„Hier ist die Zeit stehen geblieben"

Die Orgel in der Johanniterkirche von Slonsk (Sonnenburg) wird derzeit rekonstruiert . Anfang Juli soll das Instrument wieder erklingen.

Ein Mann namens „H. Hoffmann" hat seinen Namen am 29. Juni 1873 in das hintere Gebälk der Orgel von Sonnenburg eingeritzt. Darunter steht „E. Klingebeil, den 18. Juli 1884". Und noch zahlreiche weitere deutsche Namen und Daten sind auf den alten Kiefernbrettern zu lesen.

„Tja, hier ist die Zeit stehen geblieben. Wahrscheinlich sind das alles Namen von Leuten, die hier im Hinterstübchen mal den Blasebalg des Instruments getreten haben", vermutet Markus Herrmann. Der junge Orgelbauer aus der Werkstatt von Christian Scheffler in Sieversdorf (Märkisch-Oderland) ist derzeit dabei, das ehrwürdige Instrument in der seit 1945 polnischen Kirche zu restaurieren.

„Die Orgel war in einem sehr schlechten Zustand", ergänzt Herrmanns Kollege Gunnar Schmid. Von den einst 21 Registern war nur noch ein einziges mehr schlecht als recht spielfähig. Die meisten der Holzpfeifen, die alle um das Jahr 1846 in der damaligen Werkstatt Buchholz in Stettin gefertigt wurden, waren zwar noch erhalten. „An einigen größeren Pfeifen klebten sogar noch Lieferscheine von Stettin nach Sonnenburg", berichtet Schmid. Die Metallpfeifen dagegen, die die Front jeder Orgel zieren, lagen nur als ein großer Haufen Schrott auf der Kirchenempore. Die derzeit sichtbaren Pfeifen sind als Attrappe auf eine Leinwand gemalt. Der findige polnische Pfarrer Jozef Drozd hat einfach einen Lautsprecher hinter diese Attrappe gestellt. Die Musik in den Gottesdiensten kam bisher von einem Keyboard, das ebenfalls auf der Empore versteckt war.

Schmid und Herrmann müssen sich mit der Restaurierung beeilen. Denn in genau einem Monat, am 3. Juli, soll auf dem Instrument wieder ein Konzert gegeben werden. Dafür, dass dies möglich wird, haben die deutsche Zeit-Stiftung und die polnische Katholische Kirche insgesamt 40 000 Euro aufgebracht.

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, ist der Initiative von Karl-Christoph von Stünzner zu verdanken. Der ehemalige Bundeswehroberst dürfte zahlreichen Menschen in der Oderregion bekannt sein. Schließlich war er in den 1990er Jahren Chef des damaligen Verteidigungsbezirkskommandos 85, das seinen Sitz in Frankfurt (Oder) hatte. Eine seiner größten Bewährungsproben war der Hilfseinsatz der Bundeswehr bei der Oderflut vor 13 Jahren.

Privat ist von Stünzner auch noch ein „Rechtsritter" des alten Johanniterordens. Dieser wiederum hat zu der Kirche im früheren Sonnenburg eine ganz besondere Beziehung. „Sonnenburg war seit 1426 der Sitz der Ballei Brandenburg des Ordens", erläutert von Stünzner. Von hier aus widmete sich der Orden, der schon im Jahr 1099 während des ersten christlichen Kreuzzuges in Jerusalem gegründet worden war, der für Brandenburg gewonnenen Neumark östlich der Oder. Mit dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands 1945 war aber auch das Ende der Kommende Sonnenburg besiegelt.

Nach der deutschen Vereinigung 1990 begann der Orden – der sich heutzutage als Träger der Johanniter-Unfallhilfe vor allem karitativen Zwecken widmet – sich wieder für seinen einstigen Sitz zu interessieren. Unter anderem wurden die mit den Wappen der Ordensritter verzierten Tafeln und Fenster wieder in der Kirche angebracht.

Und jetzt ist die Orgel an der Reihe. Sie wird künftig vor allen bei Gottesdiensten der katholischen Gemeinde in Slonsk zu hören sein. Doch auch bei Konzerten mit deutschen und polnischen Gästen soll die „Königin der Instrumente" erklingen.

Zu dem ersten Konzert auf der restaurierten Orgel, das am 3. Juli um 18 Uhr stattfindet, wird es eine Busfahrt ab Slubice geben. Sie startet um 16 Uhr an der Oderbrücke und endet abends auch dort (Kosten 5 Euro pro Person). Anmeldungen bis zum 25. Juni per Telefon 033608 3373.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 03.06.2010