Nowe Warpno: Pfingstsonntägliche Begegnung zwischen Deutschen und Polen

NOWE WARPNO: POLSKO-NIEMIECKIE ZIELONOŚWIĄTKOWE POJEDNANIE

Pfingstsonntag, am Haff. Sonne, Sonne und überall gute Laune. Richtiges Kaiserwetter, ein Wetter wie geschaffen, um sich auf die Suche nach Altbekanntem und Neuem zu machen. Zum ersten Male hatten die deutschen, ehemaligen Bewohner Neuwarps ihren Besuch in der alten Heimat, dem polnischen Nowe Warpno auf den Sonntag gelegt. Der Wunsch dazu war von den heutigen polnischen Bewohnern gekommen, ist doch der Pfingstmontag in Polen ein ganz normaler Arbeitstag und lässt ihnen wenig Zeit für die zahlreich erscheinenden deutschen Gäste.

Und während irgendwo im fernen Bayern Sudetendeutsche und bayrische Ministerpräsidenten auf ihrem Heimattag das Trennende betonten, ging es am Haff ganz anders zu. Bürgermeister Władysław Kiraga aus Nowe Warpno hatte zum Mittagessen eingeladen, das schon traditionsgemäß in Podgrodzie zelebriert wurde. Anschließend gab es einen kleinen Spaziergag ans Haff, wobei nicht wenige der alten Neuwarper ihre alte Tanzgaststätte in Altstadt besuchten, von der heute leider kein Bier und keine Tanzmusik mehr zu erwarten sind. Eine eigens von den fernen Niagarafällen angereiste Teilnehmerin sprach allen aus dem Herzen, als sie sagte, „Ich bin glücklich meinem kanadischen Mann das zeigen zu dürfen. Ich bin hier groß geworden, habe hier mit meinem Bruder gespielt. Und heute habe ich hier, auch beim Essen soviel Wärme erfahren, alle waren freundlich und zuvorkommend“.

Zurück ging es von Altstadt mit dem Bus in die Stadt. Hier in der Kirche zu Nowewarpno trafen Neuwarper und Nowewarpner zusammen. Leider war es nicht gelungen die gute Tradition des Grenzfestes aufzugreifen und einen ökumenischen Gottesdienst gemeinsam vorzubereiten, weshalb der Luckower Pfarrer Wulf Gaster die evangelische Liturgie rein deutsch und alleine hielt. Für die polnischen und katholischen Teilnehmer eine schwere Prüfung ihrer Toleranz. So unterbreitete Gemeindepfarrer Krzysztof Tracz für die Zukunft den Vorschlag, im Vorfeld eine zweisprachige und ökumenische Liturgie zu erarbeiten, um auch in geistlicher Hinsicht beiden Teilnehmergruppen gerecht zu werden. Er betonte aber auch, dass selbst ohne eine solche, sicherlich aufwendige Vorbereitung, die evangelischen Neuwarper immer einen Platz in der Kirche finden werden.

Wie in den vergangenen Jahren so wurden auch auf diesem 5. gemeinsamen Pfingsttreffen Bilanz über gemeinsam Erreichtes gezogen und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Andrzej Kotula, der seit Jahren in der kleinen Stadt am Haff lebt und gemeinsam mit Ruth Henning die beiden Warps an einen Tisch gebracht hatte, erinnerte an die Bilderausstellung „Neuwarp gestern“, zu deren Entstehung alte wie heutige Bürger ihre privaten Erinnerungsphotos beisteuerten. Damit erhielt die Stadt ihre Geschichte zurück und viele Geschichten und Gesichter wurden wieder lebendig. Auch die im vergangenen Jahr erstmals veröffentlichte, zweisprachige Chronik des Ortes war ein solcher Meilenstein in der Suche nach der Heimat vor und nach 1945.

Doch Erinnerung kann auch Brücken in die Zukunft bauen, wie Andrzej Kotula betonte. Die Stadt, die Stadtwerke, die Forst und nicht zuletzt die Schüler und Lehrer der Schule in Nowewarpno haben in diesem Jahr begonnen, die alten, in den kommunistischen 70er Jahren zerstörten deutschen Friedhöfe wieder her zu richten. Auf den ersten beiden, in Nowewarpno und Karczno (Albrechtsdorf) wurden bereits vier Meter hohe Holzkreuze errichtet. Die Friedhöfe in Warnoleka (Wahrlang) und soweit das möglich sein wird, auch in Brzozki (Althagen) werden folgen. „Wer ein Kreuz sieht, der weiß, dass dies ein besonderer, ein Ort der Erinnerung sein muss. Aber noch fehlt die Information, noch fehlen die Namen derer, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Die Namen eurer Vorfahren, eurer Familienangehörigen. Deshalb möchten wir euch bitten, entscheidet ihr wie, in welcher Form wir gemeinsam eurer Familien und eurer Toten gedenken wollen.“ So lautete die Botschaft aus der Erinnerung in die Zukunft. Damit Schüler und Lehrer des polnischen Nowe Warpnos einmal stolz werden sagen können, wir haben mitgeholfen, den Toten ihre Ruhe wieder zu geben, damit wir in Frieden leben können.

Viel Arbeit kommt da auf die alten und neuen Warper in den nächsten Monaten zu. Arbeit und Erinnerung, um den verwilderten Orten wieder ihren sakralen Geist zurückzugeben. Und schon auf dem Weg zurück zum Schiff, dass die Heimatfreunde Stadt Neuwarp wieder nach Deutschland brachte, hörte man sie diskutieren. „die alte Frau Döring die muss so um 43 gestorben sein und die Familie meiner Urgrossmutter, auch die müssen doch hier beerdigt sein...“

Bürgermeister Kiraga verabschiedete die deutschen Gäste mit den Worten, im nächsten Jahr, am Pfingstsonntag mit Kindern und Enkelkindern wieder zu kommen, denn am gemeinsamen Tisch in Nowewarpno finden sie alle Platz.

Mathias Enger, Szczecin
enger(at)radio.szczecin.pl

Audio: http://transodra-online.net/de/node/1668

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 12.05.2008