Atomares Geheimnis im Buchenwald

Während des Kalten Krieges waren nur 50 Kilometer östlich von Frankfurt (Oder) nukleare Raketensprengköpfe des Warschauer Vertrages stationiert.
Offiziell gab es in der Zeit des Kalten Krieges auf dem Territorium der damaligen Volksrepublik Polen keine Atomwaffen. In Wirklichkeit existierten mindestens drei geheime sowjetische Basen, eine davon ganz in der Nähe von Frankfurt (Oder).
Der Buszno-See liegt malerisch zwischen Hügeln und Wäldern. Im Sommer wäre das Gewässer wohl ein ideales Badeparadies. Stünden da nicht ringsherum die großen Hinweisschilder auf die militärische Sperrzone.
Der See, der älteren Deutschen vielleicht noch als Groß-Bechen-See bekannt ist, gehört bis heute zum Übungsgelände der 15. Polnischen Panzerbrigade, die im nahen Wedrzyn ihr Quartier hat. Auch bundesdeutsche und US-amerikanische Soldaten waren hier in jüngster Vergangenheit schon zu Gast, wenn etwa die Verlegung von Pontonbrücken auf dem Buszno-See trainiert wurde.
Das eigentliche Geheimnis birgt jedoch der Buchenwald auf der anderen Straßenseite. "Fahrt noch ein kleines Stück weiter und dann rechts auf einem gepflasterten Weg", weisen uns Holzfäller die Richtung. Schon bald sehen wir eine riesige Röhre aus Stahlbeton. Zusammen mit der tief in den Boden eingegrabenen Rampe wirkt sie wie das verlassene Nest eines Drachens. Tatsächlich hätte von hier aus ein Inferno entfesselt werden können. "Das war das Silo, in dem sich die Raketenabschussanlage befand", erläutert Piotr Woloszyn.
Der 27-jährige Doktorand der Frankfurter Europa-Universität ist eigentlich kein Militärexperte, sondern angehender Historiker. Vor wenigen Wochen hat er mit den Recherchen für seine Dissertation begonnen, in der er beschreiben will, welche Kontakte Ostdeutsche und Polen vor 1989 zu den in beiden Ländern stationierten sowjetischen Streitkräften hatten.
Obwohl dabei die menschlichen Beziehungen im Vordergrund stehen sollen, stieß Woloszyn zunächst auf einen militärischen Fakt, der westlich der Oder bisher nur wenigen bekannt sein dürfte: In drei sowjetischen Objekten, die sich sämtlich im Westen Polens befanden, waren bis 1989 nukleare Raketensprengköpfe stationiert, die im Falle eines Krieges als Kampfmittel gegen NATO-Verbände hätten dienen sollten.
Nur wenige Meter vom Silo entfernt, stoßen wir auf einen Bunker mit noch größeren Ausmaßen. Dunkle Röhren, an denen sinnigerweise Ameisen ihre Hügel gebaut haben, führen metertief in die Erde. "Das waren die Belüftungsschächte für die Atomsprengköpfe", beschreibt Woloszyn. Erst vor wenigen Jahren hat der Warschauer Historiker Andrzej Paczkowski
jenen Geheimvertrag mit dem Codenamen "Wisla" (Weichsel) entdeckt, den im Februar 1967 in Moskau die damaligen Verteidigungsminister Polens und der Sowjetunion, Marian Spychalski und Andrej Gretschko, geschlossen hatten.
An drei Orten in Polen, bei Jastrowie und Bialogard in Pommern sowie hier bei Trzemesno im Lebuser Land, sollten insgesamt 180 Atomsprengköpfe gelagert werden. Sie hatten eine Sprengkraft zwischen 0,5 und 500 Kilotonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. (Zum Vergleich: Die amerikanische Atombombe, die 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde, hatte 13 Kilotonnen Sprengkraft.) Die Raketen, die die Sprengköpfe hätten transportieren sollen, besaßen laut Andrzej Paczkowski eine Reichweite zwischen 65 und 300 Kilometern. Die polnischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Raketen für einen Angriff auf den Westen hätten dienen oder aber im Verteidigungsfall eine atomar verseuchte Zone außerhalb der Sowjetunion hätten bewirken sollen. In jedem Fall reichten die jeweils 60 Sprengköpfe, die an jedem der drei Orte von 120 Soldaten bewacht und von 60 Offizieren und Technikern bedient werden sollten, nur für kurzzeitige Kampfhandlungen, die jedoch fatale Folgen gehabt hätten.
Ursprünglich hatten die Generäle in Moskau nicht die Absicht, die Atomwaffen im als politisch unzuverlässig geltenden Polen zu stationieren. Doch eine Übung im Jahr 1965, bei der der rasche Transport der Sprengköpfe nach Westen geprobt wurde, offenbarte große Probleme (unter anderem hätten die Transporte vom Gegner leicht identifiziert werden können). Den Bau der Anlage, der bis 1970 erfolgte und 180 Millionen Zloty kostete, musste Polen bezahlen.
In der DDR waren nach heutigen Erkenntnissen schon im Zusammenhang mit der Kuba-Krise sowjetische Atomwaffen stationiert worden. Beide Standorte - Fürstenberg an der Havel und Vogelsang bei Königs Wusterhausen - befanden sich in Brandenburg.
Von den drei Stützpunkten in Polen zogen sich die Sowjets Anfang 1990 zurück. Die Bunker, in denen die Atomsprengköpfe lagerten, wurden notdürftig mit Erde zugeschüttet. Eine Prüfung auf mögliche radioaktive und chemische Rückstände soll keine bedenklichen Resultate gebracht haben. "Schauen Sie mal, die Bäume ringsherum sind alle um die 40 Jahre alt", sagt Piotr Woloszyn beim Gehen. Sie waren einst zur Tarnung der Anlage gepflanzt worden.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 09.03.2009