Kaliningrader Troika

Erstmals besuchen die Außenminister Russlands, Deutschlands und Polens gemeinsam das frühere Königsberg. Die Beziehungen zwischen Deutschland, Polen und Russland sind historisch von vielen Konflikten geprägt. Da ist es schon außergewöhnlich, dass sich die Außenminister aller drei Länder ausgerechnet im früheren Königsberg trafen.
„Was sind denn das für Limousinen?“ Der alte russische Mann, der am Sonnabendmittag eher zufällig an der „Gedenkstätte für die 1200 Gardisten“ vorbeikommt, staunt über die offenbar bedeutenden Gäste. Es geschieht nicht so häufig, dass das kleine Gebiet Kaliningrad von ausländischen Politikern besucht wird. Und dass ausgerechnet ein deutscher und ein polnischer Außenminister gemeinsam mit ihrem russischen Gastgeber zu einem Denkmal kommen, welches an die bei der Erstürmung des früheren Königsberg gefallenen sowjetischen Soldaten erinnert, entbehrt nicht der historischen Pikanterie.
Freilich fehlen diesmal die Scharen von Komsomolzen oder Jungpionieren, die in früheren Zeiten bei ähnlicher Gelegenheit Spalier gestanden hätten. Denn diese beiden Jugendorganisationen gibt es im heutigen Russland schon lange nicht mehr. Dafür verdeutlicht die kurze schlichte Geste den Wunsch nach Normalität und Partnerschaft, von dem sich die drei Politiker leiten lassen.
Ganz konkret geht es an diesem Tag um einen „Kleinen Grenzverkehr“, auf den sich Russland und Polen bereits geeinigt haben und der von Deutschland unterstützt wird. Die etwa eine Million Russen, die hier im früheren Ostpreußen leben, sollen künftig ohne große Formalitäten in die angrenzenden polnischen Gebiete reisen können. „Damit ihr auch mal zum Konzert nach Danzig fahren könnt und unsere jungen Leute zur Disko nach Königsberg“, wie der Pole Sikorski bei einer Diskussion mit Studenten der Kaliningrader Universität sagt.
Doch wie bei so vielen Fragen steckt auch bei dieser der Teufel im Detail. Denn einer solchen Neuregelung müssen sämtliche 27 EU-Länder zustimmen. Ausgerechnet Litauen, das genau wie Polen an das Gebiet Kaliningrad grenzt und mit diesem früher sogar in der Sowjetunion verbunden war, leistet bisher die größten Widerstände.
„Die Litauer befürchten, dass sie wieder unter größeren russischen Einfluss geraten könnten“, heißt es bei dem Besuch hinter vorgehaltener Hand und dass man ihnen deswegen – genau wie den Letten und Esten – glaubhaft versichern müsse, dass es sich bei diesem „Kleinen Grenzverkehr“ lediglich um eine pragmatische Erleichterung für eine bestimmte Zahl Menschen handele. „In Zeiten, wo viele europäische Staaten Angst vor der Migration von Einwanderern und Flüchtlingen haben, ist so etwas natürlich nicht einfach“, erläutert Radoslaw Sikorski den Journalisten.
Dass ausgerechnet er, der Pole, der einst als Kriegsberichterstatter für amerikanische Medien über den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan berichtet hat, heute hier in Kaliningrad ist, stellt sogar das Erstaunlichste an diesem Dreier-Treffen dar. Noch vor wenigen Jahren hatte Sikorski – ganz verhaftet in den Bedenken vieler seiner Landsleute gegenüber Russen und auch Deutschen – den Bau der Erdgasleitung unter der Ostsee mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglichen, der 1939 zur Besetzung Polens führte.
Doch seit er Außenminister ist, hat Sikorski erkannt, dass die Russland-Phobie eher zur Schwächung Polens im europäischen Kontext beiträgt. Und jetzt, da Polen am 1. Juli zum ersten Mal die halbjährige Präsidentschaft innerhalb der Europäischen Union unternimmt, hat die Warschauer Regierung ein ganz besonderes Interesse daran, europäische Akzente zu setzen.
Der neue Trialog, der von einem Dolmetscher auch schon mal überschwänglich als „Troika“ bezeichnet wird, könnte zu einem Motor der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland werden. Darin sind sich die drei Beteiligten offenbar einig, und deshalb lädt Westerwelle seine Kollegen auch schon für das nächste Treffen „in diesem Format“ nach Deutschland ein. „Vielleicht können wir das ja auch in der Nähe der Ostsee oder an einem anderen symbolischen Ort machen“, sagt er auf dem Heimflug.
Speziell eingebunden in diesen Trialog ist auch die Europa-Universität in Frankfurt (Oder). Sie hat ein trilaterales Abkommen mit der Uni im polnischen Torun (Thorn) und der in Kaliningrad geschlossen, die nach dem großen Philosophen Imanuel Kant benannt ist. Die erste wissenschaftliche Dreier-Konferenz fand bereits 2010 in Frankfurt statt, die zweite soll sich im Herbst in Kaliningrad – passend zum „Kleinen Grenzverkehr“ – mit dem Thema „Mobilität“ beschäftigen.
Dass das Leben manchmal schneller ist als die Politik beweist das Beispiel von Anne Krüger. Die junge Frau aus Mecklenburg-Vorpommern hat 2005 ihr Diplom an der Viadrina gemacht und arbeitet seit drei Jahren am deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad.
Wie zart und empfindlich das neue Dreierverhältnis noch ist, zeigt sich natürlich bei einzelnen Gesprächsthemen der drei Minister. So lehnt der Russe Lawrow Sanktionen gegen das Regime von Präsident Lukaschenko in Weißrussland rundheraus ab, für die Deutschland und Polen schon heute beim Außenpolitischen Rat der EU in Brüssel plädieren wollen. Der Moskauer nutzt auch die Gelegenheit, um die Bedenken seines Landes gegen den Anti-Raketenschirm der NATO in Europa ausführlich darzustellen.
Dennoch entsteht der Eindruck, dass zumindest die Chemie zwischen den drei Akteuren stimmt. Westerwelle hatte sich bereits am Vorabend der Kaliningrad-Reise mit Sikorski auf dessen Landhaus bei Bydgoszcz (Bromberg) getroffen und dort übernachtet.
Auch einen Besuch im alten Königsberger Dom, der im Krieg schwer zerstört wurde und seit anderthalb Jahrzehnten mit deutscher Hilfe wieder aufgebaut wird, unternimmt man gemeinsam. Es sind bewegende Momente, als auf der von der Potsdamer Traditionsfirma Schuke komplett restaurierten Orgel die Hymnen aller drei Länder sowie Bachs Toccata und Fuge d-moll erklingen. Weil es im Dom noch eine zweite Orgel gibt, mit der das historische Instrument kombiniert wurde, entsteht ein ganz besonderer Klangeffekt.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 23.05.2011