„Einige Politiker wollen, dass sich Polen entschuldigt“

Die ehemalige Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan über unterschiedliche Sichten auf den Zweiten Weltkrieg.
Vor 70 Jahren – am 1. September 1939 – begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Über früheres und heutiges Gedenken an dieses Ereignis gibt Gesine Schwan Auskunft. Mit ihr sprach Dietrich Schröder.

Märkische Oderzeitung: Frau Schwan, 2009 werden die Regierungschefs Polens, Deutschlands und Russlands erstmals gemeinsam in Danzig an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erinnern. Spaltet dieses tragische Geschichtskapitel die Länder nicht mehr?

Gesine Schwan: Ich freue mich sehr, dass es zu diesem Dreiertreffen kommt. Vor einigen Jahren fand ja ein Treffen zum Stadtjubiläum in Kaliningrad bedauerlicherweise noch ohne Polen statt. Doch ich denke, es braucht noch einen langen Weg, um auch nur annähernd zu einer gemeinsamen Interpretation dieses Krieges zu kommen. Doch es gibt auch über diese historischen Dinge hinaus schwierige Fragen bei diesem Treffen zu besprechen. Ein Punkt, der Polen nach wie vor zu schaffen macht, ist die Gas-Pipeline durch die Ostsee.

MOZ: Vor kurzen noch war eine politische Strömung in Polen auch durch das Schüren antideutscher Vorurteile an die Macht gekommen. Sind Rückschläge also nicht ausgeschlossen?

G.S.: Ganz allgemein gesagt haben Gesellschaften nicht nur eine einheitliche Meinung. Je nach den Umständen kommen unterschiedliche Potenziale an die Oberfläche, und verschiedene soziale Gruppen vertreten darüber hinaus unterschiedliche Positionen. Deshalb halte ich gerade solche Initiativen für wichtig, bei denen Deutsche und Polen feststellen, dass die Erinnerungen innerhalb von Gesellschaften keineswegs homogen sind. Durch die Auflösung der vermeintlichen Homogenität kommt man zu einer differenzierten Sicht auf die Geschichte und zu einer besseren Verständigung zwischen den Nationen.

MOZ: Als Günter Grass’ Novelle über deutsche Vertriebene erschien, tauchte in Polen aber sofort die Reaktion auf: Wollen die Deutschen jetzt die Geschichte umschreiben und sich zu Opfern machen?

G.S.: Ich bin überzeugt, dass die verantwortlichen deutschen Politiker das nicht wollen und eine Mehrheit der Gesellschaft auch nicht. Es gibt aber einige Politiker, die darauf fixiert sind, ein deutsches Nationalgefühl traditioneller Art zu stärken und die auch gegenüber Polen die Erwartung hegen, es möge sich entschuldigen. Diese Forderungen haben im politischen Raum eine Art Veto-Position, weil dahinter eine bestimmte Wählerkundschaft steht, die die CDU nicht verlieren will. Immer vor Wahlen taucht dieses Problem auf. Das war ja auch der Grund, weshalb Helmut Kohl vor der Wahl 1990 die Grenze zu Polen nicht offiziell anerkennen wollte.

MOZ: Angela Merkel ist am Sonnabend auch beim Bund der Vertriebenen aufgetreten…

G.S.: Ich kann das machtpolitisch nachvollziehen, weil sie sich auf der einen Seite gegenüber Polen dafür engagiert hat, dass die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht durch das Mitwirken der BdV-Vorsitzenden Erika Steinbach im Stiftungsrat torpediert wird. Auf der anderen Seite will sie aber auch diese Wählerschaft nicht verlieren, das ist das Dilemma, in dem sie steckt. Was mich dabei wundert, ist die immer wieder vorgetragene Behauptung, dass der Bund der Vertriebenen schon immer auf einem Versöhnungskurs gewesen sei. Das entspricht nicht der Wahrheit. Wobei ich unterstreichen möchte, dass es sehr viele Vertriebene gibt, die große Versöhnungsarbeit geleistet, die sich zum Teil auch anders organisiert haben.

MOZ: Macht Angela Merkel eigentlich eine gute Polen-Politik?

G.S.: Ich glaube, dass sie von ihrem Inneren her an einem guten Verhältnis zu Polen interessiert ist. Sonst wären ihre machtpolitischen Entscheidungen anders ausgefallen. Und sie hat auch ein Gespür dafür, was in der polnischen Öffentlichkeit geschichtspolitisch wichtig ist. Sie kann zudem als gemeinsame Plattform vorbringen, dass sie die Erfahrungen aus einer kommunistischen Diktatur hat. Das erlaubt ihr zugleich eine relativ positive Russland-Politik zu betreiben. Das hat sie bis jetzt ganz geschickt gemanagt.

MOZ: Churchill schreibt in seinen Erinnerungen, dass Polen sich mit „Hyänenhunger“ das Teschener Land einverleibt habe, als Hitlerdeutschland 1938 die Tschechei annektierte. Werden solche Kapitel von Polen bis heute verdrängt?

G.S: In den 1990er Jahren hat man immerhin schon den Anteil polnischer Behörden an Grausamkeiten der Vertreibung offen diskutiert – was aber in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen wurde. Staatspräsident Kwasniewski hat sich zudem in Jedwabne für die Ermordung der Juden durch polnische Täter entschuldigt. Das demokratische Polen hat also im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich sehr früh begonnen, sich zur Beteiligung an moralisch verwerflichen Handlungen zu bekennen. Chirac hat erst Mitte der 90er Jahre den Eigenanteil des Vichy-Regimes an der Verfolgung von Juden offen ausgesprochen. Und Roman Herzog war der erste Bundespräsident, der in Polen von den Verbrechen der Deutschen und nicht nur von denen der Nationalsozialisten gesprochen hat.

MOZ: Wenn Sie sagen, dass Polen früh dran war, rechnen Sie ab 1989?

G.S.: Ja, natürlich. Der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss hat immerhin früh über die deutsche Scham angesichts der Hitlerzeit gesprochen, aber von Schuld war erst später die Rede. Adenauer dagegen hat öffentlich ganz lange die Interpretation vertreten, dass die Deutschen selbst Opfer von nur einigen Rädelsführern waren. Und in der DDR gab es die Faschismustheorie, die insbesondere das Finanzkapital dafür verantwortlich gemacht hat, was passiert war. Die Judenverfolgung thematisierte man nur wenig. Die Tendenz, die Bevölkerung zu entschuldigen, um die Legitimation für das neue politische System zu gewinnen, war in beiden Teilen Deutschlands ganz klar erkennbar. Und das war in Polen nach 1990 anders.

MOZ: Und was ist mit dem Teschener Land?

G.S.: Ich denke, je weniger Druck auf Polen ausgeübt wird, umso mehr wird man dafür offen werden, was es alles an Animositäten in Mittelosteuropa gegeben hat. Es ist ein weiter Weg dahin, dass man einerseits eine Loyalität und eine Verantwortungsverpflichtung gegenüber der eigenen Nation praktiziert und dass man andererseits sein individuelles Selbstwertgefühl, den sogenannten Stolz, nicht davon abhängig macht, dass man einer gloriosen Nation angehört. Das gilt für alle, nicht zuletzt für uns Deutsche.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 24.08.2009