Gebet für einen großen Rabbiner

Auf dem einstigen jüdischen Friedhof von Frankfurt (Oder) in Slubice fand gestern eine bemerkenswerte Zeremonie statt

Der einstige jüdische Friedhof von Frankfurt (Oder) hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 63 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Würde der Totenstätte jetzt wieder hergestellt.

Die Szenerie war ungewöhnlich, weshalb viele Passanten an der Ausfallstraße im polnischen Grenzort Slubice gestern neugierig oder verwundert schauten. Mehr als 40 orthodoxe Rabbiner in tiefschwarzen Kleidern zelebrierten dort auf einem frisch eingezäunten Gelände das Totengebet Kaddisch – in Erinnerung an einen heiligen Menschen. Was die meisten Zaungäste nicht ahnen konnten, war, dass die Geistlichen aus halb Europa und den USA in den kleinen polnischen Grenzort gekommen waren. Doch dies hat eine längere Vorgeschichte.

Bis 1945 befand sich hier, an der Gabelung der Straßen nach Reppen und Crossen (heute Rzepin und Krosno) der jüdische Friedhof von Frankfurt (Oder). Im Gegensatz zu den in der Oderstadt lebenden Juden, die von den Handlangern Hitlers umgebracht worden waren, hatte der Totenacker den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden. Nur dass sich die Anlage in der früheren Dammvorstadt durch die Grenzziehung an der Oder seit 1945 im polnischen Slubice befand.

Weit mehr als 1100 Menschen dürften auf der Anlage begraben sein, die im Jahr 1399 erstmals urkundlich erwähnt wurde, aber vermutlich noch über 100 Jahre älter sein dürfte. Der berühmteste hier bestattete Tote ist Josef Meir, genannt Theomin. 1781 war der aus dem galizischen Lemberg (heute Lviv in der Ukraine) stammende Mann zum Rabbiner der Frankfurter jüdischen Gemeinde berufen worden. Hier an der Oder entstand sein Werk „Per megadim" (Die süße Frucht), das ihn für die jüdische Geisteswelt unsterblich machte. Es handelt sich um eine Interpretation der koscheren (reinen) Speiseregeln, die bis heute in der orthodoxen Rabbiner-Ausbildung verwendet wird.

Bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren alljährlich am 10. Ijar – dem Todestag Theomins nach dem jüdischen Kalender – Dutzende Juden zu seinem Grab gepilgert. Nach dem Holocaust geriet es in Vergessenheit und wurde 1974 bei der Einebnung des Friedhofs wie Hunderte andere Gräber planiert, um ein Motel auf dem Gelände zu bauen. Die meisten der kostbaren Grabsteine waren zuvor schon geplündert worden. Viele der neuen polnischen Bewohner maßen der als deutschem Friedhof geltenden Anlage keine Bedeutung zu

Erst im Herbst des Jahres 2000 hatte der damalige polnische Ministerpräsident Leszek Miller auf einer Reise in die USA ein Erlebnis, auf das er möglicherweise gern verzichtet hätte. Berel Polatsek, ein in New York lebender Rabbiner, der die Werke von Josef Meir bis ins Detail studiert hatte, wies den polnischen Regierungschef auf die „Schande von Slubice" hin. „Erde, in der sich die Gräber von mehr als 1000 Toten befindet, wurde planiert, um ein Hotel zu errichten", sagte Polatsek dem Ministerpräsidenten. Und er erinnerte auch gestern am Ort des Geschehens wieder an die einstige Schande und hatte dabei wegen seiner Trauer die Augen geschlossen.

Denn gestern war wieder ein 10. Ijar – der genau 216. Todestag von Rabbiner Theomin. Doch in den vergangenen acht Jahren hat sich in Slubice ein kleines Wunder vollzogen. Polatsek, der in New York ein „Komitee zur Rettung des jüdischen Friedhofs von Slubice" gegründete hatte, setzte im wahrsten Sinne des Wortes Gott und die Welt in Bewegung, um die Ehre der Toten wieder herzustellen. Mit Geld, das vor allem aus der jüdischen Welt selbst gespendet wurde, konnte das Friedhofsgelände in den vergangenen Monaten geordnet werden. Die Erde, die 1974 planiert worden war, wurde sorgsam aufgenommen und hinter großen Betonplatten gesammelt. Eine hebräische Inschrift erinnert an die Zerstörung und Wiederherstellung des Friedhofs, dessen Dutzende Hektar großes Areal von einem Zaun nach historischem Vorbild eingefasst wurde. Grabsteine, die bei den Aufräumarbeiten entdeckt wurden, sollen noch zu einem Lapidarium zusammengefasst werden.

Die Stellen, an der Theomin und zwei andere Geistliche ihre Grabstätten hatten, wurden mit Hilfe eines Frankfurters ermittelt. Eckard Reiss, ein Hobbyhistoriker, hatte den Friedhof 1956 ein erstes Mal nach dem Krieg gesehen, damals in Begleitung des noch lebenden letzten Friedhofsgärtners Otto Billerbeck. Jetzt half er den Juden bei der Sanierung der Anlage.

Am neuen dunklen Grabstein Theomins beteten gestern mehr als 40 Rabbiner intensiv. Sie rückten noch enger zusammen als der greise Rabbi Leibisch aus Antwerpen – der in der jüdisch-orthodoxen Welt angesehenste Priester Europas – eintraf. Ähnlich wie an der Klagemauer in Jerusalem schrieben einige Geistliche ihre Gebete an Gott auf Papier, das sie – von kleinen Steinen befestigt, am Grab niederlegten. „In der Anwesenheit eines so hohen Geistlichen fühlen wir uns Gott besonders nah", erläuterte Yakov Moltschadski, ein Mitglied der aus Einwanderern aus der früheren Sowjetunion wieder entstandenen jüdischen Gemeinde von Frankfurt.

„Möge die Erfahrung von Slubice auch anderen polnischen Städten als Beispiel dienen", wünschte sich Monika Krawczyk. Die Warschauerin leitet die polnische „Stiftung zur Bewahrung des jüdischen Kulturgutes" und übergab Berel Polatsek ein Dankschreiben des jetzigen Regierungschefs Donald Tusk. „In Polen gibt es 1200 jüdische Friedhöfe, von denen etwa ein Drittel zerstört sind", erläuterte sie. Polens Oberrabbiner Michael Schudrich konnte gestern allein deshalb nicht nach Slubice kommen, weil in Warschau gleichzeitig eine andere bedeutende Zeremonie anstand. Dort wurde Irena Sendler beerdigt, die im Zweiten Weltkrieg 2500 jüdischen Kindern das Leben gerettet hatte. Sie war am Montag im Alter von 98 Jahren gestorben.

Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) nahm an der Zeremonie in Slubice teil. Er freute sich über, „das große und unverdiente Glück, dass wieder eine jüdische Gemeinde in Frankfurt entstanden ist, nachdem die frühere Gemeinde durch unsere eigene Schuld verloren gegangen war". Zugleich wertete er es als positives Zeichen, dass derzeit westlich der Oder in Frankfurt ein neuer jüdischer Friedhof entsteht, auf dem die Toten nach ihrem Gesetz bestattet werden sollen.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 16.05.2008