Ängste beiderseits der Neiße

In der Lausitz sollen sowohl deutsche als auch polnische Dörfer dem BraunkohleAbbau weichen.
Beiderseits der Neiße lagern große Braunkohlevorkommen. Während in Brandenburg die Planungen für die Umsiedlung von drei weiteren Dörfern bei Guben (SpreeNeiße) laufen, sollen im benachbarten Polen künftig noch mehr Orte betroffen sein.

Von Dietrich Schröder

Atterwasch/Pózna (MOZ) „Die Getreideernte ist richtig gut gelaufen. Der Regen im Frühsommer hat die Trockenheit vom April mehr als ausgeglichen." Landwirt Ulrich Schulz, der für ein kurzes Gespräch von seinem Traktor gestiegen ist, schaut zufrieden über das Feld. Und es scheint, als könne den 49-Jährigen, der aussieht wie eine Eiche, so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

Doch mitten im Gespräch deutet er mit seinen kräftigen Fäusten auf die Brust. „Hier drinnen brodelt es", gibt Schulz zu. Denn dort, wo wir uns gerade befinden, soll in einigen Jahren eine riesige Kohlebrücke stehen. Atterwasch, das Dorf, in dem Schulzes Vorfahren seit Generationen lebten, soll dem künftigen Tagebaufeld Jänschwalde Nord weichen. Genau wie die beiden Nachbardörfer Kerkwitz und Grabko.

Schon ab 2018 soll rings um das 3100 Hektar große Gelände eine 70 Meter tiefe Spundwand gegen das Grundwasser gezogen werden. In den folgenden 25 Jahren sollen dann die auf 250 Millionen Tonnen geschätzten Braunkohlenvorräte im Kraftwerk Jänschwalde verstromt werden.

Ulrich Schulz ist nicht nur der größte Arbeitgeber, sondern auch ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Atterwasch. Besonders nachts quälen ihn die Gedanken. „Es ist schon verrückt: Im Dreißigjährigen Krieg haben die Schweden Atterwasch verwüstet und die Kirche zerstört, in der schon Akten meiner Vorfahren lagerten." Nach dem Zweiten Weltkrieg habe dann die schwedische Gustav-Adolf-Stiftung als Zeichen der Wiedergutmachung die Kirche in Kerkwitz wiederaufgebaut. Und jetzt wolle ausgerechnet der schwedische Energiekonzern Vattenfall dafür sorgen, dass die Dörfer ganz verschwinden.

Noch ist nicht klar, wo die rund 650 Betroffenen künftig leben sollen. „Mit unseren 470 Hektar Land wären wir wohl auch der erste private Landwirtschaftsbetrieb, der wegen der Kohle umgesiedelt werden müsste", sagt Schulz. Noch hoffen er und andere, dass sich die Debatte um den Klimawandel weiter verschärft und dass man auch in Brandenburg statt auf Braunkohle noch viel mehr auf erneuerbare Energiequellen setzt. Der Bauer ist sich sicher: „Wenn die Pläne zur unterirdischen Lagerung von CO2 ein paar Monate früher bekannt geworden wären, dann hätten im vergangenen Winter mehr Brandenburger für ein Volksbegehren gegen neue Tagebaue gestimmt."

Können die Deutschen trotz aller Zukunftssorgen im Fall der Fälle immer noch mit einer adäquaten Entschädigung rechnen, ist man sich dessen wenige Kilometer weiter östlich nicht so sicher. Denn auch in Polen sollen mehr als ein Dutzend kleiner Ortschaften verschwinden.

Krystyna Pustelnik, eine Geflügelzüchterin aus dem Dorf Pózna, hatte bisher nur mit den indirekten Folgen des Braunkohlenabbaus in Deutschland zu leben. „Der Wind treibt oft Abgase aus Jänschwalde zu uns herüber. Besonders nachts hört man auch den Lärm der Förderbrücken. Und hier aus dem Brunnen tröpfelt es schon seit Jahren nur noch – weil das Grundwasser auch bei uns gesunken ist", berichtet die blonde Frau. Erst im vergangenen Jahr sei mit Unterstützung von Vattenfall eine Wasserleitung nach Pózna gelegt worden. „Aber das Wasser kommt so weiß wie Milch aus den Rohren", klagt Krystynas Ehemann.

Nun sollen Pózna und andere Dörfer, die zu den Großgemeinden Brody (Pförten) und Gubin gehören, der Braunkohle weichen. Ein Kohle-Konzern aus der Stadt Konin, den die Warschauer Regierung mit den Planungen beauftragt hat, versucht die Lokalpolitiker mit ähnlichen Argumenten zu überzeugen, wie sie auch in Deutschland zu hören sind: Von Investitionen für ein neues Kraftwerk und der Schaffung von Arbeitsplätzen ist die Rede.

Trotzdem lehnten die Einwohner der Gemeinde Brody bei einer Volksabstimmung im Juni das Vorhaben mit 1900 gegen 570 Stimmen ab. Mit ihrer Nachbarin zog Krystyna Pustelnik von Haus zu Haus und Dorf zu Dorf, um auch in der Gemeinde Gubin ein ähnliches Referendum zu erreichen. Tatsächlich hatten die engagierten Frauen Erfolg: Mitte Oktober soll auch im Bereich Gubin abgestimmt werden.

Doch weil in Polen bisher noch das Veto von wenigen Bewohnern ausreicht, um Entscheidungen zu behindern, die vermeintlich im strategischen Interesse des Gesamtstaates liegen, will die Regierung schon bald ein neues Gesetz verabschieden. „Entscheidungen auf Gemeinde-Ebene sollen danach nicht mehr ausreichen", hat Krystyna Pustelnik gehört. Doch die Frau, die vorrangig davon lebt, dass sie ihre 180 Gänse im Winter als Weihnachtsbraten an Deutsche verkauft, will nicht aufgeben. Ihre Motivation klingt einleuchtend: „Wenn Pózna verschwindet, wird uns unsere Lebensgrundlage genommen."

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Veröffentlichung/ data publikacji: 19.08.2009