Verbannt in die Taiga

Millionen Polen wurden einst von der Sowjetunion nach Sibirien verschleppt / Ein Verein widmet sich ihrem Schicksal

Krieg und Vertreibung sind Erfahrungen, die ältere Polen und Deutsche teilen, ohne viel über das wechselseitige Schicksal zu wissen. Im „Verband der Sibiriaken" in Slubice treffen sich bis heute Menschen, deren Lebensweg über die Verbannung führte.

Von Dietrich Schröder

Slubice (MOZ) Lucyna Zukowska ist eine so sanfte und zierliche Frau, dass man der 63-Jährigen ihr bewegtes Schicksal gar nicht glauben mag. „Schon meine Eltern waren immer besorgt, weil ich so dünn war", erinnert sie sich mit einem Lächeln. Doch die Umstände, unter denen sie als kleines Mädchen mehr als 5000 Kilometer weiter östlich als heute lebte, waren alles andere als normal.

Ihre Familie, die aus jenem Teil Polens stammt, der heute zu Litauen gehört, wurde 1949 von dort nach Sibirien verbannt. Die damaligen sowjetischen Machthaber warfen ihrem Vater Albin Maliszewski vor, dass er im September 1939 gegen die Russen gekämpft hatte, als diese Polen von Osten überfallen hatten. „Da wir 95 Hektar Land besaßen, wurden meine Eltern auch als Großbauern und Kulaken beschimpft. Dabei arbeiteten sie von früh bis spät und hatten nur zwei Arbeiter", erzählt sie. Lucyna war damals nicht einmal drei Jahre alt, ihre Schwester Franciszka zwei Jahre älter. Auch die Brüder und Schwestern ihres Vaters wurden mit ihren Familien ins ferne Krasnojarsker Gebiet verbannt, insgesamt 18 Personen.

Das Dorf, in dem sie nach wochenlanger Fahrt im Güterzug landeten, hatte nicht einmal einen
Namen. Es wurde nur als „Kolchossiedlung Num-mer 3" bezeichnet. „Außer uns Polen hatte man auch Litauer, Deutsche, Kalmücken und Juden dorthin gebracht", berichtet die Rentnerin. Jeweils zwölf Menschen mussten in einer Baracke leben. Ihre Mutter hatte sich von früh bis spät um Kühe zu kümmern und diese zu melken, ihr Vater kutschierte die Milch in die nächste Stadt.

Die Polin berichtet nicht gern über diese Zeit. „Der Kampf gegen die Läuse, das oft tagelange Getrenntsein von den Eltern oder die primitiven Toiletten, die aus einem Loch im Boden bestanden", sind Dinge, die im Gedächtnis haften. Bis heute hat sie Angst, wenn sie einen Bullen sieht. „Weil die Bullen dort auf der Weide neben den Kühen standen, musste man sich vor den brünftigen Tieren in Acht nehmen", berichtet sie. Ein weiteres Erlebnis liegt ihr bis heute auf der Seele. Eine russische Lehrerin hatte sie in der Schule mit der Frage gequält, ob Gott existiere. So lange, bis sie den Kopf schüttelte. „Zum Glück war meine Schwester standhaft", ist die Katholikin erleichtert.

Erst 1955, zwei Jahre nach dem Tode Stalins, durfte die Familie nach Polen zurück. Natürlich nicht mehr in das litauische Gebiet, das ja nun zur Sowjetunion gehörte. Stattdessen landete man ganz weit im Westen, in Slubice, das bis 1945 ein Stadtteil von Frankfurt (Oder) war. „Hier gab es leere Wohnungen", berichtet sie. Und dass sich die Neuankömmlinge wunderten, als im Winter die Schule wegen Kälte ausfiel. „Was war das schon für Kälte? Wir waren aus Sibirien ganz andere Minusgrade gewöhnt."

Die Vergangenheit galt – außer im privaten Kreis – fortan als Tabu. Denn offiziell erinnerte man sich in der Volksrepublik Polen nur an jene Verbrechen, die die Deutschen im Krieg verübt hatten. Erst 1988 entstanden in Warschau und anderen Großstädten die ersten „Vereine der Sibiriaken".
Denen ging es nicht nur um die Erinnerung, sondern auch um kleine Renten, die die Verbannten endlich als Entschädigung für die erlittene Not und Krankheiten erhalten sollten. Auch in Slubice gründete sich solch ein Verein. Am 17. November wird er sein zwanzigjähriges Bestehen feiern. „Heute leben hier noch etwa 40 Sibiriaken", berichtet Lucyna Zukowska. Ihre Mutter, inzwischen 91-jährig, gehört dazu.

Ein Mitglied des Vereins wohnt in Frankfurt (Oder). Der 68-jährige Ryszard Kowaluk hat eine besonders verzwickte und tragische Biographie. Sein Vater Konstantin war 1948 wegen seiner antikommunistischen Gesinnung zu 25-jähriger Zwangsarbeit in Workuta am
Polarkreis verurteilt worden.

„Einige Wochen später holten sie dann auch Mutter und uns drei Söhne ab", berichtet Kowaluk. Noch in der Nacht hätten die russischen Soldaten an die Tür geklopft. Dann begann die Fahrt in die Taiga. In einer Frauenbrigade musste Janina Kowaluk dort riesige Bäume fällen. „Viele Menschen überlebten dies nicht", betont Ryszard. Ohne den Vater durfte die Familie 1956 nach Polen zurück. „Da war gerade der erste antikommunistische Aufstand in Posen. Über uns Neuankömmlinge, die von vielen als Russen bezeichnet wurden, freute man sich da nicht gerade."

Ryszard eckte wie sein Vater immer wieder politisch an, musste erst ein Studium abbrechen und beteiligte sich später an der Solidarnosc-Bewegung. Als er Anfang 1989 erstmals in die Bundesrepublik reisen durfte, stellte er Antrag auf politisches Asyl. Nach der deutschen Vereinigung wurde der gelernte Elektriker von einer Firma nach Brandenburg geschickt. „Einmal geriet ich vor eine sowjetische Kaserne. Da nahm ich schnell Reißaus."

Seit einigen Jahren lebt er in Frankfurt und fand so den Kontakt zum Slubicer Verein. Sein Sohn Edward, mit dem er 1989 nach Deutschland emigrierte, ist inzwischen Offizier der US-Armee. Sein Vater dagegen kehrte nach seiner Entlassung aus Workuta aus privaten Gründen nicht nach Polen, sondern in die frühere Heimat Litauen zurück. Dort erlebte er 1989 auch das Ende des Kommunismus. „Das hatte er schon 1948 seinen Richtern prophezeit", sagt Kowaluk.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 11.11.2009