Windjammer auf der Oder - Stettins Fest der Segler

Windjammer auf der Oder - Stettins Fest der Segler

Stettin am kommenden Wochenende: Masten und Segel bestimmen die Stadt. „The Tallships Races“ endet in der Hafenstadt an der Oder. Die Stadtväter rechnen mit über 2 Millionen Besuchern. Seit Tagen bereits sind die Strassen an der Oder und rund um die Hakenterasse gesperrt. Bühnen werden gebaut, Verkaufsstände, Würstchenbuden und Plastiktoiletten. Zwischen den beiden Hauptbrücken über die Oder entstand eine Pontonbrücke für Fußgänger, die „Lustige Stadt“ wie man Jahrmarkt auf Polnisch nennt, breitet sich auch auf der Lastadie noch aus. Kurz, es ist was los in Szczecin und wer Lust hat, der sollte sich das nicht entgehen lassen.

Im Mittelpunkt dieses Wochenendes aber stehen die eigentlichen Helden des Tallships Races. 7000 junge Menschen aus 31 Nationen, die seit dem Start der Regatta im dänischen Aarhus vor einem Monat an Bord der Segler um die Ehre eines Sieges kämpften. Von Dänemark startete die erste Regatta bis in die finnische Hauptstadt Helsinki. Auf dieser Strecke war vor allem Geduld gefragt, wollte der Wind doch einfach nicht arbeiten. Dann ging es, als Cruise in Company, quer über den Meerbusen nach Riga. Viele Jugendliche nutzten diese Chance, um neue Eindrücke zu machen und einmal auf einem anderen Schiff, unter anderer Flagge Freundschaften zu schließen. Von Riga aus dann startete die zweite Regatta, die in diesen Tagen auf der Reede von Swinemünde ihre Ziellinie hat. Zur Siegerehrung laufen die Segler über das Haff bis nach Stettin. Das große Fest der Windjammer wird bis zum 6. August andauern und an die 100 Schiffe der Regatta werden an diesen Tagen im Stettiner Hafen für Leben sorgen.

Gleich vor der Hakenterasse wird sich die älteste Teilnehmerin bewundern lassen, die 1914 gebaute und heute norwegische Dreimastbark „Staatsraad Lehmkuhl“. Daneben liegen zwei Schwestern, die polnische „Dar Mlodziezy“ und die russische „Mir“, beide in den 80er Jahren in Danzig als Vollschiffe gebaut. Die mexikanische „Cuauhtemoc“, eine ebenfalls in den 80er Jahren in Bilbao gebaute Dreimastbark und das brasilianische Vollschiff „Cisne Branco“, 1998 in den Niederlanden entstanden, aber auch die 1992 gebaute Stettiner Brigg „Frederik Chopin“ werden zu bewundern sein.

Auf der anderen Seite der Lastadie, am Bulgarien Kai, geht es nicht weniger ehrenvoll zu. Hier findet, neben den neuesten Windjammern, der 2011 gebauten deutschen Dreimastbark „Alexander von Humboldt II.“ und der im Jahre 2000 gebauten englischen Brigg „Stavros n Nierchos“ eine alte Dame ihren Platz, die sich in ihrem ersten Leben bereits einen Weltrekord verdient hat, die heute russische Viermastbark „Kruzenshtern“. 1926 wurde sie als letzte der Flying-P-Liner unter dem Namen „Padua“ gebaut. In ihrem ersten Leben fuhr sie mit Baumaterial von Hamburg nach Chile und Australien und kam mit Salpeter oder Weizen zurück. Ihre schnellste Reise, Hamburg – Chile – Australien, absolvierte sie in 8 Monaten und 23 Tagen, ein Rekord, den bis heute noch kein Windjammer übertroffen hat. Ende der 20er Jahre des damaligen Jahrhunderts, das war zugleich auch das Ende der Windjammer. Nur auf den großen Routen waren sie noch wirtschaftlich. Ihnen war mit der Dampfmaschine ein gewaltiger Konkurrent entstanden.

Gleich neben der „Kruzenshtern“ wird sich für eine kurze Zeit diese Konkurrenz zeigen. Am Samstagmittag und am Sonntagmittag wird der deutsche „Dampfeisbrecher Stettin“ hier seinen Liegeplatz beziehen. Diese alte Dame wird bis heute durch einen Verein von Freiwilligen in Hamburg als Museumsschiff in Fahrt gehalten. Von Hamburg nach Stettin, das sind mindestens 100 Tonnen Kohle, die von Hand in die beiden Kessel geschaufelt werden müssen. Aber der Verein hat Alles daran gesetzt, in diesem Jahr zum dritten Mal nach 1945 die einstige Heimatstadt des Dampfeisbrechers zu besuchen. Es ist das 80. Jahr im Leben der „Stettin“, die 1933 hier an der Oder für die Handelskammer der Hafenstadt gebaut wurde. Damals war sie der größte Eisbrecher der Stettiner Flotte. Heute ist sie in ganz besonderer Weise ein Zeuge der Stadtgeschichte. Das damalige Stettin war die Stadt der Dampfer. Hier wurden die schnellsten Dampfschiffe der Welt gebaut. Die vier Schornsteine der Dampfer aus Stettin wurden zum Vorbild für alle anderen Reedereien. Als Kaiserklasse des Norddeutschen Lloyd gewannen sie in der Transatlantikfahrt so manches Blaue Band. Zugleich wurden sie für Tausende von Pommern Hoffnung und Weg zu einem neuen Anfang, drüben in der Neuen Welt. Und sie besiegelten das Ende der Windjammer, denn der Wind kennt keinen Fahrplan und auch keine Warentermingeschäfte.

Den jungen Seglern die in diesen Tagen nach Stettin kommen, wird dies alles egal sein. Sie werden sich auch vom Trubel an Land nicht stören lassen, den Verkaufsbuden, oder dem riesigen Kinderprogramm. Vielleicht finden sie ein wenig Zeit den Shantykonzerten auf der Lastadie, oder der Popmusik an der Hakenterasse zu lauschen. Ganz bestimmt aber werden sie in kleinen Gruppen oder zu zweit von Schiff zu Schiff huschen, noch mal die neuen Freunde besuchen, gemeinsam an Deck singen, lachen und, ja auch weinen, denn Abschied fällt schwer, nach all diesen gemeinsam erlebten Tagen auf See.

Den vielen Sehleuten in Stettin wird es an nichts fehlen, außer vielleicht an Parkplätzen. Deshalb unser Rat, wer sich an diesem Wochenende dem Stadtzentrum nähern möchte, der sollte sein Auto bereits weit vorher stehen lassen. Am einfachsten ist es, wenn man von Gumience (Scheune), Glebokie (Glambeck) oder Pomorzany (Pommerensdorf) aus mit der Straßenbahn in die Stadt fährt. Für die 10 Stationen von der Endhaltestelle Gumience bis an die Oder benötigt die Tram etwa 18 Minuten. Da es Wochenende ist, kann man das Billet beim Fahrer kaufen. Allerdings sollte man die 3 Zloty schon recht passend zur Hand haben. Und auch wenn es ein wenig später werden sollte, brauchen sie sich keine Sorgen machen, die Straßenbahnen verkehren an diesem Wochenende bis 1 Uhr nachts und das alle 20 Minuten.

Noch besser wäre es vielleicht aber, gleich mit der Bahn nach Stettin zu fahren. Die Hakenterasse ist nur einen 20 minütigen Spaziergang vom Bahnhof entfernt. Und den kann man, völlig ungestört vom geschäftigen Treiben der Autos, ganz gemütlich über das neue, vor wenigen Tagen erst fertig gestellte Boulevard an der Oder entlang spazieren.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.grenzland24.info
Veröffentlichung/ data publikacji: 02.08.2013