Ohne Bindestrich gehts auch

In den Landratsämtern der Grenzregion herrscht Hochbetrieb. „Wir mussten heute schon den Nummernautomaten abstellen, sonst wären wir des Ansturmes nicht Herr geworden“, sagte am Dienstagmittag eine Mitarbeiterin der Kfz-Zulassungsstelle in Pasewalk. Grund ist nicht etwa ein Geldsegen der den Vorpommern zu neuen Autos verholfen hätte, sondern die pure Angst vor einem Strafmandat im nahen Polen. „Saftiges Bußgeld für Autofahrer – Erst in Italien und Österreich, jetzt auch in Polen: Autofahrer werden abkassiert, weil in den Fahrzeugpapieren ein Bindestrich in der Autonummer vermerkt ist. Bis zu 500 Euro sollen verlangt worden sein“ titelt der Nordkurier am Samstag, den 3. November 2012. Weiter liest man: „In Stettin angehalten und abkassiert – für einen Bindestrich. ... Zwischen 50 und 500 Euro haben polnische Polizisten demnach verlangt. Und das nur deshalb, weil im Kfz-Schein noch ein Bindestrich zwischen die Buchstaben der Autonummer gedruckt ist, während die EU-Kennzeichen keinen solchen Trennstrich enthalten.“ Nach Informationen dieses Artikels habe die Anklamer Polizei von den Stettiner Kollegen die Auskunft erhalten, dass es sich bei so ausgestellten Fahrzeugpapieren um eine Ordnungswidrigkeit handele und die könne mit bis zu 500 Zloty geahndet werden.

Die Unruhe unter den Vorpommern ist also verständlich. Erst war es die grüne Versicherungskarte, dann der Feuerlöscher, danach die Warnwesten, die polnische Polizisten bei deutschen Autos für jeden Sitz forderten und jetzt der Bindestrich: Verunsicherung und Hilflosigkeit machen sich breit. Menschen mit Zeit und gerade die fahren nicht selten zum Einkauf über die Grenze, wollen da lieber vorbeugen und suchen deshalb zu hunderten die Zulassungsstellen auf. Auf dem Flur herrsche nicht gerade eine Polen freundliche Stimmung, hört man aus dem Landratsamt und Worte wie „Abzocke“ sind da wohl eher eine sanfte Meinungsäußerung.

Der Pressesprecher des Landratsamtes, Achim Froitzheim, erklärt, dass sich, trotz mehrerer Aufrufe, bislang noch kein Geschädigter mit einer Quittung für ein in Polen wegen des Bindestriches gezahltes Strafmandat gemeldet habe. Das ist bedauernswert, denn auch die polnischen Behörden suchen dringend nach einem Hinweis, wer, wann und wofür genau einem deutschen Autofahrer den Bindestrich in Rechnung gestellt haben soll. So ist Przemyslaw Kimon, Leiter der Pressestelle der Woiwodschaftspolizei in Stettin bei einer telefonischen Nachfrage äußerst verwundert über die Nachricht von Strafmandaten in diesem Fall und der Dienststellenleiter der Polizei in Mierzyn, dessen Beamte für den Bereich zwischen Stettin und Grenze zuständig sind, erklärt deutlich, von seinen Beamten sei nicht ein Strafmandat aus diesem Grunde an deutsche Bürger ausgestellt worden. Allerdings, so erklärte er am Telefon, wisse er nicht, was die Verkehrspolizei gemacht habe. Also geht der nächste Anruf in diese Richtung. Es antwortet der Kommandant der polnischen Verkehrspolizei in Stettin, Grzegorz Sudakow. Seine Stellungnahme lässt keine Zweifel zu. Jeder deutsche Autofahrer, der ein solches Strafmandat vorlege, erhalte umgehend sein bezahltes Geld zurück. Der zusätzliche Bindestrich sei kein Verstoß gegen die polnischen Verkehrsvorschriften, also auch nicht strafbar.
Darüber habe er aber bereits am vergangenen Donnerstag die Kollegen in Anklam informiert und er habe seinem Schreiben noch die Information hinzugefügt, dass Bußgelder in Polen abhängig von der Ordnungswidrigkeit, zwischen 50 und 500 Zloty betrügen. Polnischen Polizisten sei es nicht gestattet Bußgelder in Euro zu verhängen oder zu kassieren. Das hatte bereits Kimon klargestellt, der sagte, dass jedes in Euro kassierte Strafmandat eine Straftat darstelle und verfolgt werde, sobald dies durch einen Beleg oder durch Zeugenaussagen bewiesen werden könne.

Unterdessen titelt der Nordkurier online in einem weiteren Artikel vom 6. November „Bevölkerung verunsichert - Polnische Botschaft: Keine Strafe für Strich in Kfz-Zulassung – Der Volkszorn kocht hoch, und die Zulassungsstellen erleben einen Ansturm“.

Doch weiterhin bleibt unklar, wer oder besser ob überhaupt jemand in Polen wegen eines solchen Deliktes belangt worden ist. Der Botschaftsrat aus Berlin merkte, laut Nordkurier an, er halte das Ganze für ein gezielt geschürtes Gerücht. Auch Achim Froitzheim wird in einer Pressemitteilung des Landkreises vom Dienstag zitiert mit den Worten: „Angesichts der Tatsache, dass wir eben bislang in dieser Sache keines polnischen Strafzettels angesichtig werden konnten, drängt sich langsam der Vergleich mit der berüchtigten Spinne in der Yukka-Palme auf: Jeder kennt mittlerweile jemanden, der in Polen angeblich ein Knöllchen wegen des überflüssigen Bindestrichs erhalten haben soll.“ Und auch er will mittlerweile einen gut angelegten Schildbürgerstreich großen Ausmaßes und mit erheblichen Folgen nicht mehr ausschließen.

Peter Weirauch, Chef der Zulassungsstelle in Pasewalk, sagte im Gespräch, es sei wirklich hilfreich wenn es von der polnischen Polizei oder Botschaft zur Klärung des Sachverhaltes eine offizielle Erklärung geben würde, die man den hunderten von Besuchern seines Amtes an die Hand geben könne. Die Pressestelle der Stettiner Polizei hat diese Bitte erhalten. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kollegen unserer Zunft nicht noch weiteres Öl ins Feuer gießen, sondern klar informieren. Wir warten auf die Fortsetzung.

siehe auch: http://www.grenzland24.info

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.pogranicze24.info/index.php?option=com_content&vi...
Veröffentlichung/ data publikacji: 07.11.2012