Das Külz „unserer Bismarcks“

Das Schlösschen in Kulice/Külz bei Nowogard /Naugard, ein ehemaliger Sitz der Familie von Bismarck, gehört seit sieben Jahren der Stettiner Universität. Auch die Europäische Akademie Külz-Kulice geht dort ihrer Tätigkeit nach. Die Beziehungen zwischen der Universität und der Akademie gestalteten und gestalten sich unterschiedlich.

Letzter deutscher Eigentümer von Külz war Philipp von Bismarck, der Ururgroßenkel (recte: Urgroßneffe) des „Eisernen Kanzlers“ Otto von Bismarck, der Mitte des 19. Jahrhunderts im nahe gelegenen Kniephof (Konarzewo) lebte. Den Bismarcks gehörten auch andere Güter in der Gegend. Sie waren damals die größten Landbesitzer im Naugarder Land.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Külz ein Staatsgut; im Gutshaus wurden Büros, Wohnungen, ein Kulturraum und ein Kindergarten eingerichtet, im Gutspark ein Sportplatz. Zu Beginn der 1990er Jahre löste sich das Staatsgut auf. Das Gutshaus verödete und verfiel, ein Teil brannte aus, und es schien nicht mehr zu retten… Philipp von Bismarck finanzierte Sicherungsarbeiten am Gutshaus und beschloss, es wiederaufzubauen. Im Park hatte sich das Grab seiner Mutter (recte: Adoptivmutter) erhalten.
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Nach Beratungen mit vielen polnischen und deutsch-polnischen Institutionen sowie mit den Behörden der Region und Vertretern der polnischen Regierung gründete und registrierte Bismarck in Polen die Stiftung Fundatia Europea Pomerania. Sie pachtete das Gutshaus und das umgebende Gelände einschließlich des Parks und der Scheune auf dreißig Jahre von der Agentur für das Landwirtschaftliche Eigentum des Staatsschatzes. Im Kuratorium und im Vorstand der Stiftung saßen unter anderem zwei Professoren der Stettiner Universität, einer von ihnen von Anfang an.
Die Stiftung Fundatia Europea Pomerania erhielt Gelder von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, außerdem Mittel des deutschen Staates und von privaten Sponsoren, darunter der Familie von Bismarck. Davon ließ sie das Gutshaus für 3,5 Millionen DM wiederaufbauen und darin eine Lehr- und Tagungsstätte einrichten, die später in Europäische Akademie Külz-Kulice umbenannt wurde. Geleitet wird sie von Lisaweta von Zitzewitz, einer Polonistin, die in Warschau studierte, das Buch „Fünfmal Polen“ geschrieben hat und mit Külz seit 1998 (recte: 1994) verbunden ist.
Das Tagungszentrum wurde Ende September 1995 eröffnet. Damals kamen viele Mitglieder der Familie von Bismarck und anderer pommerscher Familien nach Külz, ebenso der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Minister Adam Tański und Andrzej Milczanowski, der Metropolit von Stettin-Kammin, Erzbischof Marian Przykucki, das Oberhaupt der Pommerschen Evangelischen Kirche, Bischof Eduard Berger, Persönlichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Lebens aus Polen, Deutschland und Frankreich, Vertreter der Woiwodschaft und der Gemeinde Naugard sowie zahlreiche Journalisten. Viel wurde bei diesem Anlass von der epochalen Bedeutung der deutsch-polnischen Aussöhnung für den Frieden in Europa gesprochen. „Ich war sehr berührt – Polen und Deutsche, Katholiken und Protestanten im Gebet zu dem einen Gott, das geschieht in der Geschichte nicht häufig“, sagte Helmut Schmidt im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst, mit dem die Eröffnungsfeier begann.
In Külz wurden dann viele deutsch-polnische Begegnungen zu Themen der Geschichte, Politik, Wirtschaft, der Selbstverwaltung, dem Schicksal des kulturellen Erbes und der Zusammenarbeit organisiert. An ihnen nahmen Vertreter verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche teil, auch ehemalige und heutige Bewohner des Dorfes Külz, der Stadt Naugard und aus ganz Pommern. Leitmotiv der Begegnungen war und ist stets die von Philipp von Bismarck in den Vordergrund gerückte Idee der gemeinsamen Verantwortung von Polen und Deutschen für die friedliche Zukunft Europas.
Külz wurde alsbald zu einem wichtigen und symbolischen Ort für die moderne deutsch-polnische Zusammenarbeit, ähnlich wie Kreisau und Krockow. Philipp von Bismarck fand viele Freunde in Polen, auch in Stettin. Viele Funktionäre der Pommerschen Landsmannschaft, deren Vorsitzender er vorher gewesen war, unterstützten ihn ebenfalls. Andere dagegen, darunter sehr Einflussreiche, kritisierten ihn scharf. Auch einige polnische nationale Organisationen ließen an Külz kein gutes Haar.
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Philipp von Bismarck war in der Bundesrepublik Deutschland und in Westeuropa sehr bekannt. Zehn Jahre lang saß er als CDU-Abgeordneter im Bundestag und zwei Sitzungsperioden lang im Europäischen Parlament. Als Vorsitzender der Pommerschen Landsmannschaft und der Ostseeakademie in Lübeck-Travemünde sprach er sich für die Zusammenarbeit mit Polen aus, was seinen Ausdruck in dem von ihm initiierten „Manifest der Pommern“ (1973) fand. Als einer der führenden CDU-Politiker unterstützte er die Ostpolitik des sozialdemokratischen Kanzlers Brandt, und als erster Politiker aus den Reihen der Vertriebenen sprach er sich für die Anerkennung der deutsch-polnischen Nachkriegsgrenze aus. Schließlich, da war er schon schwer erkrankt, schlug er vor, das Gutshaus in Külz der Stettiner Universität zu übertragen. Ermutigt durch die Wertschätzung für die Hochschule und die gute Zusammenarbeit mit ihren Professoren hielt er das für die beste Lösung und war stolz darauf, dass sein Külz ihr dienen werde.
Külz galt schon damals als Symbol für den epochalen Wandel im deutsch-polnischen Verhältnis. Schließlich war das ehemalige Gutshaus der Bismarcks, der Nachkommen des „Eisernen Kanzlers“, der sich der Geschichte Polens so verhängnisvoll eingeprägt hat, auf Initiative seines Ururgroßenkels zu einem Ort der Aussöhnung geworden. Besonders wichtig für diese Denkweise war eine Tagung anlässlich des hundertsten Todestages Otto von Bismarcks. An ihr nahmen führende Historiker aus Polen und Deutschland teil.
Philipp von Bismarck und seine Frau Ebba waren auch häufig in Stettin zu Gast. Großes Echo fand eine Begegnung Anfang September 1995 im Klub der 13 Musen, bei der Philipp von Bismarck und Prof. Zbigniew Kruszewski, der stellvertretende Vorsitzende des Kongresses der Polen in Amerika, über deutsch-polnische Fragen diskutierten. Der erste hatte während des Kriegs als hoher Offizier im Stab der Wehrmacht gedient; im Herbst 1939 war er in Warschau stationiert, im Jahr 1944 arbeitete er mit den Organisatoren des Attentats auf Hitler zusammen. Der zweite war Soldat der Heimatarmee gewesen, nahm am Warschauer Aufstand teil und verfasste das erste in den USA veröffentlichte Buch über die Oder-Neiße-Grenze.
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Im April 2002 wurde Külz mit all seinen Errungenschaften unentgeltlich von der Stettiner Universität übernommen. Aus diesem Anlass fand eine Feier statt, bei der der damalige juristische Eigentümer, die Agentur für das Landwirtschaftliche Eigentum des Staatsschatzes, der Hochschule das Objekt übergab. Zwei Monate zuvor hatte die Stiftung Fundatia Europea Pomerania der Hochschule all das übertragen, was sie in den Wiederaufbau des Objekts investiert hatte. Beide Seiten unterzeichneten einen Vertrag, gemäß dem die Stiftung ihren Sitz weiterhin in Külz hat. Die Hochschule verpflichtete sich, ihren „ordnungsgemäßen Betrieb und die Erfüllung ihrer Satzungsaufgaben“ zu gewährleisten.
Vier Jahre nach der Übereignung von Külz an die Universität starb Philipp von Bismarck, einer von „unseren Bismarcks“, wie ihn Adam Krzemiński, Journalist bei der „Polityka“ und Deutschlandkenner, genannt hatte.
Leider erwies sich der Vertrag alsbald als unzulänglich. Viele einflussreiche Personen, die Külz gut kannten, schalteten sich damals in die Mediation zwischen den Partnern – oder besser: zwischen den Parteien – ein. Nach langwierigen Debatten wurde ein neuer Vertrag ausgehandelt. Wie jedoch zu hören ist, beugte auch dieser Vertrag den Missverständnissen nicht vor.
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Unterdessen dient Külz weiterhin der Idee der guten deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Sowohl die Universität als auch die Akademie organisieren dort wissenschaftliche Begegnungen von größerem gesellschaftlichen Ausmaß, die für die Umsetzung dieser Idee so wichtig sind, ja mehr noch: für die internationale Debatte über die friedliche Zukunft Europas. Mit seiner Geschichte, seinen Errungenschaften, den Namen und Fakten, die sich mit diesem Ort verbinden, hilft Külz der Universität, sich das Image einer modernen Hochschule zu schaffen, die an den wichtigsten Problemen der Gegenwart, einem mutigen deutsch-polnischen Dialog, an Fragen der Region und des Grenzgebietes aktiv teilnimmt.
All das könnte man noch besser nutzen und das Kapital, das Külz zweifelsohne darstellt, mehren. Und das umso mehr, als die deutsch-polnischen Beziehungen – die in letzter Zeit, trotz Polens Beitritt zur Europäischen Union und zum Schengen-Abkommen, im Vergleich zu dem, was in den 1990er Jahren erreicht wurde, einen deutlichen Rückgang erleben – Külz heute sehr nötig brauchen.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 25.08.2009