Unsere Lagerfeuer sind erloschen

Edward Debicki gab das Wandern auf und machte Gorzów zu einem Zentrum der Roma-Musik / Am Wochenende gibt es dort ein Festival.
Gorzów (Landsberg) (MOZ) Das Nachbarland Polen hat eine reiche Historie, die sich an vielen Stellen mit der deutschen Vergangenheit berührt. In einer Serie stellen wir ungewöhnliche Geschichten und Menschen östlich der Oder vor.

Das Örtchen Kłodawa liegt auf einem Hügel kurz hinter Gorzów, neue Einfamilienhäuser prägen das Bild. Hier wohnt auch Edward Debicki, der wohl berühmteste Romanes-Musiker Polens und einer der bekanntesten in Europa. Die Zeit für ein Gespräch ist knapp, er muss bald zur Probe. Am Wochenende tritt er auf dem von ihm ins Leben gerufenen Festival "Romane Dyvesa" (auf Deutsch Roma-Tage) in Gorzów auf.
Vor dem schmucken Haus, dessen Eingang mit Säulen flankiert ist, stehen zwei Wagen aus einem Zigeunertreck. Reminiszenzen an Debickis Kindheit und Jugend im wandernden Clan der Krzyzanowskis, Wajs und Korzeniowskis. In einem solchen Wagen hat er die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht, zumindest die Sommer, wenn die Familien durch die Wälder und Dörfer Wolhyniens, damals in Polen, heute in der Westukraine gelegen, zogen. Sie wahrsagten, betrieben Handwerk oder Pferdehandel, und vor allem musizierten sie mit Harfen, Geigen und Akkordeon. "Die Zeit war romantisch", schwärmt Debicki. "Wenn sich unser Lager irgendwo aufhielt, kamen die Leute und wollten sehen, wie die Zigeuner leben."
Nicht zuletzt durch die Musik entgingen sie im Zweiten Weltkrieg mehrmals knapp den Mordkommandos der SS sowie der ukrainischen Befreiungsarmee. Als der Krieg endete, war der junge Edward zehn Jahre alt und hatte bereits viele Tote gesehen. Debicki beschreibt dies eindrücklich in dem Prosa-Band "Ptak Umarlych" (Der Totenvogel).
Der Weg der polnischen Roma hängt eng mit der Geschichte Polens und der Verschiebung der polnischen Grenzen nach Westen zusammen. Nur so ist verständlich, warum eine große Gruppe Roma einige Jahre nach dem Krieg ausgerechnet in der alten brandenburgischen Militär- und Beamtenstadt Landsberg (seit 1945 Gorzów) landete. In den 50er-Jahren begann die kommunistische Parteiführung, eine systematische Ansiedlungspolitik zu verfolgen. "In Gorzów blieben wir meinetwegen", erzählt Debicki. "Ich wollte Musik studieren und im umherziehenden Treck ging das nicht. Wir spielten dort nur nach Gehör. Nur im Winter, wenn wir uns irgendwo eingemietet hatten, konnte ich privat Unterricht nehmen."
1953 begann Debicki seine Ausbildung an der Gorzower Musikschule. "Ich war dort jemand aus dem Wald. Anfangs schauten alle, wie ich mich verhalten werde." Er bewies Talent, übersprang zwei Klassen und gründete drei Jahre später bereits sein eigenes Musik- und Tanzensemble "Terno".
Inzwischen besteht Terno seit 55 Jahren in wechselnder Besetzung, hat unzählige Preise gewonnen und ist in fast allen Ländern Europas und in Amerika aufgetreten. Debickis Instrument ist das Akkordeon, die virtuose Harfentradition der Familie konnte er nicht fortführen, nachdem er als Kind seine Hand aus Neugier zwischen Zahnräder steckte.
Die Zeit des Wanderns ist vorbei, aber Debicki zehrt aus den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend, davon erzählen die über 200 Lieder und zahlreiche, die er verfasste. "Unsere Lagerfeuer sind erloschen", sagt der Maestro mit Nostalgie und gleichzeitig Sachlichkeit in der Stimme. "Um etwas von der alten Zeit zu bewahren, organisieren wir seit 1989 des Festival 'Romane Dyvesa'. Es ist kein typisches Festival, sondern eher ein Treffen für Zigeuner-Musiker aus ganz Europa."

1. Konzert am 3. Juli, 20 Uhr, Stadion Gorzów, Kwiatowa Straße 55 (zu diesem Konzert gibt es eine Busfahrt ab Frankfurt, Näheres unter Telefon 0335 2802358)
2. Konzert am 4. Juli, 20 Uhr, Amphitheater Zielona Góra, ul. Festiwalowa 3

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Veröffentlichung/ data publikacji: 01.07.2010