Wo die Erinnerung nachwächst

Am 74. Jahrestag der Pogromnacht weiht Eberswalde auf dem Areal der einst gebrandschatzten Synagoge eine ungewöhnliche Skulptur ein. Hinter Mauern sollen dort Bäume das jüdische Gotteshaus über die Jahre symbolisch sichtbar werden lassen.
Es waren die eigenen Mitbürger, die – wie in vielen anderen Städten des Deutschen Reiches – in jener Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zu Tätern wurden. Eberswalder, die die wahnhafte Rassenideologie der Nationalsozialisten für bare Münze genommen hatten und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde nun unvorstellbares Leid zufügten. Als die Synagoge der Stadt in Flammen aufging, schauten dieselben Anwohner, die sieben Jahre zuvor das Feuer nach einem Blitzeinschlag im jüdischen Gotteshaus noch gelöscht hatten, einfach zu. „In den Zeitungen“, erzählt Brigitta Heine, Leiterin des Barnimer Kreisarchivs, „ist später nur eine kleine Meldung erschienen, in der hervorgehoben wurde, dass es gelungen sei, das Übergreifen des Brandes auf umliegende Gebäude zu verhindern.“
Noch erinnert in Eberswalde an das, was damals geschah, nur eine aus den Sechzigerjahren stammende Bronzetafel. Wenn am kommenden Freitag, dem 74.Jahrestag der Pogromnacht, auf dem Areal der gebrandschatzten Synagoge die Skulptur „Wachsen mit Erinnerung“ eingeweiht wird, haben Brigitta Heine, der inzwischen pensionierte Sparkassen-Vorstand Josef Keil und ihre Mitstreiter mehr erreicht, als sie je zu hoffen wagten. Ohne den Einsatz ihrer Bürgerinitiative „9. November“ würde sich das Gedenken an die dem Rassenwahn des Nationalsozialismus zum Opfer gefallenen Juden Eberswaldes vermutlich weiter auf den einmal pro Jahr zelebrierten feierlichen Kranzabwurf beschränken.
Anfangs war es den Verfechtern einer tiefgründigeren Beschäftigung mit dem dunkelsten Kapitel der städtischen Geschichte vor allem darum gegangen, das Grundstück des einstigen jüdischen Gotteshauses ansehnlicher zu gestalten. Wo sich bis zum Beginn ihrer systematischen Verfolgung und Ermordung weit mehr als 500Mitglieder einer lebendigen jüdischen Gemeinde zum Gebet getroffen hatten, standen mittlerweile Baracken der Hochschule und Garagen der Polizei.
„Wäre es nicht wunderbar“, träumte Josef Keil vor fünf Jahren, „wenn von Eberswalde aus folgende Nachricht in alle Welt ginge: Getragen vom Bürgerwillen, wird das Synagogengrundstück von unwürdiger Bebauung befreit, es wird einer Gedenkstätte entsprechend gärtnerisch hergerichtet, mit Bänken versehen und würdig eingefriedet.“ Sein christlicher Glaube und sein Gerechtigkeitssinn hätten ihn bewogen, sich in Sachen Synagoge Verbündete zu suchen, begründet Keil seinen Einsatz.
Neben der Verwahrlosung des Areals hatte ihn vor allem auch der Wortlaut der Gedenktafel zum Handeln bewegt. „Die Diktion zeugt von der nachlässigen Übernahme in Diktaturen üblicher Begriffe. Da werden die Kristallnacht und der faschistische Mob erwähnt.“ Dabei habe es sich um ein Pogrom gehandelt, eine Ausschreitung gegen nationale, religiöse oder rassische Gruppen. Die Brandschatzung sei nicht von ein paar dummen Nazis, sondern aus der Mitte einer verblendeten Gesellschaft heraus verübt worden.
Dass seine Worte 2007 gehört wurden, zur Gründung der Bürgeriniative führten und einen Prozess auslösten, der immer mehr an Eigendynamik gewann, erfülle ihn heute mit unendlicher Dankbarkeit, gesteht Keil beim Blick zurück. Friedhelm Boginski, der Bürgermeister der Stadt, war es, der die Idee der Bürgerinitiative aufgriff und vorantrieb. Er hatte den Stadtverordneten vorgeschlagen, Workshops zu organisieren und in deren Ergebnis einen Gestaltungswettbewerb auszuloben.
Acht Büros aus ganz Deutschland – alle mit Erfahrungen im Bereich der Erinnerungskultur – waren dazu eingeladen worden. Zu den Aufträgen an die Künstler zählte dabei vor allem, „sinnentleerte Gedenkrituale“ zu vermeiden und zur Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in der Pogromnacht 1938 anzuregen.
In der Findungsgruppe, die über die Entwürfe beriet, hatte neben Vertretern der Bürgerinitiative und dem Bürgermeister auch Peter Fischer vom Zentralrat der Juden in Deutschland Sitz und Stimme. Überzeugen konnte am Ende die Skulptur „Wachsen mit Erinnerung“ von Horst Hoheisel aus Kassel und Andreas Knitz aus Ravensburg, deren mehrfach preisgekrönte Arbeiten sich häufig mit dem Nationalsozialismus befassen. Eine davon ist das Ravensburger „Denkmal der grauen Busse“, gewidmet den Opfern des sogenannten Euthanasie-Programmes in psychiatrischen Kliniken 1940/41.
Für Eberswalde haben Hoheisel und Knitz eine Baumsynagoge konzipiert, die auf dem 23 Meter langen und 16 Meter breiten Grundriss des ehemaligen jüdischen Gotteshauses entsteht. 20 Mauerteile, je 2,50 Meter hoch und ohne Türen und Fenster, umschließen einen unzugänglichen Innenraum, in dem Bäume gen Himmel wachsen.
„Der Hain zeichnet über die Jahre langsam den Baukörper der Synagoge nach“, erklärt Horst Hoheisel das Konzept. Und Andreas Knitz ergänzt: „So schaffen wir ein Denkmal, das unvollendet bleibt – so wie unsere Auseinandersetzung mit der Geschichte ja auch nie zu einem Schlusspunkt kommt.“
Der Siegerentwurf sei ein Geniestreich, findet Bürgermeister Boginski. Hoheisel und Knitz hätten die schwierigen Vorgaben des Wettbewerbes „alles andere als brav, ja durchaus provokant umgesetzt“.
Tatsächlich ist über die Baumsynagoge in Eberswalde hitziger als über alle anderen Bauvorhaben diskutiert worden. Vor allem die Mauer ohne Türen und Fenster war und ist umstritten. Zeitweilig machte sogar eine Bürgerinitiative „Keine Mauer“ von sich reden.
Mittlerweile jedoch ist in der Stadt die Einsicht gewachsen, dass die Skulptur einen bewussteren Umgang mit dem Gedenken an die Pogromnacht ermöglichen kann und dabei trotz ihres unerreichbaren Innenraumes niemanden ausgrenzen soll.
In den fünf Jahren von der ersten Idee bis zur Einweihung der Skulptur haben die Eberswalder eben viel über die Vergangenheit gesprochen. „Auch das“, sagt Friedhelm Boginski, „ist schon ein Gewinn.“

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Veröffentlichung/ data publikacji: 03.11.2012