"Täglich 20 000 deutsche Besucher in Stettin"

Die Stadt an der Oder ist eine Metropole mit grenzüberschreitender Wirkung, meint Bürgermeister Piotr Krzystek

Mit rund 400.000 Einwohnern ist Stettin die größte Stadt der deutsch-polnischen Grenzregion. Über Pläne für die Metropole und ihre Zusammenarbeit mit den Nachbarn gibt Bürgermeister Piotr Krzystek Auskunft. Mit ihm sprach Dietrich Schröder.

Märkische Oderzeitung: Herr Krzystek, welchen Nutzen hat Stettin von seiner Nähe zu Deutschland?

Piotr Krzystek: Einen großen. Unsere Bewohner und unsere Firmen können leicht mit deutschen Bürgern oder Firmen zusammenarbeiten. Andersherum ist es genau so: Die Deutschen kommen leicht zu uns. Wir haben festgestellt, dass Stettin im Durchschnitt täglich etwa 20.000 deutsche Besucher hat. An den Wochenenden sind es sogar noch mehr.

Kommen die Deutschen nur um einzukaufen?

Natürlich locken die Einkaufszentren viele Käufer an. Aber auch unsere Philharmonie oder das Schloss der Herzöge von Pommern verzeichnen immer mehr deutsche Besucher. Und an unseren Kulturfestivals nehmen zahlreiche ausländische Künstler teil. Von unserem Flughafen fliegen auch Deutsche nach London oder Dublin.

Stört es Sie nicht, dass mittlerweile immer mehr Polen in Deutschland einkaufen und einige Hundert Stettiner sogar westlich der Grenze ihren Wohnsitz genommen haben?

Ganz und gar nicht. Es ist doch normal, dass sich jetzt "wo die Grenzkontrollen abgeschafft sind" die Menschen immer mehr mischen. Unsere Stadt, die ja zum größten Teil westlich der Oder liegt, sieht sich als Metropole in einer gemeinsamen, grenzüberschreitenden Agglomeration. Dass sich einige Stettiner in Löcknitz und anderen Orten angesiedelt haben, hängt mit den hohen Immobilienpreisen in unserem Stadtzentrum zusammen. Und es ist natürlich auch eine Motivation dafür, dass wir uns etwas Neues einfallen lassen müssen.

Sie sind seit zwei Jahren im Amt. Was ist Ihnen schon Neues eingefallen?

Zum Beispiel konnten wir durch den Bau zweier neuer Brücken über die Oder und die Regalica ein wichtiges innerstädtisches Verkehrsproblem lösen. Im Zentrum entsteht "mit deutschem Kapital" gerade eine weitere moderne Einkaufsgalerie. Gemeinsam mit Architekten aus Skandinavien wurden Pläne für eine neue ökologische Siedlung entwickelt, in der Sonnenenergie genutzt und der Ausstoß von CO2 sehr niedrig gehalten wird. Und ich hoffe, dass im nächsten Jahr bei uns der Bau des größten "Aquaparks" in Polen beginnt. Der wird, wenn er drei Jahre später fertig ist, auch eine weitere Attraktion für deutsche Gäste sein.

Gibt es auch längerfristige Ziele für die Stadt?

Ja, wir haben eine Entwicklungsstrategie unter der Marke "Floating Garden" entwickelt, also auf Deutsch: "Schwimmender Garten". Das Bild Stettins soll in Zukunft "wir denken da schrittweise bis ins Jahr 2050" noch mehr von der Oder, unserem großen Dammschen See und den Parks geprägt sein. Auch Angebote für Touristen, die mit Segel- oder Motorboot anreisen, werden erweitert.

Mit einer Bewerbung als Spielort für die Fußball- Europameisterschaft 2012 hat es aber nicht geklappt?

Da wir die siebtgrößte Stadt Polens sind und die Spiele wahrscheinlich nur in vier Städten ausgetragen werden, haben wir uns dafür realistischerweise gar nicht beworben. Anders sieht es dagegen mit der Volleyball-Weltmeisterschaft der Herren 2014 aus, die auch in Polen stattfindet. Da wollen wir als Austragungsort mit dabei sein.

Wie schätzen Sie die Situation der Stettiner Werft ein, deren rasche Privatisierung von der EU gefordert wird?

Vor wenigen Tagen, am 16. September, habe ich darüber in Brüssel mit der EU-Kommissarin für Wettbewerbsfragen, Nellie Kroes und dem Kommissar für Beschäftigung, Vladimir Spidla gesprochen. Es ging mir darum, die Bedeutung der Werft für unsere Stadt und die ganze Region zu verdeutlichten.
Die polnische Regierung hatte Brüssel einige Tage zuvor ein Restrukturisierungsprogramm für die gesamte Werft-Branche übermittelt. Ich denke, dass es die Chance für ein gutes weiteres Funktionieren der Werften eröffnet. Und ich hoffe deshalb, dass dieses Programm von der EU jetzt ernsthaft analysiert und unterstützt wird.

Ihr Vorgänger Marian Jurczyk hatte sich den Ruf erworben, nicht gerade ein Freund der Deutschen zu sein. Größere deutsche Investoren machten deshalb bisher auch eher einen Bogen um die Stadt und gingen nach Breslau oder Warschau. Was wollen Sie daran ändern?

Ich kann ehrlich sagen, dass es in meiner Generation keine Vorurteile mehr gegenüber den Deutschen gibt. Wir haben uns ja kürzlich gemeinsam mit der Stadt Pasewalk um eine Ansiedlung des Toyota-Konzerns bemüht und dabei mit den Vorteilen geworben, die ein deutscher Standort in der Nähe einer polnischen Großstadt bietet. Leider hat es diesmal noch nicht geklappt, aber das heißt nicht, dass wir mit solchen Versuchen aufhören.

Fällt Ihnen auch etwas zu dem brandenburgischen Grenzort Schwedt ein?

Ja, natürlich. Als ich noch etwas mehr Zeit als heute hatte, war ich dort im Oder-Center häufiger einkaufen. Und ich weiß, dass es dort den großen Erdölverarbeitungsbetrieb gibt. Mit dem Bürgermeister haben wir uns auch schon mal getroffen. Vielleicht sollten wir das mal wiederholen und neue Ideen entwickeln.

Letzte Frage: Haben Sie auch einen Wunsch an die Deutschen?

Einen ziemlich persönlichen sogar. Ich setzte mich sehr für die Förderung des zweisprachigen Unterrichts an unseren Schulen ein. Inzwischen gibt es in Stettin um die 1000 Schüler, die beispielsweise Fächer wie Mathematik auch auf Deutsch unterrichtet bekommen. Ich wünschte mir, dass es ebenso auf deutscher Seite mehr Schüler gäbe, welche die polnische Sprache zu erlernen versuchen.

Zur Person:
Mit 35 Jahren ist Piotr Krzystek der jüngste Bürgermeister aller polnischen Großstädte. Nach seinem Studium in Jura und öffentlicher Verwaltung gelang ihm ein rascher Aufstieg zum Generaldirektor der Wojewodschaftsverwaltung Stettin. Durch Veränderungen bei der Regionalwahl im Jahr 2001 verlor er diese Funktion und gründete eine Rechtsanwaltskanzlei. 2006 gewann er als zunächst Parteiloser die Bürgermeisterwahl, trat aber inzwischen in die in ganz Polen regierende Partei "Bürgerplattform" ein. Krzystek ist verheiratet, hat zwei Söhne und spielt gern Tennis.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 22.09.2008