Die Wiederherstellung der Erinnerung

Der Künstler ist für den Beamten ein Niemand. „Partner werden Sie dann für uns sein, wenn Sie einen Verein gründen", musste sich Andrzej Łazowski, ein Stettiner Fotograf, anhören. So entstand der Verein CPT „Czas Przestrzeń Tożsamość" (Zeit Raum Identität), der sich seit rund vier Jahren für das deutsch-polnische Grenzgebiet einsetzt.

Das Ziel, den Bewohnern des Grenzgebietes zu ermöglichen, sich kennen zu lernen und auf diese Weise einander näher zu kommen, erinnert ein wenig an das Flicken eines Loches im zerrissenen Stoff. Die Staatsgrenze hat die Menschen so hart getrennt, dass noch viele Jahre und Anstrengungen notwendig sein werden, ehe diese einst künstlich geteilte Region im allgemeinen Bewusstsein wieder anfangen kann, als Ganzes zu funktionieren. Die nach 1945 entstandene Künstlichkeit und die Tatsache, dass die „Freundschaftsgrenze" in Wirklichkeit eine geschlossene oder sogar feindliche Grenze war, haben bewirkt, dass "Polen und Deutsche immer noch nebeneinander her und nicht miteinander leben", sagt der Vereinsvorsitzende Łazowski. "Wir treffen uns hier selten zu geselligen Anlässen, und noch seltener freunden wir uns an."

Geschichte, die für beide Seiten schwierig ist

Das gegenseitige Kennenlernen wird vor allem durch fehlendes Wissen übereinander und auch über die Orte erschwert, in die es die Polen nach dem Krieg verschlagen hat. Aus dem Bedürfnis heraus, vergessene Orte wiederzuentdecken, entstand unter den Mitgliedern von CPT die Idee, eine Reihe von Publikationen herauszugeben, die den "Heimatorten" im deutsch-polnischen Grenzgebiet gewidmet sind. Bisher sind fünf zweisprachige Bände erschienen: Jasienica – Jasenitz, Stolec, Rzędziny, Łęgi – Stolzenburg, Nassenheide, Laak, Nowe Warpno – Neuwarp, Szczecin-Skolwin – Stettin-Scholwin und Swobnica. Wildenbruch. Jeder der beschriebenen Orte hat seine guten Tage seit langem hinter sich. Die Autoren der Publikationen haben sich jedoch entschlossen, aus ihnen das Außergewöhnliche herauszuholen. Zu zeigen, dass das Schloss in Swobnica/Wildenbruch nicht immer eine Ruine war, obwohl viele der Einheimischen es nur als Ruine kennen, und dass in Skolwin/Scholwin, einem vergessenen Stadtteil Stettins, der heute als Symbol von Armut und Verkommenheit gilt, früher das Leben pulsierte. „Wir schreiben Bücher, die sowohl für die Orte, in die wir kommen, als auch für die dort lebende Bevölkerung schwierig sind", sagt Łazowski. „Es ist nicht leicht, über eine schmerzhafte und manchmal auch schamhaft verschwiegene Geschichte zu reden." Das Misstrauen der Einwohner lässt sich ganz allmählich abbauen. „Vertrauen zu gewinnen, braucht seine Zeit", räumt der Fotograf ein. „Aber schließlich beginnen sich die Leute zu öffnen, ihre Familiengeschichten zu erzählen, Fotos aus Schubladen oder Alben herauszuholen. Die Deutschen auch solche, die sie in Wehrmachtsuniformen zeigen."

In vielen Fällen haben die Ergebnisse die Erwartungen der Autoren übertroffen. Ein großes Echo rief, besonders unter der einheimischen Bevölkerung, das Buch Nowe Warpno. Neuwarp. von Wojciech Łopuch hervor. Seine Herausgabe wurde von zwei Fotoausstellungen begleitet. Die erste stellte unter dem Titel „Nowowarpianie" (Die Neuwarper) Porträts der jetzigen Bewohner der Kleinstadt vor. Die zweite, „Neuwarp gestern", setzte sich aus alten Fotos zusammen, die hauptsächlich aus den Fotoalben der jetzigen wie auch der Vorkriegsbewohner Neuwarps stammten.

Vergangenheit, die verbinden kann

„Diese beiden Geschichten, die von Neuwarp und die von Nowe Warpno, sind vermutlich zum ersten Mal in dieser Ausstellung und dann in dem Buch zusammen gekommen. Und obwohl manche Daten, die die Bilder begleiten: 1939, 1942, 1945, 1946, 1947, sowie Flaggen, Uniformen und Porträts die dramatische Unterschiedlichkeit der Schicksale der mit Neuwarp verbundenen Deutschen und Polen bewusst machen, erinnern doch wiederum die Fotos der Fischer bei der Arbeit im Hafen oder der Bootsbauer auf der Werft, die im Winter das Eis in den Kühlraum schaffen, ja selbst die sehr lebendigen Szenen in einigen Restaurants daran, dass die einen wie die anderen „wenn auch zu verschiedenen Zeiten auf denselben Höfen aufgewachsen sind und gespielt haben, auf denselben Straßen zur Schule gelaufen sind, sich auf ähnliche Weise ihr tägliches Brot verdient haben, und sich wegen der gleichen Wetterumschwünge und Flutwellen gesorgt haben, die aus demselben Stettiner Haff herankamen", schreibt Andrzej Łazowski in der Einleitung zum Buch.

Die Autoren der Reihe haben am eigenen Leib erfahren, wie die Herausgabe eines solchen Buches die Einwohner aufwertet, eine Identität zu bilden hilft und zugleich „besonders unter der Jugend" Interesse an der Geschichte weckt. „Gleich nach der Veröffentlichung des Buches 'Nowe Warpno. Neuwarp.' fragten mich zwei junge Beamtinnen nach Vorkriegsfotos der alten Häuser, in denen sie wohnen", sagt Andrzej Kotula, ein Mitglied von CPT und zugleich stellvertretender Bürgermeister von Nowe Warpno. „In vielen Häusern ist dieses Buch das einzige, das nicht nur im Regal steht, sondern auch gelesen wird."

All diese deutsch-polnischen Initiativen gäbe es nicht, wenn die Leute des Grenzlandes nicht wären. Die Liste der Freunde von CPT ist lang. Der Stettiner Historiker Professor Jan Maria Piskorski, die Journalisten von beiden Seiten der Grenze, Matthias Dickhoff und Robert Ryss, der Hobbyhistoriker Andrzej Kowalik aus Trzebież / Ziegenort, die Mitglieder des Europahauses Angermünde, der Brandenburger Deutsch-Polnischen Gesellschaft und des Vereins Polenmarkt sind nur einige von ihnen. CPT wird auch von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit sowie dem Landeskonservator der Wojewodschaft Westpommern unterstützt.

Der Abbau der Grenzen

Am sichtbarsten wurde das Engagement des CPT-Vereins und seiner Partner für das Zusammenwachsen der Region bei der Aktion "Grenzen abbauen". Am 21. Dezember 2007, dem Tag des Beitritts Polens zum Schengenraum, beseitigten Deutsche und Polen zwischen dem Dorf Rieth und Nowe Warpno gemeinsam den Grenzzaun auf der alten Eisenbahnbrücke. Damals, im Sommer 1945 fuhren dort noch Züge, bis deutsche Kriegsgefangene unter der Aufsicht sowjetischer Soldaten die Gleise herausrissen. Seitdem teilte die Brücke die Bewohner des Grenzgebietes, anstatt sie zu verbinden. Initiativen zur Annäherung dieser beiden Nachbarorte gab es schon vorher. Seit etlichen Jahren findet an der Brücke, immer am 1. Mai, ein ökumenischer Feldgottesdienst statt, und anschließend werden mal in Rieth, mal in Nowe Warpno deutsch-polnische Grenzfeste gefeiert. Die Bewohner hatten sich erkämpft, dass die Brücke an diesem Tag einige Stunden lang als Grenzübergang diente. Doch erst seit dem 21. Dezember kann man endlich die Grenze an dieser Stelle frei überqueren.

Positive Beispiele zeigen

Die Aufgabe, die Erinnerung zu pflegen, taucht immer häufiger auch in anderen Initiativen des Vereins auf. Im September 2007 wurde vor dem Gebäude des Stettiner Magistrats eine Fotoausstellung mit dem Titel „Die Mütter der Solidarność" aufgebaut. Dabei wurden Porträts von Frauen gezeigt, die jahrelang „im Hintergrund" den Kampf um die Freiheit Polens mittrugen. Ohne diese Ausstellung hätten viele Stettiner niemals erfahren, wer die „Mütter der Solidarność" waren und was sie ihnen zu verdanken haben. „Es ist erschreckend, wie lange niemand ihre Geschichte gezeigt hat, wie viele Jahre dieses Potenzial, das in der Zurückgezogenheit des eigenen Hauses für die Freiheit kämpfte, unbekannt blieb", sagt Łazowski, der Autor der Bilder. „Die Mütter der Solidarność" sind heute in Vergessenheit geraten, dabei waren sie es, die oft die schwierigste und undankbarste Arbeit auf sich nahmen. Sie mussten Texte abschreiben, sich mit dem Vertrieb beschäftigen, einen Gesuchten verstecken und "nicht selten auf sich allein gestellt die Bürde des Alltags bewältigen."

Paradoxerweise hat eine andere Ausstellung zum Entstehen dieser Ausstellung beigetragen Die „Gesichter der Staatssicherheit", organisiert vom Institut für Nationales Gedenken. „Wir wissen, wie wichtig es ist, zu betonen und zu zeigen, dass die Staatssicherheit aus Menschen bestand und nicht aus einer anonymen Masse. Aber etwas ins uns lehnt sich dagegen auf. Wieder werden diejenigen geehrt, die das System gestützt haben", schrieben später auf der Internetseite des Vereins dessen Mitglieder Andrzej Łazowski und Antoni Sobolewski. „Wir können uns nicht daran erinnern, ob das Institut für nationales Gedenken in Stettin die Opfer jener 'Systemstützen' auf diese Weise geehrt haben. Ob mit einem solchen Aufwand an Kräften und Mitteln diejenigen gezeigt wurden, denen wir die heutige Freiheit zu verdanken haben. Wir brauchen ein Gegengewicht. Es ist an der Zeit, die positiven Beispiele zu zeigen!"

Deshalb zieht sich das „Zeigen der positiven Beispiele", neben der Pflege der Erinnerung, durch die gesamte Tätigkeit von CPT. So war es auch der Verein, der auf die Kandidatur dreier von fünf Personen hingewirkt hatte, die in den letzten Jahren zu „Ehrenbürgern der Stadt Stettin" ernannt wurden, nämlich von Władysław Bartoszewski, Aleksander Wolszczan und Gerard Labuda. Eine ähnliche Dimension hat ebenfalls die 2007 initiierte Aktion der Anpflanzung von „Erinnerungsbäumen" auf dem Stettiner Zentralfriedhof, gewidmet denjenigen, die fast ihr gesamtes Leben lang mit Stettin verbunden waren, doch deren sterbliche Überreste auf keinem der Friedhöfe der Stadt ruhen.

Aus dem Polnischen von Ulrich Heiße
Monika Stefanek, Journalistin bei Głos Szczeciński, arbeitet unter anderem mit dem Neubrandenburger Nordkurier zusammen.

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