Spurensuche am Ostwall

Vergängliche Geschichte: Das sowjetische Denkmal im einstigen „Regenwurmlager“ der deutschen Wehrmacht ist auch nur noch Spielpl
Brücke, die sich drehen lässt: Die Geschichtsstudentin Marta Szagzdowicz macht ein Praktikum bei Matthias Diefenbach

Ein früherer Viadrina-Student organisiert Reisen zu geheimnisvollen und interessanten Orten östlich der Oder

„Heimatreisen“ ist der Name eines ungewöhnlichen Reisebüros, das Touren in die früher deutschen Gebiete östlich der Oder anbietet. Unterwegs vermischen sich deutsche und polnische Geschichten.
Kleine Seen und dichte Wälder prägen die Gegend zwischen Sulecin (Zielenzig) und Miedzyrzecz (Meseritz). Zwei Städten, die 55 beziehungsweise 80 Kilometer östlich von Frankfurt liegen. „Nach dem Ersten Weltkrieg verlief hier der westlichste Teil der damaligen deutsch-polnischen Grenze“, weiß Matthias Diefenbach zu berichten. Der 41-Jährige ist mit Karten von einst und heute unterwegs, vergleicht immer wieder die alten deutschen mit den heutigen polnischen Namen und Straßen.
„Da hinten sind die ersten Bunker, und hier links durch den Wald geht es zu einer Drehbrücke“, sagt er geheimnisvoll. Tatsächlich gelangen wir nach zwei Kilometern auf einem schmalen Waldpfad zu einer Brücke mit einer großen Kurbel. Die ließ sich einst bewegen, so dass die Brücke quer gestanden hätte und un-passierbar geworden wäre. Doch die Tür unter der außergewöhn-lichen Anlage ist verschlossen. „Schade“, bedauert unser Tourführer, „beim letzten Mal konnte ich noch rein und die riesigen Zahnräder zeigen“.
Kilometerlange unterirdische Bunker, riesige Panzersperren aus Metall, Drehbrücken und angestaute Seen, deren Inhalt für künstliche Flutungen gedacht war – „all diese Dinge gehörten zum Oder-Warthe-Bogen“, erläutert Diefenbach. Das war eine etwa 100 Kilometer lange Verteidigungsanlage, die Ende der 1920er-Jahre erdacht und gebaut wurde. Als „Ostwall“ ging sie in die Geschichte ein, in Anlehnung an den „Westwall entlang der Grenze zu Frankreich.
Der ehemalige Viadrina-Student führt uns auch ins „Regenwurmlager“ (heutiger Name: Keszyca Lesna). Das war ein mitten im Wald gelegener Wehrmachtstützpunkt, in dem auch indische, belgische und andere ausländische Truppen ausgebildet wurden. Nachdem 1945 zunächst die polnische Armee hier einzog, entstand in den 1950er-Jahren ein Lager der sowjetischen Armee, das später auch für die in der Nähe stationierten Atomwaffen zuständig war. Heute ist es eine etwas heruntergekommene, aber idyllisch gelegene Wohnsiedlung.
Die Touren, die Diefenbach in Kooperation mit der Frankfurter Volkshochschule anbietet, sind spannend, „weil sich Geschichten miteinander verbinden lassen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben“. Er selbst ist zwar geborener Münchener, hat aber eine Affinität zur Region, denn seine Vorfahren stammen von hier. Zudem ist er mit einer Polin verheiratet, die er sinnigerweise in Frankreich kennengelernt hat.
In diesem Monat bietet „Heimatreisen“ Tagestouren in die Vogelrepublik bei Slonsk (Sonnenburg), an den Ostwall sowie eine Kanutour auf der Oder von Slubice bis Küstrin an. Im Oktober geht es dann zum Dinosaurierpark nach Nowiny Wielkie. Unterwegs wird öfter Halt ge-macht, um die Geheimnisse am Wegesrand zu erkunden.
Mehr unter Telefon: 0335 2802358 oder: www.heimatreise.eu

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.heimatreise.eu/presse/moz/
Veröffentlichung/ data publikacji: 05.09.2011