Später Eklat um einen Filmstar

In Heinrich Georges Geburtsstadt Stettin sorgt eine Erinnerungstafel für heftige Proteste. Heinrich George (1893 – 1946), der während des „Dritten Reiches“ in Nazi-Propagandafilmen mitspielte, hatte eine überaus widersprüchliche Biographie. An dieser reibt sich gerade seine Geburtsstadt, das seit 1945 polnische Stettin.
Die alten Straßen im Herzen Stettins haben einen morbiden Charme. Unzählige Bürgerhäuser, an denen seit langem der Zahn der Zeit nagt, künden noch von der „Gründerzeit“. Von jenen Jahren an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, in denen die Stadt an der Oder zum Überseehafen für das nur 130 Kilometer entfernte Berlin und zum Zentrum des zivilen wie militärischen Schiffbaus geworden war.
Damals wurde hier Georg Heinrich Schulz geboren. Am 9. Oktober 1893 kam der Mann zur Welt, der unter seinem Künstlernamen „Heinrich George“ Karriere machen sollte. „Hier in einer Parterrewohnung der Burscherstraße 34 lebte die Familie. Georges Vater war Offizier der kaiserlichen Marine. Das Haus hat noch immer die gleiche Nummer, doch die Straße heißt jetzt ulica Lokietka.“
Justyna Machnik weiß viel über George zu berichten. Die einstige Rundfunkjournalistin koordiniert die Initiative „Kamienice Szczecina (Stettiner Wohnhäuser)“. Deren Ziel ist es, anhand von 13 deutschen und polnischen Persönlichkeiten, die einst in Stettin lebten, das wechselvolle Schicksal der Stadt zu beschreiben.Seit dem vergangenen Jahr gab es verschiedene Events zur Einweihung der jeweiligen Erinnerungstafeln. Am Todestag des jüdischen Malers Julo Levin, der 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde, ließ man eine übergroße Reproduktion seines Bildes „Hiob“ vom Balkon des Hauses in der ehemaligen König-Albert-Straße 51 (heute ulica Slaska 51) wehen. Und zur Erinnerung an den Automobilbauer Emil Stoewer (1873 – 1942) fuhr ein Cabriolet an dessen Geburtshaus in der einst Deutschen Straße 32 (heute ulica Wielkopolska 32) vor.
Auch zum 120. Geburtstag von Heinrich George Anfang Oktober sollte es ein ähnliches Event geben. „Wir hatten seinen Sohn Jan George eingeladen, der in Berlin lebt. Und geplant war, dass ein Ballett den Robotertanz aus dem Film Metropolis aufführt, in dem George mitspielte“, berichtet Justyna Machnik.
Doch kurz vor der Feier kam es zum Eklat. Zuerst kritisierte die liberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ die Tafel für George, die freilich bereits im Dezember an dessen Geburtshaus angebracht worden war. In dem kurzen, weil dreisprachigen Text war nur dessen Mitwirkung in Filmen von Fritz Lang und in den Inszenierungen von Erwin Piscator in den 1920er-Jahren erwähnt, sowie der Umstand, dass der Schauspieler 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen verstarb. Seine Karriere während der Nazizeit blieb dagegen unerwähnt. Dabei hatte George in dem antisemitischen Drama „Jud Süß“ und kurz vor Kriegsende in dem Durchhaltestreifen „Kolberg“ mitgewirkt, war von Hitler und Goebbels immer wieder als Vorzeigekünstler benutzt worden.
„Wir haben verstanden, dass dies ein Fehler war“, räumt Justyna Machnik ein. Immerhin werde in den gedruckten Materialien der Initiative sowie im Internet auch auf die dunklen Stellen der Schauspieler-Biographie verwiesen. Nie aber hätte sie damit gerechnet, welche Empörung in den Medien und der örtlichen Politik losbrechen würde.
„Zu-nächst warfen uns Stettiner Historiker eine Verfälschung der Geschichte vor“, berichtet die junge Frau. Später schalteten sich regionale Vertreter von „Recht und Gerechtigkeit“ ein, jener Partei, die von dem nicht gerade als deutschlandfreundlich bekannten Jaroslaw Kaczynski geleitet wird. Deren Sejm-Abgeordneter Leszek Dobrzynski erklärte: „Es kann nicht sein, dass um die Stadt verdiente Polen in einer Kategorie mit einem Goebbels-Propagandisten dargestellt werden. Die Tafel muss abgenommen werden.“
Geschmackloser Höhepunkt war eine von Nachwuchsleuten der Kaczynski-Partei zum „Happening“ deklarierte Aktion. „Sie stülpten einen schwarzen Müllsack über die Tafel“, berichtet Machnik. Daraufhin musste die geplante Feier abgesagt und vor knapp zwei Wochen auch die Tafel abgenommen werden.
Am schwersten fiel es den Initiatoren, Jan George auszuladen. Der 82-Jährige, der mit seinem Bruder – dem Schauspieler Götz George – bereits seit Jahrzehnten um die Reputation des Vaters kämpft, ist noch heute empört. „Man fühlt sich als unerwünschte Person. Dabei ist der Krieg seit 70 Jahren vorbei“, sagt er in einer ersten heftigen Reaktion. Dann kommt er darauf zu sprechen, dass sein Vater als Intendant des Berliner Schiller-Theaters, zu dem er 1937 von Goebbels ernannt worden war, „sich mit seinem dicken Bauch und seinen breiten Schultern auch schützend vor andere Schauspieler gestellt“ habe. 1985 war der widersprüchliche Vater – freilich auch durch das Nachhaken seiner Söhne in Moskau – von russischen Behörden von dem Vorwurf rehabiliert worden, an Verbrechen der Nazis beteiligt gewesen zu sein. „Er war ja selbst nie Mitglied der Nazi-Partei, übrigens zuvor auch nicht der KPD, wie es in einigen Biographien fälschlicherweise heißt“, verteidigt ihn sein Sohn. Der einzige Unterschied zu Schauspielern wie Gustaf Gründgens oder Heinrich Rühmann, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Karriere fortsetzen konnten, sei, „dass mein Vater 1946 nicht hätte sterben dürfen, sonst hätte er sich auch verantworten können“. Historikern, die solche Zusammenhänge ausblendeten, macht der Sohn zum Vorwurf, „dass sie ein totalitäres Zwangsregime nicht verstehen“.
„Die Tafel konnte aber nicht so hängen bleiben“, meint Pawel Migdalski, ein jüngerer Wissenschaftler der Stettiner Universität. Er räumt ein, dass es schwierig sei, Verwicklungen von Menschen in ein diktatorisches System kurz und verständlich darzustellen, „zumal wir uns in Polen diesem Thema für die Zeit des Kommunismus ja auch noch nicht ausreichend gestellt haben“. Immerhin soll es unter der Ägide der Stadtverwaltung, die das Projekt von Beginn an unterstützt hatte, jetzt eine Diskussion über das weitere Vorgehen geben. Ob an deren Ende eine neue Tafel mit verändertem Text an dem Haus in der einstigen Burschenstraße hängen wird, ist freilich noch völlig ungewiss.

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 06.11.2013