Geschichten an und in der Oder

Auf dem Bundeskongress der Deutsch-Polnischen Gesellschaften wird ein Studenten-Projekt geehrt. Der Bundesverband Deutsch-Polnischer Gesellschaften – ein Zusammenschluss, dem über 50 Vereine angehören – feiert an diesem Wochenende sein 25-jähriges Bestehen in Frankfurt und Slubice. Ein Preis, der für die Verständigung beider Länder vergeben wird, geht dabei an das „Institut für angewandte Geschichte“.
Sie haben Deutsche und Polen, die vor 1989 im Frankfurter Halbleiterwerk zusammen arbeiteten, sich aber später aus den Augen verloren, wieder zusammengebracht. Sind mit deutschen Vertriebenen in deren frühere Heimatorte gefahren und haben dort Gespräche über ähnliche polnische Schicksale geführt. Und sie haben einstige jüdische Bewohner von Frankfurt dazu gebracht, wieder die Stadt zu besuchen, aus der sie vor den Nazis fliehen mussten.
Die Rede ist von einstigen und heutigen Studenten der Europa-Universität, die sich in außergewöhnlicher Weise auf ihren Studienort einließen und die unterschiedlichen Geschichten von Menschen beiderseits der Oder zusammenbrachten. Das daraus hervorgegangene „Institut für angewandte Geschichte“ wird an diesem Wochenende den Dialog-Preis des Bundesverbandes Deutsch-Polnischer Gesellschaften erhalten.
„Am Anfang war das Ganze spaßig und auch provokatorisch gemeint. Wir wollten auch unsere Professoren etwas ärgern“, berichtet Felix Ackermann, der inzwischen selbst einen Doktortitel erworben hat. Vor zehn Jahren, als die Grenze an der Oder noch kontrolliert wurde, trug man Brückensteine von einem Oder-Ufer ans andere und verkaufte diese zugunsten des Wiederaufbaus einer Kirche. Schuf aber auch ein Gesprächsforum namens „Terra Transoderana“, bei dem etwa Angehörige der polnischen „Solidarnosc“ über ihre einstige oppositionelle Tätigkeit berichteten, von der frühere DDR-Bürger kaum Vorstellungen hatten. Wenn dagegen ältere Frankfurter über die einstige „Dammvorstadt“ (das heutige Slubice) erzählten, kamen polnische Schilderungen aus der Gegenwart der Stadt hinzu.
„Die stärksten persönlichen Erlebnisse ergaben sich immer, wenn sich deutsche und polnische Vertriebene gegenseitig ihre Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählten“, meint Stephan Felsberg. Auch er hat längst sein Studium beendet und ist zum Geschäftsführer des „Instituts für angewandte Geschichte“ geworden.
Nach wie vor finanziert sich die Initiative aus Projektmitteln, läuft ein Großteil der Arbeit ehrenamtlich oder über kurzzeitige Honorarverträge. Lediglich die „Geschichtswerkstatt Europa“, in der die einstigen Studenten mit jungen Leuten aus zahlreichen anderen Ländern Mittel- und Osteuropas zusammenarbeiten, wird von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ finanziert. Diese wiederum entstand aus Mitteln, die deutsche Firmen als Wiedergutmachung für die Beschäftigung von Zwangsarbeitern während der Nazizeit aufbrachten.
„Natürlich ist es besonders schön, dass wir den diesjährigen Dialog-Preis bei unserem Kongress in Frankfurt und Slubice an eine Initiative vergeben können, die aus beiden Städten kommt“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes, Christian Schröter. Das Institut habe sich jedoch gegen zwölf andere Vorschläge durchsetzen können, „weil es uns am meisten überzeugt hat“. Zu dem Kongress, der morgen um 17 Uhr beginnt, werden rund 200 Teilnehmer aus ganz Deutschland und Polen erwartet.

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 20.10.2011