„Wir kriegen sie nie zurück“

Auf polnischer Seite lösen die Abwerbeaktionen deutscher Firmen Unmut aus / Demographen warnen vor Entvölkerung. Die Grenzregionen stellen sich auf einen harten Wettbewerb um die besten Köpfe ein. Deutsche Firmen werben in Polen um Nachwuchskräfte. Polnische Firmen befürchten dramatische Folgen. Manche sprechen von drohender Entvölkerung.
Michal Sarosiak besucht seit knapp zwei Monaten einen Deutsch-Intensivkurs. Der 28-jährige Ingenieur arbeitet in einem Projektbüro in Stettin. Immer häufiger spielt er mit dem Gedanken, nach Deutschland zu ziehen. Am liebsten in die Nähe der Grenze, dann könnte er so oft wie möglich seine Familie besuchen.
„Eigentlich sollte ich mich nicht beschweren. Ich habe doch einen Job. Für polnische Verhältnisse sogar einen sehr guten“, sagt der junge Ingenieur. „Aber ich verdiene knapp 3000 Zloty, etwa 750 Euro im Monat. Mit meiner Ausbildung würde ich in Deutschland mindestens das Vierfache verdienen.“
In der polnischen Grenzregion blickt man derzeit mit großem Interesse auf den 1. Mai. Etliche deutsch-polnische Jobbörsen informieren über Arbeitsmöglichkeiten entlang der Oder-Neiße-Grenze. In der Grenzstadt Zgorzelec, wo vor kurzem zum fünften Mal ein „Grenzüberschreitender Infotag“ organisiert wurde, belagerten tausende Arbeitssuchende die Stände der meist deutschen Firmen.
„Das Interesse war enorm. Die Leute sind nicht nur aus Zgorzelec und der nahen Umgebung gekommen, sondern aus der ganzen Region“, sagt Danuta Plutecka, Direktorin des Arbeitsamtes in Zgorzelec. Die hohe Besucherzahl überraschte die Organisatoren. Denn die Arbeitslosenquote liegt in Zgorzelec bei „nur“ sieben Prozent. Etliche deutsche Firmen im Grenzgebiet hoffen, dass sie mit gut qualifizierten Polen aus den Nachbarorten ihren Mangel an Fachkräften beseitigen können. Im Osten Deutschlands fehlt vor allem der Nachwuchs – eine Folge des Geburtenknicks. Alleine in Brandenburg ist die Zahl der Azubis innerhalb von sieben Jahren von 35 000 auf knapp 18 000 gesunken.
Unternehmen und Handwerkskammern in Brandenburg und Sachsen werben mit Blick auf den 1. Mai Schüler aus den polnischen Nachbarorten ab. Pünktlich am 2. Mai startet in Cottbus ein Pilotprojekt, an dem 24 Jugendliche aus dem grenznahen Zielona Góra teilnehmen werden. Es fängt mit einem viermonatigen Deutschkurs an, danach werden den jungen Polen Ausbildungsplätze im Kammerbezirk Cottbus angeboten. Zur Auswahl stehen unter anderem folgende Berufe: Bürokaufmann, Elektroniker, Fleischer, Dachdecker, Friseur.
Das Angebot ist für polnische Azubis attraktiv. Die Ausbildung ist nicht weit von zu Hause und für polnische Verhältnisse gut entlohnt: Bis 650 Euro können sie als Lehrling verdienen. In Polen bekommen sie oft nur 200 Zloty, also etwa 50 Euro.
Bei polnischen Firmen und Politikern sorgt die Abwerbung für Unmut. Demographen warnen vor katastrophalen Folgen. „Die größte Gefahr sind die Ausbildungsprogramme, die deutsche Unternehmen unseren Jugendlichen anbieten“, meint Jolanta Fedak, die polnische Ministerin für Arbeit und Sozialpolitik. „Um die Abwanderung zu stoppen, sollten wir ähnliche Programme einführen.“
Konkrete Ideen gibt es bisher allerdings nicht. Mit den deutschen Angeboten könne man, regt sich Artur Biliski, Landrat des Landkreises Zgorzelec, auf. „Die Deutschen bieten den polnischen Schülern nicht nur einen Ausbildungsplatz, sondern auch finanzielle Unterstützung. Dafür muss sich der Azubi verpflichten, nach der Ausbildung bei seinem Arbeitgeber ein paar Jahre lang zu arbeiten. Wir kriegen sie nie zurück.“

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Veröffentlichung/ data publikacji: 27.04.2011