Polen im Herzen

Einst im Kampf gegen Stalin, jetzt von Lukaschenko verfolgt – die 80-jährige Weronika Sebastianowicz. In Polen gilt sie als Heldin, in ihrer heute in Weißrussland gelegenen Heimat stellt ihr dagegen der Geheimdienst nach. Die ungewöhnliche Biographie der Weronika Sebastianowicz.
Wer sich mit der Geschichte unseres östlichen Nachbarlandes nur wenig auskennt, der wird sie vielleicht als „typisch polnischen Sturkopf“ bezeichnen. Dabei hat die heute 80-jährige Weronika Sebastianowicz ihr Leben lang nichts anderes getan als an das Land geglaubt, in dem sie geboren wurde. Mindestens einmal im Jahr reist sie durch das heutige Polen und berichtet bei Begegnungen wie kürzlich im Grenzort Slubice aus ihrem Leben. Doch dann kehrt sie wieder nach Skidal zurück, einer Kleinstadt bei Grodno, in der sie 1931 zur Welt kam.
Dieses Gebiet gehörte seinerzeit zur Republik Polen, die erst nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstanden war. Doch die Unabhängigkeit des Landes sollte nur zwei Jahrzehnte währen. Im September 1939 teilten Hitler und Stalin Polen unter sich auf, so wie es am Ende des
18. Jahrhunderts schon die Könige von Preußen und Österreich und die damalige russische Zarin gemacht hatten. Polen wurde vom Westen und vom Osten her besetzt, Grodno gehörte zu dem von der Sowjetunion okkupierten Teil.
Weronikas Vater gehörte als Bauingenieur zu jenen Vertretern der polnischen Intelligenz, die sich gegen die sowjetischen Besatzer zusammenschlossen. „Meine Mutter wusch Wäsche und kochte Essen für die Männer, die sich an geheimen Orten versammelten. Auch mein Bruder gehörte zu ihnen. Als ich zwölf Jahre alt war, verteilte auch ich als Kurierin Botschaften. Meine Kindheit war vorbei“, berichtet sie. 1942 entstand die „Armia Krajowa“ (Polnische Heimatarmee), die unter dem Kürzel AK Berühmtheit erlangen sollte.
Inzwischen war das gesamte Territorium des Landes von der Wehrmacht besetzt. Die AK kämpfte sowohl gegen Hitlerdeutschland als auch gegen die Sowjetunion. So wie die Erwachsenen wollte Weronika ihren Eid für die Untergrundarmee leisten. „Ich drohte sogar, dass ich keine Kurierdienste mehr machen würde, wenn ich nicht wie die anderen einen Dienstgrad und einen Decknamen bekäme“, erzählt sie schmunzelnd. Angesichts ihrer bis heute vorhandenen Energie fällt es einem nicht schwer, das zu glauben. Im Sommer 1944 – die sowjetisch-deutsche Front hatte das östliche Polen fast wieder erreicht – erhielt sie endlich das Pseudonym „Röschen“ (Rózyczka) und leistete den Eid auf ihr Heimatland.
Das Gebiet um Grodno sollte jedoch nicht mehr zu Polen kommen. Die Grenzen des Landes wurden nach dem Krieg in Richtung Westen verschoben. Die ehemaligen AK-Kämpfer wurden sowohl in der neuen Volksrepublik als auch in der Sowjetunion verfolgt. „Mein Vater wurde 1945 verhaftet und nach Sibirien verbannt. Er kehrte von dort nie zurück. Wir erfuhren nicht einmal, wo er begraben ist.“ Fünf Jahre später verhaftete die sowjetische Geheimpolizei auch Weronika und ihre Mutter Stanislawa. Trotz der Qualen im Gefängnis verriet sie niemanden. „Man brach mir zwei Finger in einem Türspalt. In einer engen Zelle musste ich stundenlang in die Hocke gehen und dabei Ziegel über dem Kopf halten, bis ich ohnmächtig umfiel“, schildert sie die Foltermethoden.
Die inzwischen 19-Jährige und ihre Mutter wurden zu jeweils 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. „Bei Workuta am Polarkreis trafen wir auch auf Deutsche, die einst an der Wolga gelebt hatten und von Stalin vertrieben worden waren“, erinnert sie sich. Erst zwei Jahre nach dem Tod des Diktators (Stalin starb im März 1953) war diese schlimmste Zeit ihres Lebens vorbei.
„Aber die Sonne hat für uns trotzdem nicht geschienen“, sagt sie über das Leben nach der Rückkehr in die Heimat. „Man bezeichnete uns als Verräter der Sowjetunion. Dabei hatten die meisten anderen Menschen auch Angst vor Repressalien.“ Für die Polen begann eine lange Zeit, in der sie sich nur im engsten Bekanntenkreis zu ihrer Identität bekennen konnten. Viele siedelten ins kommunistische Polen um, als es die Möglichkeit dazu gab. Czeslaw Niemen, einer der bekanntesten Rocksänger in der Volksrepublik, gehörte mit seiner Familie zu denen, die aus den Ostgebieten stammten. Er gab sich den Künstlernamen „Niemen“ (die polnische Bezeichnung für den Fluss Memel), um an die alte Heimat zu erinnern. Weronika dagegen blieb in Skidal, obwohl man selbst ihrem Sohn nach dem Besuch der Marineschule erklärte: „Deine
Mutter ist eine Banditin, deshalb lassen wir dich niemals mit einem Schiff ins Ausland fahren.“
Erst als Gorbatschows Perestroika begann, lockerten sich die Zügel. Unter Stanislau Schuschkewitsch, der nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1991 Präsident des unabhängigen Weißrussland war, wurden katholische Kirchen wieder geöffnet. Die etwa 400 000 Angehörige umfassende polnische Minderheit, die sich im Westen des Landes konzentriert, durfte eigene Verbände gründen und Zeitungen auf Polnisch herausgeben.
„Wir kümmern uns um die Gräber unserer Angehörigen, begehen sämtliche polnischen Feiertage und haben Uniformen der Heimatarmee. Diese tragen wir am Tag der Streitkräfte, dem 15. August“, berichtet Weronika Sebastianowicz. Seit einigen Jahren leitet sie als „Hauptmann“ die „Gesellschaft der ehemaligen Soldaten der Heimatarmee“, die von den alten Kämpfern ins Leben gerufen wurde. Da diese und andere Organisationen auch vom seit 1989 nichtkommunistischen Polen unterstützt werden, sah Schuschkewitschs Nachfolger Aleksander Lukaschenko in ihnen eine zunehmende Gefahr für seine Herrschaft, die seit 1994 anhält. Er spaltete die Minderheit und fördert gezielt eine regime-treue Organisation, die von dem Präsidenten auch schon mal leutselig, aber auch verräterisch als „meine Polen“ bezeichnet wurden.
Die unabhängigen Organisationen sind dagegen immer stärkeren Repressalien ausgesetzt. „Unsere Versammlungsräume wurden besetzt, das Mobiliar beschlagnahmt. Jüngere Menschen als ich werden wegen Nichtigkeiten verhaftet, oder man drängt ihre Firmen, sie zu entlassen“, berichtet die Polin. Im vergangenen Jahr wurde die Hochbetagte tatsächlich noch einmal von der Polizei verhaftet und für mehrere Stunden festgehalten. Sie hatte das Wochenblatt „Glos znad Niemna“ (Stimme von der Memel) verteilt, das offiziell nicht verkauft werden darf.
Auf die Frage, ob sie vielleicht die Hoffnung habe, dass die früher zu Polen gehörenden Gebiete noch einmal zum polnischen Staat kommen, gibt die 80-Jährige eine klare Antwort: „Die Grenzen zu ändern ist nicht unser Anliegen. Wir wollen nur frei unsere Meinung sagen und uns zu unserer Heimat bekennen können.“
Als die alte Kämpferin jetzt in Slubice von ihrem Leben berichtete, da glänzten die Augen vieler Zuhörer. Und es hatte fast den Anschein, als beneideten viele die Frau, die wie viele frühere Generationen von Polen noch immer für die Ehre des Landes kämpft. Schüler aus Slubice sammelten Spenden für ihre Landsfrau und deren Mitstreiter. Von polnischen Politikern erhielt sie schon manche Orden, die Fans der Fußballmannschaft „Legia Warschau“ schenkten ihr einen Schal des Klubs. „Ich war eine Polin und werde immer eine bleiben“, verkündet sie stolz.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 16.08.2011