"In unserem Lehrerzimmer wird auch Polnisch gesprochen"

Der Leiter des Rahn-Gymnasiums Neuzelle, Karl Fisher, über Internationalität an staatlichen und privaten Schulen

Der Studienrat Karl Fisher wechselte 1992 von Hamburg nach Brandenburg. Seit 2003 leitet er das international ausgerichtete private Rahn-Gymnasium in Neuzelle (Oder-Spree). Ende dieser Woche wird er dort verabschiedet. Mit Karl Fisher sprach Dietrich Schröder.

Märkische Oderzeitung: Herr Fisher, wie groß und wie international ist Ihre Schule?

Karl Fisher: Wir haben 370 Schüler, von denen 40 aus dem Ausland kommen. Die meisten davon sind Polen, wir haben aber auch Slowaken, Russen, Vietnamesen, einen Malaysier, einen Ägypter und eine Japanerin hier. Dazu kommen einige Kinder aus national gemischten Ehen sowie regelmäßig Austauschschüler aus unseren zehn Partnerschulen weltweit.

Und wie sieht es bei den Lehrern aus?

Ich vermute, wir sind das einzige Kollegium in Brandenburg, das aus acht Nationalitäten besteht. Natürlich sind es überwiegend Deutsche sowie sechs Polen. In unserem Lehrerzimmer wird auch Polnisch gesprochen. Das klappt gut, weil wir nicht nur polnische Lehrkräfte haben, sondern auch unseren deutschen Kollegen jährlich einen Polnischkurs bieten. Doch auch eine Weißrussin, ein Russe, ein Franzose, ein Kubaner, eine Ungarin und ein Araber gehören dazu.

Sie wechselten 2003 aus dem Brandenburger Bildungsministerium nach Neuzelle, um dort eine private Schule aufzubauen. Ein ungewöhnlicher Weg ?

Man muss diesen Weg noch etwas weiter zurückverfolgen, um ihn zu verstehen. Meine Familie stammt aus Schlesien, ich bin 1945 während der Flucht meiner Eltern von dort geboren. Schon als ich Geschichte und Slawistik studierte, habe ich mich gedanklich wieder in den Osten begeben, weil mir an der Versöhnung Deutschlands mit unseren östlichen Nachbarn liegt. Nach der Wiedervereinigung, an die ich eigentlich immer geglaubt hatte, ergab sich zunächst die Möglichkeit, in Potsdam zu arbeiten. Ich war im Bildungsministerium unter anderem für internationale Schulpartnerschaften zuständig.

Hing Ihre Entscheidung, nach Neuzelle zu gehen, damit zusammen, dass Sie mit der Internationalität der staatlichen Schulen unzufrieden waren?

Nein. Es ergab sich hier in Neuzelle die Möglichkeit, ein deutsch-polnisches Projekt weiterzuentwickeln. Der Landkreis hatte das ehemalige staatliche Gymnasium, an dem schon Polen lernten, eingestellt. Daraufhin wurde ein freier Träger gesucht und mit der Rahn-Schulgesellschaft gefunden. Auch andere Schulen in Brandenburg leisten hervorragende internationale Arbeit, doch viele tun sich auch noch schwer damit.

Woran liegt das?

Die Schulen haben mit anderen Problemen zu kämpfen, viele Lehrer sind auch wegen der vielen Umsetzungen des Personals verbittert. Darunter leidet die Freude an der Arbeit. Internationale Kontakte aufzubauen kostet zusätzliches Engagement und die Lehrer bekommen dafür keine gesonderte Zeit angerechnet. Zum anderen tun sich die Schulämter schwer, ausländische Lehrer einzustellen.

Warum?

Es ist ja aufgrund des Personalüberhangs überhaupt sehr schwierig, neue Lehrer einzustellen. Ich denke aber auch, dass die Möglichkeit, durch ausländische Lehrer mehr Internationalität zu gewinnen, noch nicht ernsthaft erkannt ist.

Mangelt es an Sponsoren?

Für Projekte innerhalb der Europäischen Union kann man eigentlich eine ganze Menge Geld aus Brüssel bekommen. Für außereuropäische braucht man dagegen Sponsoren. Uns in Neuzelle hat einige Zeit bei einem Projekt mit dem Oman das EKO unterstützt.

Was funktioniert an Privatschulen einfacher als an staatlichen?

Ich glaube, dass sich an freien Schulen mehr risikobereite Leute versammeln, die auch Neues angehen wollen. Ein zweiter Grund ist die geringere Hierarchie. Wenn einer unserer Lehrkräfte zu unseren Partnerschulen nach Budapest oder Südafrika fliegen will, dann braucht er nur das OK von mir und schon geht es los. Für den Schüleraustausch gilt ähnliches, wobei da natürlich die Eltern das letzte Wort haben.

Und wie teuer sind solche Austausche?

Das liegt so zwischen 20 und 3000 Euro. Am preisgünstigsten sind unsere Wochenausflüge nach Polen, am teuersten ein Vierteljahr in Südafrika oder im Oman. Natürlich übernehmen in der Regel die Eltern die Kosten, wobei sich bei Austauschen auch vieles auf Gegenseitigkeit regeln lässt. Die EU-Mittel habe ich schon erwähnt.

Welche Erfahrungen haben Sie im Austausch mit Polen?

Die kulturelle Kommunikation zwischen deutschen und polnischen Schülern ist eine echte Herausforderung. Wenn man nach Polen fährt, weiß man, dass man dort auf große Gastfreundschaft trifft. Damit rechnen die polnischen Schüler auch, wenn sie zu uns kommen. Die Deutschen sind aber genau umgekehrt, sie verhalten sich eher abwartend und bieten ihren Gästen am Anfang nur verhalten etwas an. Da muss man drüber reden und man muss auch etwas für ein besseres Verständnis tun, indem man Begegnungen und gemeinsame Unternehmungen organisiert.

Als Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Brandenburg engagieren Sie sich seit Jahren für mehr Polnisch-Unterricht an allen Schulen. Was wurde bisher erreicht?

Der Anteil der Schüler, die Polnisch lernen, ist etwas gestiegen. Das ist schon erfreulich, sollte aber nicht das Ende sein. Wichtig wäre, wenn an noch mehr Grund- und weiterführenden Schulen Polnisch als Nachbarschaftssprache und/oder als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten würde. Die Bereitschaft zur Unterstützung aus dem Bildungsministerium ist dafür vorhanden.

Sie werden die Schule in Neuzelle in wenigen Tagen verlassen. Was war dort Ihr eindrucksvollstes Erlebnis?

Ich bin insgesamt sehr glücklich über die Zeit hier, obwohl es eine körperlich und zeitlich anspruchsvolle Arbeit war. Das schönste Erlebnis bisher war eine Abiturrede unserer polnischen Schülerin Malgorzata Majer im Jahr 2006. Sie berichtete, wie fremd und hart es für sie war, als sie hierher kam, und wie wohl und integriert sie sich schließlich gefühlt hat. Sie hat ihr Abitur mit 1,2 gemacht.

Was macht sie jetzt ?

Sie studiert jetzt Medizin in Berlin.

Zur Person:

Der 1945 in Süddeutschland geborene Karl Fisher lebte nach einer Kaufmannslehre und verschiedenen Studien lange Zeit in Hamburg. Er war dort von 1974 bis 1991 als Leiter einer Gesamtschule sowie in anderen Schulleitungsfunktionen tätig. Von 1992 bis 2003 arbeitete Fisher im Brandenburger Bildungsministerium. Seit 2003 leitet er das Rahn-Gymnasium in Neuzelle. Fisher lebt in Cottbus und hat zwei erwachsene Söhne.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 26.01.2009