Der gute Geist von Schloss Tamsel

An einem geschichtsträchtigen Ort in Polen wird heute gefeiert

Im Schloss von Dabroszyn (Tamsel), wohnte die Jugendliebe von Preußenkönig Friedrich II., der sowjetische Marschall Shukow plante hier die Schlacht um die Seelower Höhen. Heute wird hier eine Deutsche gefeiert, die in Polen als Freundin gesehen wird.

„Hallo Pani Jutta, schön dass Sie wieder da sind." Radfahrende Frauen halten an, um Jutta von der Lancken zu umarmen. Ein älterer Herr bringt ihr frische Blumen. Kleine Kinder, die sie wie eine Traube begleiten, rufen ihr fröhlich „Gutten Tack" zu. Und wenn sie an einem der Bauernhäuser klingelt, lädt man sie gleich zum Kaffee ein.

Die zierliche, fast mädchenhaft wirkende Deutsche ist in dem kleinen Ort fünf Kilometer hinter Küstrin ein gern gesehener Gast. Noch vor einigen Jahren sei sie immer „mit den Störchen im Frühjahr gekommen" und habe den Sommer in einer kleinen Wohnung im Schloss verbracht, berichtet sie. Und das hatte folgende Vorgeschichte: Jutta von der Lancken-Schwerin war mit dem Enkel des letzten deutschen Schlossherren verheiratet, der hier bis 1945 lebte. Ihr Mann Malte war als Kind, mit 14 Jahren, im letzten Kriegswinter wie alle ehemaligen Tamseler vor den Russen geflohen. Er ging nach Schleswig-Holstein.

Wenig später erläuterte dann der sowjetische Marschall Shukow seinen Generälen im großen Billardsaal des Schlosses die Pläne für die Schlacht um die Seelower Höhen. Nach dem Krieg war das von Schinkel umgebaute Gebäude zunächst eine Zwischenstation für polnische Heimkehrer. Später Sitz eines Landwirtschaftsbetriebes. Nach 1990 drohte es zu zerfallen.

„Dieses Schloss ist so fürchterlich preußisch, dass es schwer für die Polen war, sich seiner Geschichte anzunehmen", berichtet die Deutsche. Gerade weil sie weiß, dass Friedrich II., dessen Jugendliebe Louise von Wreech hier residierte, ein rotes Tuch für die Polen ist, weil er die Teilungen des Landes im 18. Jahrhundert einleitete, bringt sie auch Verständnis für die Empfindungen der heutigen Bewohner auf. Doch es war die große Liebe zu ihrem Mann, der kurz nach dem Wiedersehen mit Tamsel 1993 verstarb, welche sie dazu brachte, hier etwas für das bessere Verstehen zwischen Deutschen und Polen zu tun.

„Es begann damit, dass ich den Bürgermeister fragte, ob man denn hier irgendwo Kaffee trinken könne", erinnert sich die Berlinerin. Als dieser verneinte, schlug sie vor, selbst ein kleines Café im Schloss zu eröffnen. „Zuerst schlug mir Argwohn entgegen", berichtet sie. Es seien die polnischen Kinder gewesen, die neugierig als Erste kamen und das Eis brachen.

Mit gleichgesinnten Deutschen und Polen organisierte sie Konzerte und Ausstellungen und gründete einen heimatgeschichtlichen Verein. „Jutta von der Lancken ist der gute Geist von Tamsel, der dem Ort wieder Belebung brachte", lobt sie der Hobbyhistoriker Zbigniew Czarnuch. Jährlicher Höhepunkt ist ein polnisch-deutsches Sommerfest, das heute Nachmittag wieder ab 14 Uhr steigt.

In diesem Jahr gibt es einen besonderen Anlass, denn „Pani Jutta" wird bald 70 Jahre alt. „Mein Geburtstag ist zwar erst im November, aber ich mache es halt so wie die englische Königin, die auch immer im Sommer feiert", freut sich die Berlinerin. Die Gastgeber wollen ihr einige Überraschungen bereiten. Wer auf historischem Grund mitfeiern möchte, ist gern eingeladen. Jutta von der Lancken erwartet keine Geschenke, nur eine kleine Spende für die örtliche Grundschule soll es sein.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.moz.de/
Veröffentlichung/ data publikacji: 19.08.2006