Rosen aufs Grab nach 60 Jahren

In Gadkow Wielki (Groß Gandern), einem kleinen Ort östlich von Frankfurt, wurde der frühe deutsche Friedhof wieder hergerichtet. In immer mehr Orten der früheren Neumark, die seit 1945 zu Polen gehört, wird heute wieder an die frühen deutschen Einwohner erinnert.

Ein alter Friedhof im Nieselregen, direkt an einem Bahndamm, über den gerade ein endlos langer Güterzug mit schlesischer Kohle rollt. Melancholischer als an diesem Novembernachmittag kann die Stimmung eigentlich kaum sein. Und doch vollzieht sich auf diesem Fleckchen Erde im polnischen Dorf Gadkow Wielki, das bis 1945 Groß Gandern hieß, gerade ein kleines Wunder.

"Das ist der Grabstein unseres Großvaters", sagt Gisela Schulz und zeigt auf eine leicht beschädigte Steinplatte. August Deisler, gestorben am 8. Mai 1936 steht darauf. "Leg die Rosen hierhin", sagt Franz Deisler, der Bruder von Gisela. Die beiden Rentner, die seit vielen Jahren in Ziltendorf (Oder-Spree) leben, sind noch hier, östlich der Oder, zur Welt gekommen.

"Vor 40 Jahren war ich schon einmal hier, da lebte unser Vater noch", erinnert sich Fritz Geisler. Schon damals hatten sie nach dem Grabstein ihres Vorfahren gesucht. "Die deutschen Steine warem alle umgeworfen, wir fanden den Stein von Großvater und legten ihn wenistens frei", berichtet der Mann.

Doch in den Jahren danach sollte dieser Friedhof wie viele andere ehemalige Grabstätten in Vergessenheit geraten. Die neuen polnischen Bewohner legten ihren katholischen Friedhof genau vor dem deutschen Gottesacker an. Jener geriet nicht nur in Vergessnheit, sondern wurde zu einem Müllplatz, den Gestrüpp und Bäume überwucherten.

"Als ich vor einigen Jahren die Überreste des Friedhofs fand, war ich schockiert", erinnert sich Ludomir Poglodzinski. Das Schicksal des Polen ist eng mit dem Nachbarland Deutschland verbunden. 1986 war Poglodzinski ins damalige Westberlin geflüchtet. Nach der Wende fand er am See von Groß Gandern, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Badeort für Berliner und Brandenburger war, ein Wochenendgrundstück.

Poglodzinski suchte nach Verbündetet, denen das Schicksal der deutschen Gräber nicht egal war. Er fand sie in ehemaligen deutschen Einwohnern wie etwa Günter Marbach aus Berlin, dessen Mutter aus Groß Gandern stammte, aber auch in Polen. So halfen Schüler des Jan-Kochanowski-Gymnasiums im nah gelegenen Rzepin (Reppen) im Rahmen des Geschichtsunterrichts bei den Aufräumarbeiten. Gemeinsam mit zwei Lehrerinnen nahmen die 15-jährigen Mateusz, Radek und Bartek jetzt auch an der Wiedereinweihung teil. "Die Arbeit hat uns Befriedigung verschafft", sagen sie.

Doch nicht alle Polen brachten dem Anliegen sofort Verständnis entgegen. Die Ortsvorsteherin Bozena Boruk warf Poglodzinski sogar vor, den katholischen Friedhof entweihen zu wollen. "Sie zeigte mich bei der Polizei an, die mich verhörte, weil wir angeblich einen Gehweg mit dem alten Gestrüpp versperrt hätten", so der Pole. Ein Verfahren dazu schwebt noch.

Doch am Buß- und Bettag konnte das Eichenkreuz geweiht werden, das an die Deutschen erinnert. Die wieder gefundenen Steine, insgesamt über 60, sind im Halbkreis dazu aufgestellt. Pfarrer Edward Biskupski erinnert daran, dass viele heutige Einwoher von Gadkow Wielki, deren Vorfahren aus den jetzt weißrussischen Gebieten kamen, die bis 1945 zu Polen gehörten, die Gräber ihrer Ahnen nicht besuchen können. Viele Teilnehmer sind bewegt. Einzig die Ortsvorsteherin und Poglodzinski können sich (noch) nicht überwinden, der Aufforderung des Pfarrers zu folgen und sich die Hände zu reichen.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 18.11.2005