Der Stein des Anstoßers

Gedenkstein in Zielona Góra

Der große Granitstein soll nur ein kurze polnische Inschrift und einen Davidstern tragen: „An diesem Platz stand die Synagoge, die von den Nazis zerstört wurde.“ Das habe man bewusst so entschieden, sagt Andrzej Kirmiel. Die Menschen, die hier künftig vorbei gehen, sollen sich selbst ihre Gedanken machen. „Der Stein soll ihnen den Anstoß dazu geben“, erläutert der 50 Jahre alte Geschichtslehrer.Allerdings werde der fast zwei Tonnen schwere Brocken, der aus einem Bergbau in der Nähe stammt, auch nicht zu übersehen sein.
Die Frage, was sie ein Verbrechen angeht, das von den früheren deutschen Bewohnern der Stadt begangen oder zumindest geduldet wurde, dürfte für viele der heute polnischen Bewohner nicht so leicht zu beantworten sein. „Die Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begonnen, sie haben in unserem Land ungeheure Verbrechen verübt und sind dafür mit der Vertreibung aus dieser Gegend bestraft worden“ – solässt sich das Geschichtsbild vieler Polen etwas vereinfacht zusammenfassen.
Erst nach 1990 begann man in Orten wie Zielona Góra sehr zaghaft, sich auch für die lokale deutsche Vergangenheit zu interessieren. Details dieser Historie, wie zum Beispiel die Tatsache, dass in Grünberg am Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche wohlhabende jüdische Tuchmacher und Händler lebten, sind jedoch nur wenigen bekannt.
Einer der bekanntesten von ihnen war Wilhelm Levinson. Er begründete die Zeitung „Grünberger Wochenblatt“ und er war sogar Abgeordneter des Deutschen Reichstages. Das „Wochenblatt“ wurde – natürlich ohne Nennung des Namens seines Gründers – ab 1933 als örtliches Organ der NSDAP weitergeführt. Bis heute existiert in Deutschland noch ein Mitteilungsblatt unter dem gleichen Titel, das „für die früheren Bewohner der Stadt und des Kreises Grünbergin Schlesien“ erscheint.
Doch nicht nur solche historischen Zusammenhänge sind es, die den Geschichtslehrer und engagierten Hobby-Historiker Andrzej Kirmiel voreinigen Jahren dazu animierten, eine regionale Stiftung „Judaica“ zu begründen. „Die Tatsache, dass die wenigen Juden, die heute in Zielona Góra leben, Angst davorhaben, sich zu ihrer Abstammung zu bekennen, ist ebenso bedenklich“, sagt er.Der 50jährige wird nicht müde, seine Landsleute sowohl auf jüdische Spuren wie auf Folgen des Antisemitismus hinzuweisen. So wurde der alte jüdische Friedhof der Stadt, der den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden hatte, erst in den 1960er Jahren eingeebnet. „Und an der ehemaligen Deutschen Wollfabrik, in deren Hallen unlängst ein riesiges Einkaufszentrum entstand, hängt bis heute ein Schild, auf dem steht, dass hier bis 1945 polnische Zwangsarbeiterinnen arbeiten mussten. Dabei müsste man korrekterweise schreiben, dass die meisten Frauen polnische Jüdinnen waren“, erklärt er.
Kirmiel wird oft nach den Motiven seines Handelns gefragt. Dass ihm dabei die Frage, ob er ein Jude sei, am häufigsten gestellt wird, hält er für bezeichnend. Er erwidert dann, dass er ein Pole ist, der sich für die jüdische Kultur und Vergangenheit interessiert.
Für die Grünberger Synagoge hatte sich nach deren Zerstörung praktisch niemand mehr interessiert. Der Platz, auf dem sie stand, war lange Zeit unbebaut, erst vor wenigen Jahren wurde hier der moderne Konzertsaal „Ost-West“ der örtlichen Philharmonie errichtet.
Aus Akten, die er im Berliner „Centrum Judaicum“ in der Oranienburger
Straße fand, hat Kirmiel erfahren, dass das Grünberger Gotteshaus nicht in der vonden Nazis so bezeichneten „Reichskristallnacht“ am 9. November, sondern erst am Tag darauf in Brand gesetzt wurde. "Ich vermute, dass SA-Truppen aus Frankfurt (Oder) erst am 10. November extra dafür angereist waren", sagt er.In dem Ort Vietz, der heute Witnica heißt, hätten die Brandstifter sogar enttäuscht feststellen müssen, dass das dortige Synagogen-Gebäude inzwischen von einem NSDAP-Mann gekauft worden war.
Von dem heute in München lebenden ehemaligen Grünberger Reinhard Eckert erhielt Kirmiel einen Brief. Eckert war 1938 noch ein Schuljunge und schreibt: „Polizei und Feuer­wehrleute sicherten den Platz um das brennende Gebäude ab, löschten den Brand aber nicht.“ Anschließend hätten SA-Leute die Scheiben von Läden jüdischer Kaufleute zerschlagen.

An diesem Wochenende wird es in Zielona Góra ein Seminar und zwei Konzerte geben, die an die Geschehnisse vor70Jah­ren erinnern. Die Stiftung „Judaica“ hatte sich lange darum bemüht, dass ein deutsches Or­chester zum Gedenken an den
70. Jahrestag der Pogromnacht spielt. „Das Deutsch-Polnische Jugendorchester Zielona Góra/ Frankfurt hatte uns bereits zugesagt, aber war dann wieder zurückgetreten“, berichtet Kirmiel. Auch die Heimatverbände der früheren deutschen Bewohner zeigten sich wenig interessiert. Dafür werden Vertreter mehrerer jüdischer Gemeinden aus Polen und Deutschland und auch von der Botschaft Israels erwartet. Am Sonntag gibt es ab 14 Uhr ein Programm unter dem Titel „Kaddisch für Rosa“ in der Konzerthalle. Danach wird der Gedenkstein enthüllt.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 09.11.2008