„Ich drängte Kanzler Kohl , die Grenze endgültig zu regeln"

Tadeusz Mazowiecki über die Zeitenwende von 1989, den Mauerfall und Erika Steinbach

Im August 1989 wurde Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Regierungschef in einem Land des früheren Ostblocks gewählt. Heute ehrt ihn die Frankfurter Europa-Universität mit dem Viadrina-Preis. Mit ihm sprach Dietrich Schröder.

Märkische Oderzeitung: Herr Mazowiecki, als ruhiger und feinfühliger Intellektueller widersprechen Sie allen gängigen Klischees über Politiker. Woher nehmen Sie die Kraft, so ruhig zu bleiben?

Tadeusz Mazowiecki: Ganz offen gesagt, kostet mich das große Anstrengung. Denn im Innern bin ich nicht ruhig. Ich habe mich immer von der Bedeutung der Angelegenheiten leiten lassen, die ich zu repräsentieren hatte.

Hilft Ihnen Ihr christlicher Glaube dabei?

Natürlich. Aber man sollte über den Glauben keine großen Reden führen.

Wie war die Reaktion in den anderen damals noch sozialistischen Ländern, als ein Kritiker des Kommunismus Ministerpräsident Polens wurde?

Die Reaktionen waren von Land zu Land verschieden, meist unfreundlich, im Fall der DDR-Führung auch offen ablehnend. Das heißt, offiziell sandte man mir natürlich Glückwunschtelegramme. Der rumänische Staatschef Ceausescu schlug aber sogar eine militärische Intervention in Polen zur Verteidigung des Sozialismus vor. Als ich einige Zeit später – im November – nach Moskau fuhr, sagte mir Gorbatschow: Es wird Sie vielleicht wundern, aber ich wünsche Ihnen Erfolg!

Hatten Sie auch zu anderen kommunistischen Politikern persönliche Kontakte?

Ich nahm ja noch an den Treffen der Warschauer-Vertrags-Staaten teil. Honecker war aber schon nicht mehr dabei, sondern sein Nachfolger Krenz.

Wie fühlten Sie sich in diesem Kreis?

Ich hatte großen Wert darauf gelegt, dass ich nicht allein dorthin fahren musste, sondern unseren Außenminister, Professor Krzysztof Skubiszewski, an meiner Seite hatte. Denn er kam auch aus unserem Lager, das heißt von der Solidarnosc. Man spürte natürlich auf diesen Treffen den Unterschied zwischen denen, die auf Gorbatschow hofften, und jenen, die seine Politik ablehnten.

Aus welchen Ländern bekam Ihre Regierung damals Unterstützung?

Zunächst sah es so aus, als würden wir für lange Zeit die einzigen im sozialistischen Lager bleiben, bei denen sich etwas änderte. Doch dann tat sich Schritt für Schritt auch in anderen Ländern etwas. Das war natürlich von größter Bedeutung für uns. Darüber hinaus waren uns auch westliche Länder wohlgesonnen.

Auch die Bundesrepublik?

Ja, Kanzler Kohl hatte mich schon kurz nach meiner Wahl angerufen. Und dann kam er ja Anfang November nach Polen und wir vereinbarten eine umfangreiche Zusammenarbeit.

Kohl kam am gleichen Tag, an dem in Berlin die Mauer fiel. Und er unterbrach seinen Besuch deshalb. Was bedeutete der Mauerfall für Polen?

Wir hatten schon vorher das Gefühl, dass die friedliche Solidarnosc-Bewegung zumindest einen Einfluss auf die Menschen in Leipzig, Dresden und anderen Städten der DDR hatte, als sie auf den Straßen demonstrierten. Der Mauerfall war dann die Bestätigung dafür, dass nun auch in Deutschland grundlegende Veränderungen eintreten würden. Aber in welche Richtung diese Veränderungen gehen würden, das war damals noch nicht klar.

Helmut Kohl berichtet in seinen Erinnerungen an die Vorbereitung der deutschen Einigung über häufige Kontakte zu Ihnen. Aber er schreibt auch, dass Mazowiecki misstrauisch bezüglich der deutschen Bereitschaft zur endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Uns lag natürlich sehr an der endgültigen Regelung unserer Westgrenze, als die Entwicklung in Richtung deutsche Einigung ging. Denn in der Bundesrepublik herrschte ja noch die Doktrin, die auch vom Verfassungsgericht in Karlsruhe vertreten wurde, wonach die endgültige Festlegung in einem Friedensvertrag erfolgen müsse. Aber es war längst klar, dass es solch einen Friedensvertrag niemals geben würde. Und wir wollten nicht, dass diese Frage im vereinten Deutschland nicht geklärt war. Deshalb habe ich Kanzler Kohl so dazu gedrängt, dass diese Sache geregelt werden müsse.

Haben Sie an Kohls gutem Willen gezweifelt?

Ich habe seinen guten Absichten vertraut. Aber die Absichten allein genügten nicht. Wir brauchten den Vertrag.

Ist das so ähnlich, wie die Polen heute den guten Absichten von Kanzlerin Angela Merkel im Fall Steinbach vertrauen, es aber doch keine endgültige Lösung gibt?

Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen.

Welche Meinung vertreten Sie in dieser Angelegenheit?

Die Entscheidung ist eine Angelegenheit der Deutschen. Aber sie müssen etwas dabei berücksichtigen: Für die Beziehungen zu anderen Ländern ist es sehr wichtig, dass man deren Empfindungen gegenüber dem eigenen Handeln wahrnimmt. Von Polen würde die Berufung von Frau Steinbach in die Stiftung nicht gut aufgenommen.

Was bedeutet es Ihnen, heute von der Europa-Universität einen Preis zu erhalten?

Ich freue mich sehr darüber. Die Viadrina ist für mich eine Universität mit symbolischer Bedeutung, weil sie unsere Länder verbindet.

Erinnern Sie sich noch an das Treffen, dass Sie am 8. November 1990 mit Helmut Kohl hier an der Oder hatten?

Ich kann mich sehr gut erinnern, weil uns die vielen Menschen in Frankfurt und Slubice damals fast erdrückt hätten. Sechs Tage später wurde dann der Vertrag über die Bestätigung der Grenze von den Außenministern unterzeichnet.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 30.11.2009