischen Theorien untermauert wurde.
Die zweite Auffassung setzt die antisemitische Tradition des Christentums mit jener gleich, die zur Shoah geführt hat. Dabei muss man sich die Unterschiede zwischen einer religiösen und einer rassistischen Begründung vergegenwärtigen: Im ersten Fall ging es um die Erlösung der Juden, im anderen um eine Erlösung ohne Juden, d.h. um eine neue Ordnung, in der das rassistisch unerwünschte Element eliminiert werden sollte. Dass es sich hier um korrelative Haltungen handelt, kann nicht ohne weiteres hingenommen werden. Es bedarf keiner längeren Ausführung, dass die Kirche nie eine Vernichtung der Anhänger des Judaismus befürwortet hat. Seit Augustinus galt die Auslegung, die Anwesenheit der Juden in Europa sei notwendig, weil sie als Zeugen des Kreuztodes und der Auferstehung ein Beweis für die Wahrhaftigkeit des Christentums seien. Die Kirche betonte auch nicht den rassischen Faktor, wenngleich diese Behauptung – wie wir noch sehen werden – mit Vorbehalt betrachtet werden muss.
Warum lassen sich die beiden so unterschiedlichen weltanschaulichen Systeme, das christliche und das nationalsozialistische, im Kontext des Holocaust nebeneinander betrachten? Ist das vielleicht das Kontinuum der Verachtung, das ihren religiösen bzw. laizistischen Charakter in den Hintergrund zwingt? Sinnvoll ist jedenfalls die Feststellung, dass es sich um zwei Arten von Verachtung mit unterschiedlichen und unvergleichbaren Konsequenzen handelt. Dies bedarf einer näheren Betrachtung.
Im Laufe vieler Jahrhunderte festigte sich die Neigung der Christen, Moses’ Nachkommen nicht nur als Feinde des wahren Glaubens, sondern auch als schlechtere Exemplare der menschlichen Gattung oder gar als das Böse schlechthin zu betrachten. Bereits im Mittelalter vollzog sich die Ausschließung der Juden als Nicht-Menschen aus der Gesellschaft. Den Abschluss dieses Prozesses bildet die Ermordung der Juden durch die Nazis, die auf der Überzeugung gründete, es sei nichts Verwerfliches, Insekten zu vernichten. Auf diesem relativ gewundenen Weg kam die in Jahrhunderten ausgeprägte Theologie der Verachtung zur Geltung und erntete Früchte. Sie trug dazu bei, dass „das Verbrechen an den Juden für die Mehrheit der Menschen eine isolierte Angelegenheit war, die ausschließlich die Opfer anging.”
Hyam Maccaby, der die zweite Auffassung über die Ursprünge des Holocaust vertritt, betont entschieden den unheilbaren Judenhass des Christentums. Er meint, die universelle Judenfigur als Gegenstand allgemeinen Hasses sei auf Judas als Sinnbild des Verräters und des habgierigen, käuflichen Schuftes zurückzuführen. Der Name Judas stand bald nicht mehr für die historische Person, sondern gewann eine universelle Dimension und spielte eine wichtige Rolle im Prozess der Ausschließung der Juden aus der Gemeinschaft der Menschen. Bis heute ist die Tradition der Judas-Spiele in kleinen Dorfgemeinschaften anzutreffen. Dieser am Kardonnerstagabend beginnende Brauch, der in Mittelosteuropa praktiziert wird, kann als eine Art Pogrom ohne Blutvergießen interpretiert werden. Eine Judas-Strohpuppe wird geschlagen und herumgezerrt, zum Schluss wird das Stroh ausgeschüttet und verbrannt. Um der Glaubwürdigkeit der Gleichsetzung Jude-Judas willen wird die Strohpuppe entsprechend ausgestattet: mit einem schwarzen Mantel, einem Bart, einer ausgeprägten Nase. Die Judas-Spiele erfüllen damit eine Doppelfunktion: Die Teilnehmer werden in der Richtigkeit ihres Judenhasses bestätigt (…), zugleich wird der böse Jünger aus der Gemeinschaft der ersten Zeugen des Messias, also der späteren Christen, ausgeschlossen.
Gerade durch die Gestalt des Judas mit ihrem kulturellen Hintergrund und einem Gefüge von subtilen, manchmal schwer fassbaren Zusammenhängen kann deutlich gemacht werden, dass der Kern der Frage woanders liegt: Die radikale Antinomie von Antijudaismus und Antisemitismus muss aufgehoben und die gesamte Auseinandersetzung in einer anderen Perspektive gesehen werden, die die kategorischen Standpunkte beider Seiten neutralisieren könnte: sowohl die Argumente derjenigen, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem christlichen Antisemitismus und der Shoah behaupten, als auch die der kirchlichen Kreise, die derartige Zusammenhänge negieren. Die Folge eines solchen Perspektivwechsels muss nicht unbedingt zu einem Kompromiss führen, der sämtliche Opponenten befriedigt. Es kommt vielmehr darauf an, jenen Sinn zutage zu fördern, der beiden Seiten entgeht. (…) Betrachtet man die Kirche durch das Prisma von päpstlichen Bullen, offiziellen Erklärungen und Anordnungen, ist an ihr viel weniger auszusetzen, als wenn man die historisch belegten Tatsachen oder Schlussfolgerungen der Soziologen und Sozialpsychologen in Betracht zieht. Die Geschichte des Christentums setzt sich nicht nur aus Sammlungen von Dokumenten zusammen, in denen die offizielle Stellung der Kirche in gesellschaftlichen Fragen festgehalten wird. Vielmehr gehört auch der Probst dazu, der zu einem Pogrom anstachelt, oder der von einer antijüdischen Mission besessene Pfarrer. Die alltägliche Praxis wich nicht selten von der offiziellen Position der katholischen, orthodoxen oder evangelischen Kirche ab oder widersprach ihr sogar.
Um diese verworrene Problematik zu verfolgen, sollte nicht nur in kirchlichen Dokumentensammlungen geforscht und auf die psychologischen Folgen der „Verachtungslehre” in den Gemütern der Gläubigen hingewiesen werden. Der gesamte Komplex muss eher in der Perspektive eines langen Prozesses der Mentalitätsformung mit all seinen wechselnden Zusammenhängen und Präzedenzen, den Auswirkungen von Ideen und ihren Abwandlungen betrachtet werden, die die Funktionalität und Beständigkeit von Kultur ausmachen. In dieser Perspektive kann die Kontinuität zweier Arten von Antisemitismus, des christlichen und des laizistischen, erkennbar werden. Freilich ist dies keine simple Kontinuität, sondern eher ein gewundener Pfad, auf dem auch neue Qualitäten und „erfinderische Lösungen” von nationalistischen, faschistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts und insbesondere des Nationalsozialismus aufgezeigt werden können. Dabei sind der „reine” Antijudaismus bzw. der „reine” Antisemitismus eher intellektuelle Konstrukte, um die komplizierten Fragen leichter zu erfassen und zu benennen, als eine Beschreibung der tatsächlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sogar Forscher, die prinzipiell auf der Trennung von Antisemitismus und Antijudaismus bestehen, geben zu, dass dies in der Praxis oft nicht möglich ist.
Zur Erinnerung: In den Ausführungen der Kirche umfasst der Antijudaismus „all die den Juden gegenüber unfreundlichen Haltungen der Christen, die ihre Kraft aus falschen Lehren und falschen Auffassungen von der Bedeutung des jüdischen Volkes und seiner Religion ziehen.” Zwar sei die Feindschaft gegen die Israeliten viel älter, doch die Wurzeln des Antisemitismus seien in der atheistischen und nationalistischen Ideologie des 19. Jahrhunderts zu finden, die mit den pseudowissenschaftlichen Theorien von Joseph Gobineau und Houston Chamberlain untermauert wurde, so die kirchliche Argumentation. Vorrangig und grundsätzlich scheint also die Frage zu sein, welchen Zusammenhang es zwischen der Ideologie der Kirche und der Idiosynkrasie gegen die Juden gibt. War diese Abneigung nur religiös begründet oder spielten hier außerreligiöse Belange mit? Gerade hier beginnen die ersten Bedenken. Die Inhalte der religiösen Sphäre wurden doch in das nationale oder gar zivilisatorische Universum mit einbezogen. Der Abstand zu den Gläubigen einer anderen Religion schlug ziemlich rasch und meistens von den Betroffenen unbemerkt in ein Gefühl von Fremdheit, dann in Abneigung und schließlich in Abscheu um, die die religiösen Parolen in Ängste und Obsessionen verwandelte. Und die hatten mit dem konfessionellen Antagonismus nur noch wenig zu tun. Eine einfache psychologische Beobachtung zeigt, dass es unmöglich oder zumindest sehr schwierig ist, den religiös begründeten Hass so aus dem Kontext zu lösen, dass er nicht zu einer Quelle oder zum Stimulans verächtlicher Verhaltensweisen wird. Meistens entsteht eine Atmosphäre allgemeinen Misstrauens und Feindseligkeit. Die hier zu behandelnden Erscheinungen spielen sich in einem „Niemandsland“ ab, in einem Grenzgebiet zwischen der religiös begründeten Abneigung gegen den Judaismus und dem darüber hinausgehenden, nicht religiös begründeten Hass.
Die Konkurrenz der Religionen in der Geschichte verdeckte nicht selten Fragen anderer Bedeutung. Obwohl die Kirche nie die Idee der „Reinheit des Blutes” befürwortete, war die Situation auf den niedrigeren Ebenen von Diözesen oft differenzierter. 1474 verbot der Magistrat von Toledo den Konvertierten, öffentliche Positionen zu besetzen. Michał Horoszewicz schreibt: „1547 begann das Domkapitel von Toledo, erst nach ‘rassischen’ Untersuchungen die Kanonikate zu vergeben.” Die iberischen Gesetzgeber griffen in ihren Forschungen zur „Reinheit des Blutes“ (limpieza de sangre) nicht selten viel weiter zurück als die späteren Nürnberger Gesetze oder die Erklärungen der Vichy-Regierung. Die entsprechenden Forschungen wurden auch von den Päpsten (Klemens VII. und Paul III.) erweitert. So wurde das theoretisch Unzulässige zu einer angewandten Praxis. Die Gesellschaft teilte sich in „alte” und „neue” Christen. Hauptsächlich ging es aber um konvertierte, getaufte Juden, die Marranen (marranos, abgeleitet von marrão – Schwein) genannt wurden. Die Konversion änderte kaum etwas am Schicksal der Betroffenen. In den Augen der meisten waren sie nach wie vor Juden, sie stießen sogar auf größeres Misstrauen als ihre Landsleute, die beim jüdischen Glauben geblieben waren.
Das Misstrauen, das Konvertierten entgegengebracht wird, ist zwar in jeder Gemeinschaft anzutreffen, doch die Juden stellen einen besonderen Fall dar. Dadurch wird die Sonderstellung hervorgehoben, die die europäische Zivilisation ihnen zuweist. Weil die Marranen im Spanien des 15. Jahrhunderts nicht offen rassistisch verfolgt werden konnten, stellte man ihren christlichen Glauben in Frage und bezichtigte sie, insgeheim den Jahwe-Kult zu pflegen und sich an die in der Thora vorgeschriebenen Feste zu halten. Der Rassismus kam also auf Umwegen zur Geltung. Ungefähr zu dieser Zeit versuchte ein gewisser Fra Alfonso zu beweisen, Juden seien nicht auf der religiösen sondern auf der rassischen Ebene zu enttarnen, und er schlug die Absonderung der Juden und daraus resultierend ihre Ausschließung aus der Gesellschaft vor (was die Staatsbehörden bald geflissentlich aufgegriffen haben).
Im Kontext der Shoa im 20. Jahrhundert muss eine ähnliche Erscheinung als besonders gefährlich betrachtet werden. Es geht um eine Überzeugung, die im frühen Mittelalter zunächst in Form eines leisen Verdachts auftauchte und sich mit der Zeit verfestigte: dass die Natur des Juden von unveränderlichem Charakter sei (die merkwürdige Konstruktion der marranos wirkte dabei zweifellos inspirierend). Zu diesem Stereotyp trug die seit der Zeit Papst Gregors des Großen allgemein verbreitete Meinung bei, dass die Juden zwar um das wahre (göttliche) Wesen Jesu gewusst, jedoch als ein starrsinniges und verdorbenes Volk die Wahrheit über den Messias konsequent abgelehnt hätten. Im 20. Jahrhundert fehlte es nicht an ähnlichen Stimmen. Pfarrer Stanisław Trzeciak etwa glaubte nicht an die Bekehrung der Juden: „Die getauften Juden leisten dem Judentum großartige Dienste, ohne sie könnte Israel (...) keinen Zugang zu den Seelen und Herzen der Kernvölker finden.” Er berief sich dabei auf das Beispiel der spanischen Marranen und der polnischen Frankisten. Pfarrer Jan Kracik schreibt: „Die Unveränderlichkeit der abscheulichen jüdischen Natur begründeten die Rassisten mit der Biologie und die frommen Katholiken mit Gottes Fluch.” In der päpstlichen Civiltà Cattolica konnte man 1880 lesen: „Während andere (...) gleichzeitig sowohl Katholiken als auch Italiener, Franzosen, Engländer oder Protestanten sein können und einem Land oder Volk zugehören (...), wäre es völlig falsch anzunehmen, dasselbe betreffe auch die Juden. Die Juden sind nicht nur aufgrund ihrer Religion Juden (...), sie sind Juden vor allem auf der Grundlage ihrer Rasse.”
Im Polen der Zwischenkriegszeit waren die Zeitschriften, die sich des Begriffs der Rasse bedienten (u.a. eine Weile das christliche Pro Christo), eindeutig eine Randerscheinung. Dafür vollzog sich aber ein anderer Prozess. Landau-Czajka führt aus, wie dieser kompromittierende Begriff durch andere, wenig präzise und daher bequemere Termini ersetzt wurde. Es war nun von der „Seele”, der „Psyche” oder dem „nationalen Charakter” die Rede. Diese Merkmale sollten angeblich „genauso wie die Rasse über Generationen vererbt werden, so dass diese Haltung nur schwer vom klassischen Rassismus zu unterscheiden war.” Besonders oft beriefen sich die Kirche und die mit ihr verbundenen Publizistenkreise auf die Andersartigkeit (und Unveränderbarkeit) der jüdischen Psyche, so die Autorin.
Aus anderen Gründen scheint auch der Casus Martin Luther bedeutend, den Paul Johnson als „einen großen Schritt auf dem Weg zum Holocaust” bezeichnet. 1543 erschien Luthers Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen”, in dem der Theologe gnadenlos mit den Juden abrechnet und zur Verbrennung und Zertrümmerung der Synagogen aufruft. Die Jahwegläubigen („giftige, bittere, rachgierige, hämische Schlangen“) sollten zur Zwangsarbeit geschickt werden, um ihren Unterhalt zu verdienen. Luther forderte auch, sie „für alle Ewigkeit” zu vertreiben. Diese Ideen muten wie eine Antizipation totalitärer Lösungen an.
In der Geschichte sind ähnliche Beispiele auch aus dem 20. Jahrhundert bekannt, z.B. eine Erklärung protestantischer Würdenträger aus Mecklenburg, Thüringen, Sachsen, Hessen, Schleswig-Holstein, Anhalt und Lübeck, in der die Forderung formuliert wurde, alle zum Christentum übergetretenen Juden der Kirche zu verweisen. Dies geschah in der Zeit, als das Schwert der Vernichtung über dem Volke Israel schwebte. Starke antijüdische Phobien ließen auch nach dem Holocaust nicht nach. Michał Głowiński berichtet von Pfarrer Franciszek B., der – als die Öfen der Krematorien noch nicht abgekühlt waren – im Religionsunterricht keinen Zweifel daran ließ, wer die wahre Bedrohung für die Jugend darstelle. Die Schilderung der Juden schien „ihm eine besondere Vitalität zu verleihen, die er gewöhnlich während Erörterungen der Glaubensfragen entbehrte.”
Wahrscheinlich kann man die Verleumdungen des Johannes Chrysostomos oder anderer Kirchenväter mit ihrer rhetorischen Leidenschaft erklären. Lassen sich aber mit demselben Argument die vom Klerus wiederholt hervorgebrachten Beleidigungen rechtfertigen, die sich des Klischees bedienten, Juden würden das Blut christlicher Kinder abzapfen, eine Behauptung, die nicht selten Anlass zu Pogromen gab? Kann man dies und andere Schandtaten, deren die Kirche die Juden bezichtigte (Joshua Trachtenberg schildert sie detailliert in seiner Arbeit zum mittelalterlichen Ursprung antijüdischer Obsession in der europäischen Kultur ) bedenkenlos mit der simplen Formel des Antijudaismus abtun? Sind die Ansichten von Pfarrer Józef Kruszyński, abgehandelt u.a. in den entsprechend überschriebenen Aufsätzen „Die Juden und die Judenfrage” (Włocławek 1920), „Die jüdische Gefahr” (Włocławek 1923) oder „Die Rolle des Weltjudentums” (Włocławek 1923), als Ausdruck religiöser Konkurrenz zu verstehen? Passen dazu auch viele andere Pfarrer, die wie der berüchtigte Pfarrer Stanisław Trzeciak vor dem Krieg für ihre antijüdischen Ansichten berühmt waren? Und gehört auch die katholische Presse zum Antijudaismus, die antisemitische Tiraden abdruckte, wie es in Polen vor dem Krieg Mały Dziennik und Pro Christo getan haben und in Frankreich noch viel länger La Croix und Pelerine? Es stellt sich auch die Frage, wie der so genannte gesellschaftliche Antisemitismus einzuordnen ist, zu dem die Kirche beitrug.
Die obigen wenigen Beispiele verletzen die eindeutige Trennlinie zwischen der strikt theologischen und der außertheologischen Dimension des christlichen Judenhasses und fechten die unerschütterliche Überzeugung der Kirche von der Unerlässlichkeit zweier getrennter Kategorien an. Man könnte meinen, dieser Streit bestehe lediglich aus Wortklauberei, indes betrifft er die Grundfrage, nämlich die Inadäquatheit des Begriffs Antijudaismus für die Wirklichkeit, die er beschreiben soll. Herausragende Kenner der europäischen Zivilisation wie Marcel Simon, Jacques Le Goff und der konservative Historiker Paul Johnson bedienen sich unterdessen des Begriffs des christlichen Antisemitismus, um verschiedene Formen feindlicher Haltungen der Kirche gegenüber den Juden zu beschreiben.
Im Endeffekt scheint die Vermutung begründet zu sein, dass die rhetorische Unterscheidung „antijüdisch – antisemitisch” ein Versuch der Kirche ist, sich der – von dieser Institution nie präzise erkannten – Verantwortung für die Tragödie der Shoah zu entziehen. Hätte es den Holocaust nicht gegeben, wäre diese Unterscheidung überzeugender, doch seit dem Holocaust führt sie lediglich zu terminologischer Verwirrung. Wahrscheinlich liegt dies vor allem an dem Bedürfnis, sich zu rechtfertigen und sich nicht der unbequemen Schuldfrage zu stellen. Demselben Ziel dient vermutlich auch das Bemühen, diese Schuld vollständig auf die heidnischen und laizistischen Traditionen abzuwälzen. Übrigens hat der heidnische Antisemitismus nie eine so dichte und systematische Form angenommen wie der christliche.
Andrzej Szulczyński stellte in der Pariser Zeitschrift Kultura beunruhigt fest: „Hätte es das Christentum nicht gegeben, hätte auch jener ‘christliche Antisemitismus’ nicht existiert und es wäre nicht zu diesem größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit gekommen.” Die Befürchtungen des entsetzten Rezensenten der Essays von Henryk Grynberg provozieren einige Fragen. Hätte der rassistische Nazismus die uns bekannte Form annehmen können, wenn es die pseudotheologischen Verurteilungen der Juden nicht gegeben hätte? Hätte die Idee der Vernichtung des jüdischen Volkes in den Köpfen der Henker entstehen können, wenn es die christliche Verachtungslehre nicht gegeben hätte? Und wäre schließlich die Behandlung der Opfer, bei der so viel unbegründete Grausamkeit, Erniedrigung und Unterdrückung zu beobachten war, menschlicher gewesen, wenn es jenen bestimmten Ton nicht gegeben hätte, mit dem von den kirchlichen Kanzeln herab über die Juden gepredigt wurde? Diese Fragen sind keinesfalls schlecht gestellt. Sie sind weder unverifizierbar noch zu allgemein, um sie konkret zu beantworten. Sie sind auch nicht „zu weit gehend”, allenfalls sind sie „mutig”. Bezeichnend ist aber die Furcht, sie zu verbalisieren und gründlich über sie nachzudenken. Ähnlich verstört die pure Möglichkeit, dass die vorsichtige These vom Zusammenhang von Christentums und „Endlösung” stimmen könnte.
Auch unter den Menschen, die man keinesfalls einer Abneigung gegen die Kirche bezichtigen kann, auch unter den Anhängern der Kirche, kann man etliche finden, die zugeben, dass „antijüdische Behauptungen ein Nährboden für den Antisemitismus sein können.” (Wobei sie auf dem Begriff Antijudaismus bestehen.) Jules Isaac, ein für den zwischenreligiösen Dialog außerordentlich wichtiger Denker, schreibt: „Der christliche Antisemitismus erscheint wie ein mächtiger Baumstamm mit tiefen und unterschiedlichen Wurzeln, der später andere Sprosse des Antisemitismus hervorbrachte, auch antichristliche wie den nationalsozialistischen Rassismus.” Pater Jean Dujardin sieht noch einen anderen Zusammenhang: „Als der moderne Antisemitismus auftauchte, traf er auf ein eingeschläfertes oder verzerrtes Bewusstsein, das bereit war, ihn aufzunehmen oder zu tolerieren.” Dieses Bewusstsein war während vieler Jahrhunderte der Verbreitung der „Theologie der Verachtung” ausgeprägt worden und darauf vorbereitet, die antijüdischen Losungen der zur Macht greifenden Nationalsozialisten aufzunehmen, so dass viele Deutsche – und nicht nur sie – sie sofort akzeptieren konnten. Diese Losungen unterschieden sich ja kaum von den Inhalten, die man von christlichen Predigern hören konnte oder aus den restriktiven Beschlüssen der bischöflichen Synoden im Mittelalter, während der Renaissance und in der Zeit der Gegenreformation erfahren hatte. Wie immer man darüber denken mag, die Nationalsozialisten nutzten diese historische und kulturelle Kontinuität und betrachteten sie als eigene Ideen, die in der Vergangenheit verwurzelt waren und von den potentiellen Anhängern Hitlers angeeignet worden waren. Ohne Einschränkung konnten sie sich auf bestimmte Abschnitte aus den Schriften der Kirchenväter berufen (was der berüchtigte Stürmer tat), da sie ihnen in dieser Hinsicht reiches Material für ihre Argumentation boten. Der herausragende Holocaust-Historiker Raul Hilberg meinte, die Nationalsozialisten hätten erstaunlich viel von ihren Vorgängern übernommen, besonders auf der Ebene der antijüdischen Gesetzgebung, die zuvor von den aufeinander folgenden bischöflichen Synoden ausgebaut worden war. Dies geschah, als ob es „eine Erinnerung gebe, die sich automatisch bis zu den Jahren 1933, 1935, 1939 und darüber hinaus erstreckte.”
Ausschlaggebend ist dabei, wie sich zeigt, dieselbe Kontinuität des Hasses, die auf das christlich geprägte Klischee vom Juden baut, in dem die negativen Charaktermerkmale entscheidend das positive Bild überdecken. Der zweifellos heidnische Nationalsozialismus übernahm die Strategie des Hasses. Der auf der christlichen Religion gegründete Judenhass „machte aus den Juden tatsächlich ein u.a. für den Holocaust auserwähltes Volk.” Rafael Scharf meinte, der theologische Antijudaismus sei alltäglicher Nährboden des Antisemitismus gewesen und einer der Hauptfaktoren, der ihn geschürt und gestärkt habe. Diese Feststellung ist so offensichtlich, dass niemand, der vernünftig denkt, sie jemals in Frage stellen würde.
Will man ein Fazit ziehen, muss man dennoch entschieden betonen, dass eine Gleichsetzung der beiden antijüdischen Phobien, der christlichen und der nationalsozialistischen, unzulässig ist. Es sind Erscheinungen, die zwei unterschiedlichen Ordnungen angehören. Auch die auf die eigene Schmerzgrenze reduzierte Perspektive des Opfers kann die unterschiedlichen Absichten nicht außer Acht lassen, von denen sich die Kirche bzw. die Nationalsozialisten leiten ließen. Dennoch gibt es zwischen ihnen etliche Berührungspunkte. Unverständlich erscheint daher die nicht nur in kirchlichen Kreisen verbreitete Tendenz, nach den Ursprüngen der Gaskammern von Birkenau und Treblinka ausschließlich im laizistischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts zu suchen. Die Frage nach der Verantwortung des Christentums muss im Kontext der Ideengeschichte gestellt werden und die Konsequenzen für das Leben in der Gesellschaft berücksichtigen. Dieser Auffassung zufolge trägt das Christentum die Schuld dafür, dass ein repressives Modell entstand, für das das Judentum ex definitione verdächtigt war und das daher herablassend, nicht selten auch mit Abscheu betrachtet wurde. So entstand ein Muster, das auf verschiedenen Stufen der kirchlichen Hierarchie, besonders vom niederen Klerus, angewendet werden konnte und angewendet wurde. Deshalb sah ein Pfarrer im Religionsunterricht nichts Verwerfliches darin, wenn er die Geschichte von den Mördern Jesu und der ewigen Feindschaft zwischen dem Judentum und dem Christentum wiederholte. Er selbst glaubte doch daran.
Die christliche Ablehnung der Juden wurde im weltlichen Bild vom Wucherer, Unterdrücker, Verschwörer, Anarchisten und Revolutionär reproduziert. Das waren übrigens kompatible Prozesse. Das Aufeinandertreffen und Konvergieren religiöser und weltlicher Inhalte war unvermeidbar. Kein Pfarrer oder Ordensbruder existierte in einem leeren Raum, auch die Ideen nicht, die er verkündete. Die Volkskultur und in späteren Zeiten geschickte, eingängige Formeln, die von Journalisten oder Literaten sorgfältig erarbeitet wurden, kehrten zur Kanzel zurück. So wurden die Gemüter der Geistlichen in gewissem Grade auch durch die von weltlichen Denkern verbreitete Überzeugung mitgeprägt, dass der „Saujude” Quelle vieler Gefahren sei. Indes scheint der Antijudaismus uns dazu zu verleiten, diese Problematik ahistorisch und getrennt vom gesellschaftlichen Kontext zu sehen.
In der Volkskultur bildeten die antijüdischen und antisemitischen Inhalte ein eigenartiges Gemenge, in dem es unmöglich war, die ursprünglich unterschiedenen Elemente voneinander zu trennen. Es ist kaum vorstellbar, dass im 19. oder am Anfang des folgenden Jahrhunderts ein Bauer imstande war, den religiös aufgefassten Antijudaismus und den laizistisch begründeten Antisemitismus auseinander zu halten. Das war eine Folge des unvermeidlichen Ineinanderfließens von antijüdischen Vorurteilen der Kirche und weltlichen Mythen und Stereotypen. Es resultierte gleichermaßen aus der Tatsache, dass die Vertreter antijüdischer Ansichten keinesfalls an deren Ursprung interessiert waren. Das wirkliche Problem bestand im Aufbau eines kohärenten Denksystems und in der Sorge um seinen rationalen Charakter. Die radikale katholische Presse der 1930er Jahre sowie die Vor- und Nachkriegspogrome beweisen eine auf den ersten Blick erstaunliche Koexistenz christlicher und weltlicher Stereotype; dies sind aber nicht die einzigen Beweise. Das beste Beispiel, wie widerspruchslos sie gleichzeitig wirkten, liefert die Phantasie des Volkes. Der Bauer, der sich nur wenig in der Geschichte seines eigenen Glaubens auskannte und kaum etwas über den Streit der beiden Religionen und ihre gemeinsamen Wurzeln wusste, trachtete vor allem danach, das eigene Misstrauen gegenüber den Juden bestätigt zu bekommen. Und das fand er in den Worten des Pfarrers.
Man kann also sinnvollerweise behaupten, dass der rassistische Antisemitismus ohne seinen christlichen Vorläufer nicht entstanden wäre. Umberto Eco formuliert diesen Zusammenhang eindeutig: „Der pseudowissenschaftliche Antisemitismus taucht im Laufe des 19. Jahrhunderts auf und wird erst in unserem Jahrhundert zu einer totalitären Anthropologie und zum industrialisierten Völkermord. Und er hätte nicht entstehen können, wäre nicht seit Jahrhunderten, seit der Epoche der Kirchenväter, eine antijüdische Polemik geführt worden und hätte es nicht den praktischen Antisemitismus im Volk gegeben, der sich im Laufe von Jahrhunderten überall dort verbreitete, wo ein Ghetto entstand. Es waren nicht die antijakobinischen Theorien von einer jüdischen Verschwörung Anfang des vorigen Jahrhunderts, die den Volksantisemitismus hervorbrachten; sie griffen nur den bereits existenten Hass gegen andere auf.”
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen auch die Autoren des Dokuments „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah“, das die Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden im Vatikan vorbereitete. Im Text der Erklärung kommt die Bezeichnung „christlicher Antisemitismus“ aber nicht vor. Übrigens ist dieses Dokument zum Teil fragwürdig. Die Autoren stellen jene fundamentale Frage nicht, die man bei dem hervorragenden italienischen Schriftsteller und Mediävisten findet: Hätte die Idee der Endlösung in den Köpfen der Menschen entstehen können, wenn die Kirche nicht gewesen wäre, die jahrhundertelang den Juden Verachtung entgegenbrachte? Das kirchliche Dokument schweigt sich auch über die Bedeutung der christlichen Lehre für die Gewalttaten und Pogrome gegen Juden aus; dazu gehört die Beschuldigung des Mordes an Gott, der Schändung der Hostie, der Verwendung von Kinderblut für die Matze und die Zubereitung von sonderbaren Mixturen, von denen das Mittelalter besonders viel zu berichten hat. Es ist keine Rede davon, was die Kirche zur gesellschaftlichen Ausschließung der Juden in Europa beigetragen hat, und das Dokument erwähnt auch die moralisch fragwürdige Haltung einiger kirchlicher Würdenträger während des Zweiten Weltkrieges nicht , darunter das umstrittene Verhalten Pius’ XII. Die Autoren übergehen ebenfalls die seltene und doch symptomatische Tatsache, dass Priester und gute Katholiken Juden als „Mörder von Jesus Christus” denunzierten.
Bisher wurden keine eingehenden Forschungen betrieben, die die ideellen Zusammenhänge zwischen der beständigen christlichen Abneigung gegen das Judentum und ihrem Einfluss auf die Denksysteme der Begründer der Rassentheorien untersucht hätten, also auf die verbrecherischen Pläne der Naziführer. Erstaunlich, wie vorsichtig die Kirche manchmal die schwierigen Fragen der Geschichte des Verhältnisses zu den „älteren Glaubensbrüdern” formuliert. Die dabei verwendete Unterscheidung von „guten” und „schlechten” Christen, die gleichermaßen wahr ist wie demagogisch wirkt, lässt vermuten, dass die Kirche eine Antwort vermeiden will. Seit den ersten Jahrhunderten seines Bestehens trug das Christentum wesentlich zur Bildung einer antijüdischen Atmosphäre in Europa bei. Sein Beitrag war derart bedeutend, dass er sich nicht mit einer allgemeinen Formulierung über schlechte Gläubige abtun lässt, die das Gebot der Nächstenliebe verletzten und deren Haltung zu verurteilen ist. Es fehlt an Bemühungen um vertieftes Nachdenken, ob die Kirche die Erkenntnis des eigenen Schuldausmaßes nicht verhindert, wenn sie sich krampfhaft an die terminologische Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antijudaismus hält und sich zurecht gegen die Gleichsetzung und Identifizierung mit den völkermörderischen Praktiken des vergangenen Jahrhunderts wehrt.
Nun die letzte Bemerkung. Ein umfassendes Verständnis der Folgen des christlichen Antisemitismus müsste nicht nur die Vollstrecker, sondern auch die Zeugen oder genauer die Passivität der Zeugen berücksichtigen. Aus den Erinnerungen, historischen Quellen und literarischen Schilderungen sind Aussagen wie „Das geht uns nichts an”, „Es ist nicht unser Krieg” (zum Aufstand im Ghetto) sowie Beispiele des Ausschlusses der Juden aus dem Wirkungsbereich des Gebotes der Nächstenliebe bekannt. Das war u.a. eine Folge der jahrhundertelang betriebenen antijüdischen Indoktrinierung der Kirche. Daher ließen sich manche Menschen, die Juden retteten, nicht von religiösen Beweggründen (oder nicht ausschließlich von ihnen) leiten, und halfen nicht aus christlichem Pflichtgefühl, sondern weil es sich um Bekannte oder Menschen handelte, die ihnen aus anderen Gründen nahe standen. So hörte der Jude auf, der allmächtige und gefährliche Jude zu sein, und wurde ein Mensch, der Mitleid verdient.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 30.06.2008