Reisebericht aus den ukrainisch, polnischen Waldkarpaten

IMG_1043.JPG

Vröffentlicht auf der internet-Seite des Reiseveranstalters mtm - Szczecin und in einigen internet-foren

Polen – Ukraine: Impressionen aus einem vergessenen Winkel Europas
Ein Reisebericht aus den ukrainisch-polnischen Waldkarpaten 

     

Vielleicht ist es ein Faible für die vergessenen Ecken dieses Kontinents, vielleicht ist es aber auch nur die Neugier, die uns immer wieder in die letzten Ecken treibt. Je dichter die Grenze desto mehr zieht sie uns an. So ging es uns, die wir ja selbst an einer Grenze leben, schon Jahre lang. Sei es auf den Spuren Emil Noldes im dänisch-deutschen Grenzland, oder im Vielländereck der Eifel-Ardennen Region, im Elsass, im Schwarzwald und den Vogesen, oder wie in diesem Sommer in einer Ecke, die wohl nur wenige Leute als begehrenswertes Reiseziel bezeichnen würden.

Unser Ziel war die Erkundung des polnisch, ukrainisch, slowakischen Dreiecks und der polnischen „eastern wall“, der heutigen Außengrenze der Europäischen Union. Einstmals als Galizien in Atlanten erwähnt. Eine Ecke, in der sich Religionen, Völker und Volksgruppen vermischten. In der sie sich aber auch von den Mächten dieser Welt gegeneinander aufhetzen ließen. Eine „exotische Ecke“ auf unserem Kontinent, die heute den wenigen dort noch lebenden Menschen kaum noch das Brot einbringt, dass sie benötigen und in der die Natur noch das Leben des Menschen zu bestimmen scheint.

Das Auffälligste dieser Region scheint das Holz zu sein. Wer wie wir, in einer Landschaft aus steingebauten Häusern aufgewachsen ist, den mutet die hier vorherrschende Holzarchitektur schon ein wenig fremd an. Ganz besonders die grossen, auffälligen Holzkirchen, die hier in östlicher Kirchentradition entstanden sind und von denen sich zahlreiche bis in die heutige Zeit gerettet haben. So fing unsere Tour auch mit eben diesen Kirchen an, von denen wir an den ersten zwei Tagen etwa 10 besuchten. Dann kamen auch die anderen Teams an und so waren wir am Ende 5 Autos, 2 Mercedes G, zwei Landcruiser und ein Landrover Discovery, die sich aufmachten ein unbekanntes Land zu entdecken. Die erste Panik entstand, als einer der beiden Gs auf Straßenreifen anrollte. „Das geht man gar nicht“ war in etwa der Kommentar den wir zu hören bekamen. Doch schon bald legte sich dieses Problem, ein samstäglicher Besuch bei einem Reifenservice brachte zwar keine große Änderung, aber die zwei mitgebrachten MT-Reifen plus der serienmäßigen Sperren sollten dann wohl ausreichen. Nicht viel weniger Bedenken hatten unsere Partner vor Ort zu den Goodrich AT´s auf dem kurzen Landcruiser, aber ein Auto lässt sich ja wohl noch mitziehen.

Unser Ziel waren die Waldkarpaten des polnisch-ukrainischen Grenzlandes. Und so führte uns die Tour für die ersten zwei Tage zuerst durch den südöstlichsten Zipfel Polens. Hier in den Bieszczady ist ein Grossteil der Landschaft zum Nationalpark erklärt, um den wir einen weiten Bogen geschlagen haben, schließlich war nicht nur noch Ferienzeit, sondern auch noch ein langes Wochenende. Der San, ein Nebenfluss der Weichsel, war unser ständiger Begleiter solange wir uns nördlich der Wasserscheide zwischen Ostsee und Schwarzem Meer bewegten. Einstimmig waren wir der Meinung, dass diese als nahezu entvölkerte Landschaft angepriesene Ecke um ein vielfaches überlaufener erscheint, als unsere pommersche Seenplatte. Zudem stießen wir immer wieder auf die Wohltaten der Europäischen Union, die mit viel Geld dafür Sorge trägt, dass auch noch der letzte kleine Feldweg asphaltiert und die letzte Flussdurchfahrt mit Betonplatten ausgelegt wird. Piotr, unser „Localscout“ mit seinem Discovery hatte also alle Hände voll zu tun, uns von der Schönheit dieses Landstriches zu überzeugen und Strecken zu finden, die abseits des Tourismusrummels verliefen. Dabei begegneten wir wild lebenden Pferden genauso wie einsam lebenden Köhlern. Und auch die Zeichen des Krieges zeigten sich. Eines Krieges der in dieser Ecke erst 1947 mit der Niederlegung ganzer Dörfer und der Vertreibung ihrer ukrainischen Bewohner zuende ging, der zuvor tausenden Menschen in ukrainisch-polnischen Kämpfen das Leben gekostet hatte und der im Bewusstsein der Menschen noch heute allgegenwärtig zu sein scheint. Unsere beiden Lager schlugen wir, nach Erlaubnis durch die Besitzer, auf malerischen Plätzen auf, einmal am Waldrand und ein zweites Mal auf etwa 900m Höhe mit einem wunderbaren Ausblick auf die Bergwelt.

Der letzte Tag in Polen stand ganz im Zeichen noch notwendiger Besorgungen. Unsere „Hexe“, der ausgesprochen sympathische Wachhund der Cruiserfraktion, brauchte noch neben dem üblichen EU-Impfpass ein Drittlandzertifikat vom Amtsveterinär, Wasser wollte noch eingekauft werden und auch sonst, wollten wir möglichst autark über die Grenze fahren. Doch dann ist es soweit, wir stellten uns an. Es war etwa 18:00 Uhr und am Grenzübergang herrschte eine bunte Mischung aus stoischer Ruhe und geschäftigem Treiben. Wir standen in einer Schlange von etwa 100 Autos, die alle nur mal kurz zum Tanken fahren wollten und wurden langsam, langsam in Richtung Schlagbaum getrieben. Um es kurz zu machen, nach drei Stunden hatten wir die Grenzkontrolle ohne größere Schwierigkeiten, aber auch ohne die immer vorhergesagten „notwendigen“ Bestechungsgelder zu zahlen, passiert. Was blieb war ein schaler Geschmack, eine Erinnerung an längst vergangen geglaubte Zeiten, die wir auch von unserer Grenze her erinnern, die wir aber auch an der damaligen Außengrenze der EU nicht akzeptieren konnten. Eindeutig stellten wir fest, es geht auch anders. Für uns aber ging es nach einem kurzen Tankstop weiter. Wir wollten etwa 100km weg von den Hauptstrecken ein Nachtquartier suchen, also fuhren wir bei strahlendem Vollmond über Ukrainische Landstrassen in die noch junge Nacht hinein.  

Nachts tobt auf Ukrainischen Strassen das Leben. Alt und Jung trifft sich auf der Strasse, unbeleuchtete Fahrradfahrer, Fußgänger, Pferdefuhrwerke und Schlaglöcher lassen die Fahrt zum Abenteuer werden. Und dann bogen wir irgendwo ab, durchfuhren ein Dorf in dem die Jugend und die Alten noch an ihren Lagerfeuern saßen und suchten uns in der Bergwelt einen Lagerplatz. Das Wecken am nächsten Morgen hätte nicht romantischer sein können. Glockengeläut näherte sich unserem Camp und schon durchwanderte eine kleine Kuhherde, begleitet von lachenden „Cowboys“ unsere Wagenburg. Also raus aus den Schlafsäcken, frühstücken und die obligatorische Morgentoilette in einem der wunderbar klaren Gebirgsbäche. 
  

                                             
Dann ging es los, die Erklimmung der ersten Polonina stand uns bevor. Das sind die Gipfelkämme oberhalb der Baumgrenze, die in den Waldkarpaten etwa zwischen 1000 und 1200m liegt. Da drüber gibt es nur noch Weite und das Land breitete sich bei wunderschönem Sonnenschein unter uns wie auf einer Landkarte aus. Aber zuerst mussten wir da mal hinauf. Mitte Juli hatte es in den Karpaten nur geregnet und geregnet. Von einer Jahrhundertflut mit Toten und zahlreichen Sachschäden berichteten die Medien. Wir waren gespannt, was uns die Natur abverlangen würde. Ausgewaschene, teils von tiefen Furchen zerstörte Wege waren noch das geringste Übel. Dann eine fehlende Brücke, die uns zu einem Umweg zwang, war doch der Bach zu steil in den Fels gefräst um ihn zu überwinden. Und oben diese sagenhafte Weite bei für uns extra strahlend blauem Himmel.

Ja und wer oben ist, der kann nur nach unten und dort ein paar hundert Höhenmeter tiefer, am urtümlichen Buchenwald, da suchten wir unsere Lagerplätze. Doch bis dahin wieder Eindrücke und Adrenalin. Der Untergrund der Waldwege besteht aus Löss und Stein, bei feuchtem Wetter eine schwer zu fahrende Mischung. Nun wurde auch dem letzten klar, warum die MT-Reifen so wichtig waren. Doch ganz egal wo zwischen Gipfel und Tal wir unsere Lager aufschlugen, an jedem Morgen weckte uns das lustige Geläut der Kühe und das muntere „Dobre dzien“ ihrer Hirten. Nur einen einzigen Wanderer trafen wir in der Bergwelt, die doch so dicht neben dem polnischen Nationalpark liegt, wo tausende über ausgetretene Pfade stiefeln. Niemand hat wohl gezählt wie viele Berge wir erklommen und in wie viele Täler wir hinab gefahren sind, wie viele Flüsse wir durchfahren und an wie vielen Hängen wir Pilze und Beeren geerntet haben.

Geerntet haben wir übrigens nur Brombeeren am Buchenwald, nicht die Blaubeeren auf den Polonine. Diese wurden von hunderten emsiger Hände schon vor uns gekämmt. Junge und alte, Männer und Frauen die am frühen Morgen von geschickten Unternehmern in uralt erscheinenden 6x6 Lastwagen hinaufgefahren werden und dann den ganzen Tag über kämmen, bis abends der LKW wieder ins Tal hinab fährt. Ihre tiefblauen Hände zeugten vom Erfolg ihrer Arbeit, wie auch die immer blattloser werdenden Blaubeersträucher. 

Noch immer bin ich fasziniert von dieser Welt der Berge mit ihren urtümlichen Buchenwäldern und den weiten Höhen, die so ganz anders ist, als die Alpen, der Harz oder die Eifel. Fasziniert bin ich aber auch von den Menschen, denen wir begegneten. Seien es die Hirten, die uns freundlich grüssten, der Pilzessammler mit dem wir über die „schöne Julia“ und die Orangene Revolution diskutierten, bevor er uns eine für uns neue Speisepilzart zeigte, oder die Frauen in den Läden, die uns nicht nur das ukrainische Bier in Plastikflaschen, sondern auch „richtige“ Tomaten, wohlschmeckendes Graubrot oder den köstlichen ukrainischen Halva verkauften. 

Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt von der grünen Grenze zu Polen, wir waren auf dem Rückweg, hatten etliche Kilometer staubiger Kreisstrasse hinter uns und tranken nun einen wohlverdienten Tee auf einer grünen Höhe. Irgendwo in der Stille näherte sich ein Mopedmotor und schon aus 100m Entfernung klang es fröhlich „Dobre dzien“. Der Grenzschutz der Ukraine, ein etwa 40jähriger Grenzschützer, hatte seine kleine Maschine durch die Löcher gequält um uns zu kontrollieren. Nachdem schnell klar war, dass wir bereits seit Tagen im Lande waren, ein Funkgespräch auch die letzten Zweifel klärte,  konnten wir zum gemütlichen Teil übergehen. gibt es hier Wölfe, wo leben noch Wisente, wovon leben die Menschen hier in der Region? Ja Wölfe und Wisente gibt es, die Menschen aber, die jungen besonders, die wandern ab. Kaum eine Familie, die nicht irgendein Mitglied im Ausland hat, um das notwendige Geld zu verdienen, in Polen, Frankreich oder noch weiter weg in Amerika. Und der Tourismus spielt auch heute noch eine nur geringe Rolle. Einige wenige Skilifte fielen uns auf und in einem Tal sahen wir sogar einige Datschen und ein paar Städter, die sich auf der Wiese am Fluss sonnten, aber keine Agroturystyka, kein Urlaub auf dem Bauernhof, wie sie im benachbarten Polen und der Slowakei zuhauf zu finden sind. So wundert es nicht, das wir auch auf den restlichen Kilometern bis zur Grenze nur das bereits gewohnte Bild der Arbeitsmaschinen sahen, Bauer, Pferd und Frau, wobei der Bauer Pferd und Wagen führt und die Frau mit der hölzernen Heugabel auflädt.

Unsere Reise ging ihrem Ende zu, noch einige Male mussten wir einen kleinen Fluss durchfahren, der hier seinen Ursprung nimmt, bevor er bei Odessa als großer Strom in das Schwarze Meer mündet, den Dnjestr. An seinem Ufer begegneten wir noch einem Schwarzstorch, jenem heimlichen Bruder unserer Weisstörche.   

Um allen Missverständnissen vorzubeugen. Die Ukraine ist, wie alle osteuropäischen Länder ein Land der harten Gegensätze. Unsere Reise führte durch die tiefste Provinz, abseits aller Städte. Wenn immer wir uns einer noch so kleinen Stadt näherten, sahen wir moderne Autos, neue Bauten, gut ausgebaute Fernstrassen, modernste Tankstellen gleich hinter der Grenze zu Polen, bunt beleuchtete Motels und Läden die unserem gewohnten Eindruck standhielten. Aber wir suchten ja die Einsamkeit in der Natur, das Urtümliche und die Weite. In der Erinnerung bleiben die krüppeligen Buchen, die weiten Flächen mit ihren überall aufragenden Enzianstauden, die freundlichen Menschen und der strahlend blaue Himmel über den goldgelben Feldern. Eine Landschaft in den Nationalfarben der ukrainischen Republik.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.mtm.inet.pl/entdeckerreisen.htm
Veröffentlichung/ data publikacji: 31.08.2008